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Pelagia und die weissen Hunde

Электронная книга - «Pelagia und die weissen Hunde». Краткое содержание книги:

Russland im ausgehenden 19. Jahrhundert: In Sawolshsk, einem kleinen russischen Provinzstädtchen, lebt und wirkt Ordensschwester Pelagia, eine aufgeweckte junge Frau, die ein für ihren Berufsstand seltenes Talent hat: Sie ist außergewöhnlich kriminalistisch begabt. So ist es kein Zufall, dass sich Pater Mitrofani, der Bischof der örtlichen orthodoxen Gemeinde, mit einer etwas ungewöhnlichen Bitte an sie wendet. Die Generalswitwe Marja Afanassjewna ist außer sich, weil man einen ihrer Hunde vergiftet hat. Bei dem Tier handelt es sich um eine weiße Bulldogge, eine sehr seltene und wertvolle Rasse, und so macht sich Pelagia auf zum Landsitz der reichen alten Dame, um den seltsamen Vorgängen auf den Grund zu gehen. Pelagias Ankunft am Ort des Verbrechens fällt mit der Anreise eines anderes Gasts zusammen: Wladimir Bubenzow, Gesandter der Petersburger Kirchenbehörde. Dieser hat einen anderen Fall aufzuklären – den grausamen Mord an zwei unbekannten Personen, deren enthauptete Leichen man ganz in der Nähe aus einem Fluss geborgen hat. Pelagia ahnt, dass es zwischen den gespenstischen Todesfällen eine geheime Verbindung gibt. . .
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Sakussai gab keinen Laut von sich und rührte sich nicht.

Pelagia hockte sich hin. Ihr Herz krampfte sich zusammen, ihr wurde eng in der Brust und sehr heiß.

Der Kopf des Welpen war seltsam platt. Im Gras lag ein großer flacher Stein, darauf blinkte im Mondlicht ein feuchter Fleck von anklebender nasser Erde. Auch die Erdmulde war zu sehen, aus der der Stein herausgehoben worden war.

Sakussais Schnäuzchen sah im Tode lang und traurig aus. Jetzt hatte er wirklich Ähnlichkeit mit einem Engelchen.

Die Schritte im Gebüsch raschelten noch immer, aber sie kamen nicht näher, sondern entfernten sich, wurden leiser. Erst jetzt ging Pelagia auf: Jemand eilte nicht hierher, sondern von hier weg.

Angst

Marja Tatistschewa lag im Sterben. Schon zu Beginn der Nacht, als sie aus Tanjas wildem Geheul erkannte, was geschehen war, verlor sie die Sprache. Sie lag auf dem Rücken, röchelte, starrte mit aufgerissenen Augen zur Decke, und ihre pummeligen Finger tasteten unruhig über den Saum der Zudecke, wie um etwas wegzuwischen, was aber nicht gelang.

Mit der schnellsten Troika wurde der Arzt aus der Stadt geholt. Er befühlte die Kranke da und dort, drückte, horchte ab, gab ihr eine Spritze, damit sie nicht erstickte, ging dann hinaus in den Korridor und sagte:

»Es geht zu Ende. Sie braucht die Letzte Ölung.«

Dann saß er im Salon, trank Tee mit Kognak, plauderte halblaut mit Schirjajew über die Ernteaussichten und schaute alle halbe Stunde ins Schlafzimmer, ob die Kranke noch atmete. Sie atmete noch, doch schwächer und schwächer und sank immer wieder ins Vergessen.

Lange nach Mitternacht wurde der Geistliche aus dem Bett geholt und hergebracht. Er war zerzaust und nicht ganz wach, doch im vollen Ornat und mit den geweihten Gaben. Als er aber bei der Sterbenden eintrat, schlug sie die Augen auf und machte lallend deutlich: Ich will nicht.

»Sie wollen nicht die Letzte Ölung, Großmutter?«, fragte erschrocken Pjotr, den die dramatischen Ereignisse stark verstörten.

Die Sterbende schüttelte kaum erkennbar den Kopf.

»Was möchten Sie dann?«, fragte Pelagia, über sie gebeugt. »Einen Popen?«

Die Witwe schloss die Lider, öffnete sie wieder, hob mühsam einen zitternden Finger und zeigte zur Seite und nach oben.

Pelagia folgte der Richtung ihres Fingers. Da war nichts Besonderes zu sehen: die Wand, eine Lithographie der Stadt Petersburg, ein Porträt des verstorbenen Apollon Tatistschew und ein Photo von Mitrofani im vollen Bischofsornat.

»Sie möchten die Letzte Ölung vom Bischof?«, erriet die Nonne.

Die Witwe schloss wieder die Lider und ließ den Finger sinken. Also ja.

Wieder wurde nach Sawolshsk geschickt, auf den Klosterhof, und man wartete auf Mitrofani.

Bis zum Morgen ging niemand schlafen, alle streiften durchs Haus. Irgendwo unterhielten sich leise zwei oder drei Leute, ein anderer saß allein da. Pelagia konnte die Leute nicht beobachten, leider, denn das hätte mancherlei Aufschluss gegeben. Womöglich hätte sich der Mörder des kleinen Sakussai irgendwie verraten. Aber die Christenpflicht stand über den weltlichen Sorgen, und so saß die Nonne unentwegt bei Frau Tatistschewa, sprach Gebete und flüsterte Worte des Trostes, welche die Leidende wahrscheinlich gar nicht hörte. Erst im Morgengrauen ging Pelagia für eine halbe Stunde in den Park und kehrte höchst nachdenklich zurück.

Die Sonne ging auf, kletterte immer höher, schon war die Mittagsstunde vorüber, doch der Bischof kam nicht. Der Arzt schüttelte den Kopf und sagte, die Kranke halte nur aus Trotz noch durch, sie habe sich in den Kopf gesetzt, unter allen Umständen die Ankunft ihres Neffen abzuwarten und nicht eher zu gehen, als bis sie ihn vor sich sehe.

Der Anwalt Korsch kam. Bubenzow setzte Pelagia vor die Tür, damit sie beim Umschreiben des Testaments nicht störte. Als Zeugen berief er Selig und Krasnow, denn Naina verließ ihr Zimmer nicht, und Pjotr bat, ihn zu verschonen; Schirjajew verzog angewidert das Gesicht – jetzt an das Testament zu denken.

All das missfiel Pelagia außerordentlich, aber sie konnte nichts tun. Donat Sytnikow kam, mochte sich aber nicht in die Familienangelegenheiten einmischen – sollte alles seinen Gang gehen (woraus folgte, dass er gar nicht so sehr auf das Gorjajewsche Ödland erpicht war, wie es die misstrauische Marja Tatistschewa geargwöhnt hatte).

Aber vergeblich waren Bubenzows Bemühungen um die Sterbende, eine Neufassung des Testaments kam nicht zu Stande. Nach einer Stunde verließ Korsch das Schlafzimmer, wischte sich den Schweiß ab und bat um Kwass.

»Es ist nirgendwo üblich, aus einem Lallen den letzten Willen eines Menschen zu erraten«, sagte er verdrossen zu Pelagia. »Ich bin doch kein Jahrmarktsclown, sondern Mitglied der Notarsgilde.« Und er befahl, seinen Wagen anzuspannen, wollte auch nicht zum Mittagessen bleiben.

Bubenzow sprang ihm aufgebracht hinterher, holte den Widerspenstigen ein, fasste ihn am Ellbogen und flüsterte laut auf ihn ein. Was, blieb unbekannt, aber Korsch reiste trotzdem ab.

Wutentbrannt schrie Bubenzow der Kutsche hinterher:

»Das wird Ihnen noch Leid tun!«

Der Anwalt fuhr davon, aber ständig trafen neue Gäste ein, die von dem traurigen Ereignis gehört hatten: Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft, die Notabein aus dem Gouvernement, sogar der Adelsmarschall. So viel Menschen wären kaum erschienen, um sich von der Generalswitwe zu verabschieden, hätte es nicht die Gerüchte gegeben, die in der Gegend umgingen. Die Gesichter der Versammelten zeigten neben der angemessenen Trauer auch eine gewisse Aufregung, und zwei Wörter, leise ausgesprochen, waren häufig zu hören: Welpe und Testament.

Und um Miss Wrigley war eine seltsame Bewegung, die immer spürbarer wurde. Als endgültig feststand, dass das Testament in Kraft blieb, wurde die Engländerin zum Mittelpunkt einer Art von Strudel. Flüchtig bekannte und ganz unbekannte Damen und Herren traten zu ihr, sprachen Worte des Mitgefühls und blickten ihr neugierig in die Augen. Andere mieden demonstrativ die Erbin und zeigten deutlich Missbilligung und sogar Abscheu. Die arme Miss Wrigley verlor den Kopf und lief immer wieder los, um Naina und Pjotr zu suchen, mit denen sie sich aussprechen wollte.

Aber Naina verließ nicht ihr Zimmer, und ihren Bruder Pjotr hatte Bubenzow mit Beschlag belegt. Pelagia kam heraus, um nach dem Bischof Ausschau zu halten, und sah, wie Bubenzow den verwirrten Pjotr von den Leuten wegzog, die eine Hand um seine Schulter gelegt, mit der anderen gestikulierend. Sie hörte Satzfetzen: ». . . die Umstände untersuchen und anfechten, unbedingt anfechten«.

Aber der amtliche Mensch hatte auch so genug zu tun. Am Morgen kam ein Eilbote im Galopp zu ihm geritten, am Mittag noch einer. Beide Male saß Bubenzow eine Weile mit ihnen in der Bibliothek, dann sprengten die geheimnisvollen Reiter ebenso verwegen wieder zurück. Es war zu sehen, dass die Untersuchung in Sachen der verschwundenen Köpfe sehr gewissenhaft geführt wurde.

Bischof Mitrofani kam erst gegen Abend, als ihn keiner mehr erwartete.

Pelagia trat zu ihm, um seinen Segen zu empfangen, und sagte vorwurfsvolclass="underline"

»Marja Afanassjewna wird sich freuen. Sie hat ja so gewartet, die Arme.«

»Macht nichts«, antwortete der Bischof. Zerstreut bekreuzigte er alle, die zu seiner Begrüßung herauskamen. »Nicht sie, der Tod hat gewartet. Dem Knochenmann schadet es nichts, ein bisschen zu ermüden.«

Er war irgendwie unfeierlich, sachlich, als wäre er nicht gekommen, um einer Sterbenden die Letzte Ölung zu geben, sondern um die Diözese zu inspizieren oder um einer anderen dienstlichen Angelegenheit willen.

»Lüfte die Kutsche, es ist ganz stickig drinnen«, befahl er dem Zellendiener, der neben dem Kutscher auf dem Bock saß.

Und zu Pelagia sagte er:

»Los, führe mich.«

»Vater, und die heiligen Gaben?«, erinnerte sie ihn. »Sie braucht doch die Letzte Ölung.«

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