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Pelagia und die weissen Hunde

Электронная книга - «Pelagia und die weissen Hunde». Краткое содержание книги:

Russland im ausgehenden 19. Jahrhundert: In Sawolshsk, einem kleinen russischen Provinzstädtchen, lebt und wirkt Ordensschwester Pelagia, eine aufgeweckte junge Frau, die ein für ihren Berufsstand seltenes Talent hat: Sie ist außergewöhnlich kriminalistisch begabt. So ist es kein Zufall, dass sich Pater Mitrofani, der Bischof der örtlichen orthodoxen Gemeinde, mit einer etwas ungewöhnlichen Bitte an sie wendet. Die Generalswitwe Marja Afanassjewna ist außer sich, weil man einen ihrer Hunde vergiftet hat. Bei dem Tier handelt es sich um eine weiße Bulldogge, eine sehr seltene und wertvolle Rasse, und so macht sich Pelagia auf zum Landsitz der reichen alten Dame, um den seltsamen Vorgängen auf den Grund zu gehen. Pelagias Ankunft am Ort des Verbrechens fällt mit der Anreise eines anderes Gasts zusammen: Wladimir Bubenzow, Gesandter der Petersburger Kirchenbehörde. Dieser hat einen anderen Fall aufzuklären – den grausamen Mord an zwei unbekannten Personen, deren enthauptete Leichen man ganz in der Nähe aus einem Fluss geborgen hat. Pelagia ahnt, dass es zwischen den gespenstischen Todesfällen eine geheime Verbindung gibt. . .
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Naina stand noch immer vor Bubenzow und streckte ihm die Hand hin, aber er blickte die schöne Frau von unten gelassen und selbstsicher an.

»Keine Zeit, Naina Georgijewna«, sagte er endlich in gleichmütigem Ton. »Ich muss zu Tantchen. Und ich will noch vor der Nacht ein Memorandum für die Polizeiwache schreiben. Es gibt eine Anordnung aus Petersburg, mir eine Wache beizugeben. Das ist eine ernste Sache. Ich habe heute die erste Drohung erhalten, schriftlich – sie liegt bei der Akte.«

Das Fräulein sagte zärtlich zu ihm:

»Ach, lieber Wladimir Lwowitsch, die beste Wache ist die Liebe. Ihr sollten Sie vertrauen, nicht der Polizei.«

Wenn Bubenzows Absage sie verärgert hatte, so ließ sie sich nichts anmerken.

»Wie Sie meinen.« Sie lächelte sanft, wandte sich den übrigen Männern zu und sagte mit anderer Stimme – fordernd und gebieterisch: »Gehen wir in den Park. Aber jeder für sich, damit es graulicher ist, wir werden uns Zurufen.«

Sie lief die Stufen hinunter und verschwand in der Dunkelheit. Schirjajew, Poggio und Pjotr folgten ihr schweigend. Der Letztere drehte sich um und fragte:

»Und was ist mit Ihnen, Schwester Pelagia? Kommen Sie, der Abend ist wirklich wunderbar.«

»Nein, Pjotr Georgijewitsch, ich mache auch noch einen Besuch bei Ihrer Großmutter.«

Sie folgte dem strengen Inspektor Bubenzow. Auf der Terrasse, die eben noch voller Menschen gewesen war, blieb allein Selig zurück, der sich Himbeerkonfitüre in ein Schälchen füllte.

»Morgen früh werden Sie sich viel besser fühlen, Tantchen, und wir machen eine Spazierfahrt«, sagte Bubenzow in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete; er hielt das Handgelenk der Witwe und sah ihr direkt in die Augen. »Zuerst aber erledigen wir die Sache mit dem Anwalt. Sehr gut, dass Sie ihn herbestellt haben. Es wäre wirklich schandbar, wenn Sie Drosdowka einer Kostgängerin vermachten. Das wäre ja, als wenn Elisabeth von England die Krone ihrer Hofnärrin vererbte. So was macht man nicht, Tantchen.«

»Aber wem dann? Pjotr und Naina?«, widersprach Frau Tatistschewa kaum hörbar. »Die würden doch alles verpulvern. Sie würden das Gut verkaufen, aber nicht einem anständigen Menschen, denn die Adligen haben jetzt kein Geld, sondern irgendeinem Geldsack. Der rodet den Park und macht aus dem Haus eine Fabrik. Janet Wrigley würde nichts verändern, sondern alles so lassen, wie es ist. Sie würde Pjotr und Naina Geld geben, die sind ja sozusagen ihre Familie, aber ihnen keine Dummheiten erlauben.«

»Königin Elisabeth hat anders gehandelt – sie machte Jakob Stuart zum Erben, obwohl sie Verwandte hatte, die ihr näher standen als er. Der Grund: Sie sorgte sich um das Wohl ihres Reiches. Stuart war ein Mann von wahrhaft staatsmännischem Verstand. Die Königin konnte sicher sein, dass er ihr Reich nicht nur bewahren, sondern auch stärken, dass er ihr unendlich dankbar sein und die Erinnerung an sie in hohen Ehren halten würde.«

Pelagia staunte am meisten darüber, dass Bubenzow sich durch die Anwesenheit Außenstehender nicht im Geringsten beirren ließ. Nun, Tanja hatte sich tagsüber abgerackert und döste zurückgelehnt auf ihrem Stuhl, aber sie, Pelagia, saß daneben, am Fußende des Betts, und klapperte absichtlich laut mit den Stricknadeln, damit der schamlose Kerl zur Besinnung käme.

Aber woher!

Bubenzow beugte sich vor und sah Tantchen tief in die Augen.

»Ich weiß, wie Ihr Andenken zu verewigen wäre. Sie brauchen kein Grabmal aus Carrarer Marmor und keine Kapelle. Das sind alles tote Steine. Sie brauchen ein anderes Denkmal, ein lebendiges, das sich von Drosdowka aus in ganz Russland verbreitet und dann in der ganzen Welt. Wer wird Ihr edles und mühevolles Werk fortsetzen, die Züchtung der weißen Bulldogge? Die anderen sehen darin ja nur eine dumme Laune, eine Verrücktheit. Ihre Miss Wrigley kann Hunde nicht ausstehen.«

»Das stimmt«, krächzte Frau Tatistschewa. »Im vorigen Jahr hat sie sogar gewagt, sich einen Kater anzuschaffen, aber Saguljai und Sakidai haben ihn in Stücke gerissen.«

»Na sehen Sie. Ich aber war schon als Kind ein Hundenarr. Mein Vater hatte ausgezeichnete Barsois. Man kann sagen, ich bin in einem Hundezwinger aufgewachsen. Es braucht noch zehn Jahre, damit sich aus diesem Kerlchen« – er kraulte Sakussai, der süß neben der Witwe schlummerte, hinterm Ohr – »eine dauerhafte Rasse entwickelt. Sie wird den Namen Tatistschew tragen, so dass noch in hundert, zweihundert Jahren . . .«

In diesem Moment wurde Sakussai, der durch die Berührung wach geworden war und die ihn kraulende Hand konzentriert beobachtete, aktiv – er schnappte mit seinen spitzen Zähnchen nach dem gepflegten Finger.

»Aua!«, schrie Bubenzow und riss die Hand weg, so dass der Welpe kopfüber zu Boden flog, doch er war nicht beleidigt, sondern kläffte vergnügt, schüttelte den rundstirnigen Kopf und sauste spornstreichs zur Tür, die einen Spaltbreit offen geblieben war.

»Haltet ihn!« Die Witwe fuhr in Panik vom Kissen hoch. »Tanja, Tanja! Schon wieder!«

Das Stubenmädchen sprang schlaftrunken auf und verstand nicht. Auch Bubenzow erhob sich.

Das runde weiße Hinterteil blieb in dem schmalen Türspalt stecken, aber nicht lange. Die dicken Beinchen strampelten, die Tür ging etwas weiter auf, und Sakussai stürmte ins Freie.

»Halt!«, schrie Bubenzow. »Keine Bange, Tantchen, ich fange ihn.«

Zu dritt – Bubenzow, Pelagia und Tanja – liefen sie in den Korridor. Der weiße Welpe war schon am anderen Ende. Als er seinen Ausbruch hinreichend gewürdigt sah, kläffte er triumphierend und verschwand um die Ecke.

»Er läuft in den Park!«, rief Tanja. »Die Tür steht offen!«

Sakussai lief schneller als seine Verfolger, er schlüpfte auf die Veranda, und Pelagia sah gerade noch das weiße Bällchen von der Treppe in die Dunkelheit springen.

»Wir müssen ihn schnell fangen, sonst wird Tantchen verrückt«, sagte Bubenzow besorgt, dann kommandierte er militärisch: »Du, wie heißt du gleich, du gehst nach links, die Nonne nach rechts, ich in der Mitte. Ruft die anderen, damit sie mitsuchen. Vorwärts!«

Gleich darauf war die schläfrige Ruhe des Parks dahin, denn es wurde vielstimmig nach dem Flüchtling gerufen.

»Sakussaichen!«, rief Pelagia.

»Sakussai, hierher, du dummes Tier!«, schrie Tanja hinter einem Himbeergestrüpp mit hoher Stimme.

»Herrschaften, Sakussai ist entwischt!«, informierte Bubenzow in munterem Kavalleristentenor die verstreuten Spaziergänger im Park.

Die zögerten nicht, sich zu melden.

»Au!«, rief Pjotr Georgijewitsch von weitem. »Er entkommt uns nicht, der Quälgeist! Wir finden ihn und bringen ihn um!«

»Fasst ihn, fasst ihn!«, hetzte Krasnow aus dem Birkenwäldchen. »Miss Wrigley, ich gehe auf die Lichtung, und Sie suchen dort!«

Überall knackten Zweige, tönten fröhliche Stimmen, schallte Gelächter. Es begann das übliche, zum Ritual gewordene Spiel.

Schwester Pelagia starrte in die Dunkelheit und horchte, ob nicht irgendwo das bekannte Winseln ertönte. Einige Zeit später, zehn Minuten vielleicht, schon nahe am Flussufer, erblickte sie vorn etwas Weißes. Sie beschleunigte den Schritt – er war es, Sakussai. Er war wohl vom Herumlaufen ermüdet und hatte sich unter der halb vertrockneten kleinen Espe hingelegt, gleich neben dem englischen Rasen.

»Da bist du ja!«, rief Pelagia leise und dachte nur daran, den Ausreißer nicht zu erschrecken, sonst mussten sie ihn die halbe Nacht im Unterholz suchen.

Im Gebüsch raschelten hastige Schritte, da eilte noch jemand hierher.

Die Nonne schlich zu dem Welpen, bückte sich und griff mit dem Siegesruf »Ich hab ihn!« nach den runden Flanken.

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