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Pelagia und die weissen Hunde

Электронная книга - «Pelagia und die weissen Hunde». Краткое содержание книги:

Russland im ausgehenden 19. Jahrhundert: In Sawolshsk, einem kleinen russischen Provinzstädtchen, lebt und wirkt Ordensschwester Pelagia, eine aufgeweckte junge Frau, die ein für ihren Berufsstand seltenes Talent hat: Sie ist außergewöhnlich kriminalistisch begabt. So ist es kein Zufall, dass sich Pater Mitrofani, der Bischof der örtlichen orthodoxen Gemeinde, mit einer etwas ungewöhnlichen Bitte an sie wendet. Die Generalswitwe Marja Afanassjewna ist außer sich, weil man einen ihrer Hunde vergiftet hat. Bei dem Tier handelt es sich um eine weiße Bulldogge, eine sehr seltene und wertvolle Rasse, und so macht sich Pelagia auf zum Landsitz der reichen alten Dame, um den seltsamen Vorgängen auf den Grund zu gehen. Pelagias Ankunft am Ort des Verbrechens fällt mit der Anreise eines anderes Gasts zusammen: Wladimir Bubenzow, Gesandter der Petersburger Kirchenbehörde. Dieser hat einen anderen Fall aufzuklären – den grausamen Mord an zwei unbekannten Personen, deren enthauptete Leichen man ganz in der Nähe aus einem Fluss geborgen hat. Pelagia ahnt, dass es zwischen den gespenstischen Todesfällen eine geheime Verbindung gibt. . .
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»Nun gut, wenn du fühlst, deine Zeit ist gekommen, wenn du gerufen wirst, halte ich dich nicht. Dann gebe ich dir das heilige Abendmahl, spreche alle Gebete und lege dich in die geweihte Erde, wie es sich gehört. Ich wollte dich erschrecken. Stirb, so du es wirklich willst. Wenn das Leben dich nicht mehr hält, nicht mehr lockt, wie soll ich schwacher Mensch dich halten! Aber . . .« Er wandte sich dem Diakon zu und befahclass="underline" »Bringt sie her, Vater!«

Vater Alexi nickte und ging hinaus. Im Schlafgemach wurde es still. Marja Tatistschewa lag mit geschlossenen Augen da, und ihr Gesicht sah aus, als läge sie nicht mehr im Bett, sondern im offenen Sarg, aufgebahrt in der Kirche, und aus den hohen Gewölben sängen ihr die Engel süße Lieder. Mitrofani stand auf, trat zu einer Lithographie an der Wand und betrachtete sie interessiert.

Alsbald ging die Tür auf, und der Diakon und der Zellendiener brachten einen Korb herein, der oben eine kleine Öffnung hatte. Sie stellten ihn auf den Fußboden, verneigten sich vor dem Bischof und traten zurück zur Wand.

Im Korb raschelte es seltsam, und es piepste sogar. Pelagia reckte neugierig den Hals und stellte sich auf die Zehenspitzen, um zu linsen, aber Mitrofani hatte schon den Deckel abgenommen und senkte beide Hände hinein.

»Da, Tantchen«, sagte er mit normaler Stimme. »Das wollte ich Ihnen zeigen, solange Sie noch leben. Darum bin ich so spät gekommen. Auf mein Geheiß haben meine Abgesandten den ganzen Distrikt abgesucht, und ich habe sogar den Telegraphen benutzt, obwohl ich, wie Sie wissen, diese Neuerungen nicht mag. Bei dem Major a. D. Sipjagin fand sich in einem Wurf ein weißer Bulldoggenwelpe weiblichen Geschlechts. Auch das Ohr, schauen Sie, stimmt. Und aus Nishni Nowgorod kam vor zwei Stunden als Geschenk des Kaufmanns erster Gilde Saikin mit einem schnellen Dampfboot ein weißer Rüde, anderthalb Monate alt. Der ist in jeder Hinsicht eine Pracht. Die Hündin ist nicht ganz weiß, hat ein rötliches Näschen, doch dafür besonders krumme Beinchen. Sie heißt Mussja. Sipjagin wollte sie nicht hergeben, seine Tochter mochte sich nicht von ihr trennen. Ich musste mit dem Kirchenbann drohen, weil es den Tod einer Christenseele bedeutet hätte, was von mir sogar ungesetzlich war. Der Rüde hat noch keinen Namen. Schauen Sie, sein Ohr ist braun, die Nase, wie vorgeschrieben, rosa und gesprenkelt und, vor allem, die Schnauze sehr platt. Wenn sie groß sind, kann man sie neu kreuzen. Dann ist die weiße Bulldogge in zwei bis drei Generationen wiederhergestellt.«

Er zog die beiden dickbäuchigen Welpen aus dem Korb. Der eine war etwas größer, kläffte böse und strampelte mit den Pfoten, der andere war friedlich.

Pelagia drehte sich nach der Sterbenden um und sah, dass sie sich auf magische Weise verändert hatte und nicht mehr für den Sarg taugte. Mit großen Augen betrachtete sie die kleinen Bulldoggen, und ihre Finger auf der Brust bewegten sich schwach, als wollten sie etwas ergreifen.

Kaum hörbar fragte sie mit zitternder Stimme:

»Und der Speichelfluss?«

Der Bischof flüsterte Pelagia zu: »Den Arzt«, dann trat er zum Bett und setzte die beiden Welpen der Witwe auf die Brust.

»Sehen Sie selbst. Da läuft es fadendünn.«

Pelagia schlüpfte in den Korridor mit einer Miene, dass der Arzt, der in der Nähe stand, verstehend nickte.

»Aus?«

Sie schüttelte den Kopf, noch benommen von dem geschauten Gotteswunder, und zeigte schweigend: Gehen Sie hinein.

Der Arzt blickte zwei Minuten später heraus. Seine Miene war verlegen und sachlich.

»Das erste Mal in siebenundzwanzig Jahren Praxis«, sagte er zu den an der Tür Wartenden und rief: »He, ist da wer? Zimmermädchen! Heiße Bouillon, möglichst kräftig!«

Der Bischof empfing Pelagia in den ihm zugewiesenen Gemächern erfrischt und vergnügt. Er hatte sich gewaschen und einen hellgrauen Leibrock angelegt und kühlen Kwass getrunken.

»Na, was sagen die Rechtgläubigen?«, fragte er und lächelte verschmitzt. »Reden sie über die wundersame Errettung?«

»Sie sind fast alle weggefahren«, meldete Pelagia. »Was Wunder, bei solch einem Ereignis. Es drängt sie, den Angehörigen davon zu erzählen. Aber der Adelsmarschall ist noch hier, ebenso Bubenzow und sein Sekretär.«

»Er hat wohl den Schwanz eingezogen, der verrückte Kerl?« Mitrofani wurde ernst. »Während du, Pelagia, hier deine Zeit vertan hast, sind bei uns in Sawolshsk Dinge passiert. . .«

Die Nonne nahm den Vorwurf ohne Murren, mit geneigtem Kopf hin. Sie trug ja wirklich Schuld – hatte den kleinen Sakussai nicht bewahren können, und wenn Frau Tatistschewa sich wieder erholte, dann nicht durch ihre Bemühungen.

»Bubenzow hat große Anstrengungen unternommen, hat solchen Unsinn zusammengeredet und in ganz Russland solchen Lärm geschlagen, dass ich gar nicht weiß, ob ich das abwehren kann . . .«

Und der Bischof erzählte Pelagia all das, was sie schon von Bubenzow gehört hatte, nur deutete er die Morde gänzlich anders.

»All dieses Gerede über den Gott Schischiga ist dummes Zeug. Irgendwelche Unholde haben zwei Menschenseelen umgebracht, haben sie ausgezogen und ihnen den Kopf abgetrennt – aus Übermut oder blinder Wut oder aus sonstigen Gründen. Was gibt es auf der Welt nicht alles für Unmenschen. Aber Bubenzow hat sich gefreut und sogleich seine Fäden gesponnen. Die vorsintflutliche Chronik kam ihm dabei bestens zupass. Ich weiß selber, dass unsere Syten mehr dem Namen nach Christen sind und noch mancherlei heidnischem Aberglauben anhängen, aber sie sind ein stilles, friedliches Völkchen. Morden, das bringen sie nicht fertig, nicht mal Stehlen. Aber dieser Satan hat in wenigen Tagen den Bodensatz der menschlichen Seelen aufgerührt, hat Leute zu Ohrenbläsern und Verleumdern gemacht. Wie es im Evangelium heißt: ›Dann werden sich viele ärgern und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen.‹ Pfui, wie scheußlich! Jetzt haben viele schon Angst, abends aus dem Hause zu gehen, und sie verrammeln die Türen zur Nacht, das hat es seit zehn Jahren nicht gegeben, seit die Räuber ausgerottet wurden. Aber macht nichts, der Satan ist die Versuchung, der Herr die Erlösung. Auf jede böse Tat folgt die Gerechtigkeit. So wie heute hier in Drosdowka.«

Mitrofani, zum erfreulichen Thema zurückgekehrt, kam wieder in gehobene Stimmung.

»Was meinst du, Pelagia?« Seine Augen lachten. »Ist es eine lässliche Sünde, wenn ich ein bisschen stolz bin?«

»Wie solltet Ihr nicht«, sagte die Nonne aufrichtig. »Gott wird nicht zürnen. Ihr habt Marja Afanassjewna gerettet, und das haben alle gesehen und können es bestätigen.«

»So ist es. Ganz besonders freut mich, dass ich dem unbekannten Schurken, der die Hunde umgebracht hat, diesem heimlichen Mörder, die Karten durcheinander gebracht habe. Der Widerling hat sich gewiss schon die Hände gerieben, dass er die alte Frau in den Tod getrieben hat, und dann dieses.« Der Bischof formte seine Finger zu dem gleichen Gebilde, das er gerade eben als Zeichen des Teufels bezeichnet hatte. »Wir sind eine kräftige Rasse. Tantchen wird noch zehn Jahre leben, mit Gottes Hilfe auch fünfzehn, und die hässlichen Viecher neu züchten.«

Ganz kurz nur war Mitrofani stolz, dann fand er wohl, dass es genug sei. Er blickte Pelagia prüfend an und schüttelte den Kopf.

»Na, die Kirchenbuße ist wohl nicht ganz einfach? Du hast vielleicht gedacht, es ist eine Kleinigkeit, den Tod von solch lächerlichen Hunden aufzuklären, da hast du schon ganz andere Knoten entwirrt, stimmt’s? Aber du siehst, die Sache hat sich von selbst erledigt. Ich habe immer von einem Schurken gesprochen. Dabei handelt es sich um eine Frau. Das Bild ist klar. Die Witwe Tatistschewa war ihren rechtmäßigen Erben böse und hat ihnen zum Schur das Testament zu Gunsten der Engländerin geändert. Nicht im Ernst, nur zur Abschreckung. Da hat sich bei der Lutheranerin aus Habgier der Verstand verfinstert, in ihrer Situation sehr verständlich. Auf ihre alten Tage konnte sie von der Kostgängerin zur reichen Frau werden. Das würde jeden um die Vernunft bringen.«

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