Wladimir - die ganze Wahrheit
- Автор: Belkowski Stanislaw
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: mvg verlag
- ISBN: 978-3-86414-439-4
- Жанр: Биографии и мемуары
Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
1 Ein Projekt des Producers Andrei Wassiljew, bei dem der verdiente Künstler der Russischen Föderation Michail Efremow Gedichte zur »Bosheit des Tages« vorträgt, die von Dmitri Bykow als politische Satire im Stil bekannter russischer Schriftsteller und Lyriker geschrieben wurden.
2 »Stadt der Helden« wurde Leningrad nach der Blockade der Wehrmacht. »Poem ohne Helden« ist eine Anspielung auf ein gleichnamiges Poem von Anna Achmatowa. Anm. d. Ü.
Kapitel 11: Putin und seine Feinde
Unter den russischen Liberalen und auch im Westen grassiert die Auffassung, Wladimir Putin habe sehr viele Feinde und könne deswegen nicht von der Macht lassen. Entzöge man ihm den Schutz der Tausenden von Wachschutzleuten unter der Leitung der Generaloberste Murow und Solotow, und entließe man ihn aus der internationalen, diplomatischen Immunität, würde Putin getötet werden oder in einer Folterkammer landen – oder beides: erst die Folterkammer (wie bei General Pinochet) und dann der Tod (wie Oberst Gaddafi).
Durch langwierige wissenschaftliche Nachforschungen bin ich zu einem anderen Schluss gekommen: Putin hat auch ohne ein Amt nichts zu befürchten, weil er keine gefährlichen Feinde hat. Sie werden lachen, aber er hat wirklich keine.
Beginnen wir mit den in Ungnade gefallenen Oligarchen.
a) Wladimir Gussinski, ehemaliger Eigentümer der Holding Media-MOST und insbesondere der Fernsehgesellschaft NTW, Ex-Präsident des Jüdischen Kongresses Russland, Bürger von Russland, Spanien und Israel.
1996 hatte er eine aktive Rolle bei der Wiederwahl von Boris Jelzin gespielt – einer der wichtigsten Ideologen und Kreativen in Jelzins Stab, der damalige Präsident der Fernsehgesellschaft NTW, Igor Malaschenko, war direkter Vertreter von Gussinskis Interessen gewesen.
1999 hatte Wladimir Gussinski aktiv die Allianz Primakow/Luschkow unterstützt und sich ernsthaft ausgerechnet, Jelzin würde letztlich erkennen, dass eine effektive Alternative fehlte und auf seinen betagten Premierminister setzen. Theoretisch gab es eine solche Möglichkeit noch immer. Es war kein Zufall, dass eine weitere Kreatur von Gussinski, Sergei Swerew, der spätere Leiter der großen PR-Firma KROS, von Mai bis August den Posten des stellvertretenden Leiters der russischen Präsidentenadministration für Innenpolitik innehatte. Im August jedoch wurde Swerew aus dem Kreml entlassen, und damit konnte Primakow nicht mehr Jelzins Nachfolger werden. Von diesem Moment an setzte ein Krieg auf Leben und Tod zwischen Gussinski und der Familie des ersten russischen Präsidenten ein.
Wie wir wissen, verlor der Magnat diesen Krieg. Im Jahr 2000 saß er drei Tage im Untersuchungsgefängnis Butyrka (einem der schrecklichsten Orte dieser Welt, wohin man niemanden wünscht). Er verlor sein Eigentum und stimmte dessen Verkauf an Gazprom für 300 Millionen Dollar zu – die entsprechenden Papiere wurden direkt in der Gefängniszelle unterzeichnet. Dabei war Putin wohl eher die Waffe und der Organisator der Racheaktion, nicht aber ihr Auftraggeber oder eigentlicher Nutznießer. Gussinski einen Denkzettel zu verpassen, war vor allem das Interesse der Jelzin-Familie und des dazugehörigen Leiters der Präsidentenadministration der Russischen Föderation (1999 bis 2003) Alexander Woloschin, der in den frühen Putin-Jahren größeren Einfluss auf die Entscheidung vieler politischer Fragen hatte als das Staatsoberhaupt selbst.
Nachdem man ihn aus dem Gefängnis entlassen hatte, emigrierte Gussinski in die USA, distanzierte sich von der Übereinkunft und strengte eine Vielzahl von Gerichtsprozessen an, von denen er die meisten verlor. Allerdings verbüßte er noch – nach einem Auslieferungsantrag der Generalstaatsanwaltschaft Russlands – eine mehrtägige Haftstrafe in einem spanischen Gefängnis, wonach man ihn mit der spanischen Staatsbürgerschaft belohnte. Dabei war unklar, was er mit ihr anfangen sollte: Das Haus des Oligarchen in Sotogrande, Costa del Sol, steht leer, er verbringt seine Zeit lieber im amerikanischen Connecticut auf seiner eigenen Jacht, die überall unterwegs ist, wo man es ihm erlaubt, oder in Israel (wo Gussinski als halachischer Jude mit einer ansehnlichen Dienstzeit ebenfalls Staatsbürger ist). 2003 kam Wladimir Gussinski über Dmitri Medwedew und seinen engen Mitstreiter Konstantin Tschujtschenko (früher Jurist bei Gazprom, seit 2008 Leiter der Kontrollbehörde des Präsidenten der Russischen Föderation) und mit offensichtlicher Zustimmung von Wladimir Putin mit dem verhassten Kreml erneut ins Gespräch. Das Ergebnis: NTW fing wieder an, Fernsehserien zu kaufen, die im Umfeld des »in Ungnade gefallenen Oligarchen« produziert wurden. Und die Moral von der Geschicht’: Putin lässt seine sogenannten Feinde leben und bringt sie fast niemals um.
Als im November 2006 Dmitri Medwedew (inoffiziell bei den Lobbyisten und im Flüsterton) als Nachfolger von Wladimir Putin feststand, gab sich Gussinski dem Traum von einer Rückkehr hin, um sich erneut in die großen Intrigen von Russland einmischen zu können. Denn nur diese Intrigen bringen das große Geld – angefangen von eine Milliarde Dollar aufwärts. Bis heute wurde jedoch nichts daraus, auch wenn das ehemalige Oberhaupt des Jüdischen Kongresses in Russland 2011 seinen verlustbringenden internationalen Fernsehkanal RTVi, der sich verhältnismäßig großer Beliebtheit bei den russischsprachigen Emigranten in Israel und den USA erfreute, an den wenig bekannten, kremlnahen Geschäftsmann und nominalen Inhaber von TV Swesda, Ruslan Sokolow, verkaufte. Hat Putin diesen Deal gebilligt? Am wahrscheinlichsten ist, dass er gar nichts von ihm wusste. Hält sich Gussinski für Putins Feind? »Cholile wechaß«, wie erregte jüdische Mameles sich auszudrücken pflegen – »Verhüte Gott«. Für den kleinen Finger der Freundschaft reicht er ihm immer die ganze Hand.
b) Boris Beresowski und sein Tod
Der Ex-Oligarch, der politisches Asyl im Vereinigten Königreich und einen Nansen-Pass auf den Namen Platon Elenin erhielt, galt als Putins ärgster Feind und Lobbyist vieler Anti-Putin-Aktionen im Westen.
Das stimmte natürlich nicht oder, nichtssagender formuliert: Es traf fast gar nicht zu.
Am 23. März 2013 beging Beresowski Selbstmord (ich bin von dieser Todesursache überzeugt, warum, erkläre ich später), und zwar in einem Haus in Ascot, dass er einst für seine zweite Frau Galina Bescharowa gekauft hatte. Er erhängte sich, nachdem er auf zwei vertrauliche Briefe keine Antwort erhalten hatte, die Wladimir Putin über persönliche Kanäle direkt zugestellt worden waren. Zuvor hatte er sogar einige einflussreiche Journalisten gebeten, sie mögen darüber schreiben, dass BAB (Boris Abramowitsch Beresowski – mit diesem Akronym wurde der Magnat oft angesprochen) keine Gefahr für Putin in Russland darstelle.
Seltsamerweise reagierte das spätputinistische Russland auf den Tod des Oligarchen, der im Grunde als vergessener, ausgemusterter Spielertyp und »abgeschossener Flieger« galt, überaus heftig. In allen führenden Zeitungen erschienen Nachrufe. Oft waren sie kritisch, nahezu zornig, doch zu neunzig Prozent blieben sie respektvoll. Fast niemand zeigte Schadenfreude. Viele Politiker, Journalisten und einfache Beobachter sahen im verstorbenen Beresowski das Symbol einer ganzen Epoche.
Nachdem Beresowski im Herbst 2012 in London den Prozess gegen seinen ehemaligen Partner Roman Abramowitsch verloren hatte und praktisch ohne finanzielle Mittel, dafür mit gigantischen Schulden dastand, dachte er, wie die Menschen aus seiner Umgebung bezeugen, unablässig über zwei Dinge nach. Der eine Gedanke galt einem physischen Selbstmord, den er schließlich tatsächlich beging. Sein zweiter Gedanke war, gegenüber Putin Buße zu tun und nach Russland zurückzukehren, koste es was es wolle. Anfang 2013 schrieb er unserem Helden zwei Briefe, in denen er um Verzeihung bat und detailliert seine Pläne zur Transformation Russlands in eine konstitutionelle Monarchie darlegte. Beide Briefe haben ihren Adressaten seltsamerweise erreicht. Der eine wurde von Roman Abramowitsch übergeben, der andere von dem Deutschen Klaus Mangold, dem ehemaligen Vorstandsmitglied der Daimler-Benz AG. Dieser hatte Beresowskis Firma LogoVAS bereits Ende der 1980er-Jahre geholfen, Generalhändler der Marke »Mercedes Benz« auf dem russischen Markt zu werden. In den Nullerjahren des 21. Jahrhunderts wurde Herr Mangold als Vorsitzender des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft einer der Mittler zwischen Wladimir Putin und Gerhard Schröder. Putin hatte nichts dagegen, beide Briefe zu lesen, was er im Gespräch mit Journalisten kurz nach Beresowskis Selbstmord in Ascot bestätigte. Er sagte, seine Assistenten hätten ihm geraten, den Inhalt der Briefe seines alten Freundes bzw. Feindes an die große Glocke zu hängen, aber der Herr habe ihn vor diesem Schritt bewahrt. Über den Verstorbenen sprach der Präsident eher mitfühlend als gereizt oder gar hasserfüllt. Es wurde klar, dass sie in ihrem tiefsten Inneren immer Kameraden geblieben waren – auch wenn sie sich auf der Bühne der russischen Politik wie Erzfeinde dargestellt hatten.