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Pelagia und die weissen Hunde

Электронная книга - «Pelagia und die weissen Hunde». Краткое содержание книги:

Russland im ausgehenden 19. Jahrhundert: In Sawolshsk, einem kleinen russischen Provinzstädtchen, lebt und wirkt Ordensschwester Pelagia, eine aufgeweckte junge Frau, die ein für ihren Berufsstand seltenes Talent hat: Sie ist außergewöhnlich kriminalistisch begabt. So ist es kein Zufall, dass sich Pater Mitrofani, der Bischof der örtlichen orthodoxen Gemeinde, mit einer etwas ungewöhnlichen Bitte an sie wendet. Die Generalswitwe Marja Afanassjewna ist außer sich, weil man einen ihrer Hunde vergiftet hat. Bei dem Tier handelt es sich um eine weiße Bulldogge, eine sehr seltene und wertvolle Rasse, und so macht sich Pelagia auf zum Landsitz der reichen alten Dame, um den seltsamen Vorgängen auf den Grund zu gehen. Pelagias Ankunft am Ort des Verbrechens fällt mit der Anreise eines anderes Gasts zusammen: Wladimir Bubenzow, Gesandter der Petersburger Kirchenbehörde. Dieser hat einen anderen Fall aufzuklären – den grausamen Mord an zwei unbekannten Personen, deren enthauptete Leichen man ganz in der Nähe aus einem Fluss geborgen hat. Pelagia ahnt, dass es zwischen den gespenstischen Todesfällen eine geheime Verbindung gibt. . .
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»Guten Tag, Murad Dshurajewitsch. Wieder mal bei uns?«

Er antwortete nicht. Stand da, blickte mürrisch zur Seite, wickelte den gemusterten Zügelriemen um das breite behaarte Handgelenk.

Dann ging er wieder zu der Kutsche, fegte den Staub ab.

Tanja ging ihm nach.

»Sie sind bestimmt müde von der Fahrt? Möchten Sie kalte Milch? Oder Kwass?«

Der Tscherkesse drehte sich nicht um, zuckte nicht mal mit der Schulter.

Pelagia seufzte nur und ging kopfschüttelnd weiter.

»Ihre Sachen sind ganz schmutzig«, hörte sie hinter sich Tanjas Stimme. »Ziehen Sie sie aus, ich wasch sie Ihnen. Bis morgen ist alles trocken. Bleiben Sie über Nacht?«

Schweigen.

An der Haustür drehte Pelagia sich um und sah, wie Bubenzows Kutscher, noch immer mit finsterer Miene, zum offenen Tor des Pferdestalls ging und Tanja an der Hand hinter sich herzog – so wie eben das Pferd. Das Mädchen folgte ihm gehorsam mit raschen Trippelschritten, und hinter ihr ging ebenso gehorsam an der Leine Sakussai.

Vor dem Schlafgemach der Generalswitwe stand demütig ein grauhaariger, doch noch nicht alter Mann mit zerknittertem lächelndem Gesicht und extrem langen Armen; er trug einen bis oben zugeknöpften schwarzen Gehrock und eine vorsintflutliche schwarze Hose, die an den Knien blank gewetzt war. In den gefalteten Händen hielt er ein ziemlich dickes Gebetbuch.

»Segnen Sie mich, Mütterchen!«, rief er mit dünnem Stimmchen, als er der Nonne ansichtig wurde, und vertrat ihr den Weg. »Ich bin der Tichon Jeremejewitsch Selig, ein unwürdiger Wurm. Erlauben Sie mir, Ihr heiliges Händchen zu küssen.« Schon streckte er seine zupackende Pranke aus, doch Pelagia nahm ihre Hand hinter den Rücken.

»Das dürfen wir nicht«, sagte sie und musterte den Frömmling. »Die Klosterregel verbietet’s.«

»Nun, dann ohne Handkuss, segnen Sie mich nur mit dem Kreuzeszeichen«, stimmte Selig sogleich zu. »Auch dieses wird mir eine Wohltat sein. Bitte verweigern Sie es mir nicht, denn es steht geschrieben: ›Ekle dich nicht vor meinen sündigen Geschwüren, sondern lindere sie mit dem Salböl deiner Gnade.‹«

Nachdem er den Segen erhalten hatte, verbeugte er sich tief, blieb aber stehen.

»Sie sind doch gewiss Schwester Pelagia, die Abgesandte des hochwürdigen und allerheiligsten Bischofs Mitrofani? Wie ich weiß, sind Sie untergebracht in dem Kämmerchen, welches zuvor ich innegehabt, und das freut mich sehr, maßen Sie eine wahrhaft würdige Person sind. Ich selbst habe mein Obdach im Seitenflügel, unter den Knechten und Dienern, was mir zu verstehen gibt: Verlasse diesen Platz, du bist nicht würdig, hier zu sein. Ich gehorche ohne Murren, eingedenk der Worte des Propheten: Wenn sie euch aber in einer Stadt verfolgen, so fliehet in eine andere.«

»Warum gehen Sie nicht hinein zu Marja Afanassjewna?«, fragte die Nonne, die das Gehörte verlegen machte.

»Ich traue mich nicht«, sagte Selig sanft. »Ich weiß, dass mein Anblick der edlen Herrin zuwider ist, auch hat mein geehrter Dienstherr Wladimir Bubenzow mir befohlen, hier zu warten, vor der Tür des Gemachs. Erlauben Sie, dass ich Ihnen öffne.«

Er wich endlich zur Seite und öffnete Pelagia den Türflügel, dabei brachte er es fertig, ihr die feuchten Lippen auf die Hand zu drücken.

Im Zimmer saß neben dem Bett ein schlanker, eleganter Herr, der hatte ein Bein über das andere geschlagen und wippte mit dem kleinen schmalen Fuß. Auf das Geräusch hin drehte er sich um, sah, dass es die Nonne war, wandte sich wieder der Frau im Bett zu und setzte die unterbrochene Rede fort:

»Kaum hatte ich erfahren, Tantchen, dass Ihr Leiden sich verschlimmerte, da ließ ich alle Staatsgeschäfte fahren und bin hergeeilt. Korsch hat es mir gesagt, der Advokat. Er kommt morgen früh zu Ihnen. Aber was machen Sie denn für Sachen? Schämen Sie sich was. Ich will Sie doch unter die Haube bringen, habe schon einen Bräutigam ausgeguckt, einen friedlichen alten Mann. Der muckst sich nicht, pariert Ihnen aufs Wort.«

Erstaunlich – die Antwort war ein schwaches, doch eindeutiges Lachen. »Also weißt du, Wolodja! Einen alten Mann? Der kann doch wohl nicht viel taugen?«

Du? Wolodja? Pelagia traute ihren Ohren nicht.

»Und ob er was taugt!« Bubenzow lachte mit blitzenden weißen Zähnen. »Er ist auch ein General, wie der verstorbene Onkel. Sooolch ein Schnauzbart, Reckenbrust, und wenn er Mazurka tanzt, ist er nicht zu halten.«

»Was du immer zusammenredest!« Frau Tatistschewa lachte klirrend, bekam einen Hustenanfall und konnte lange nicht verpusten. »Ach, du bist mir ein Schelm. Denkst dir was aus, um mich alte Frau zu erheitern. Und ich fühl mich tatsächlich besser.«

Die Anwesenheit Bubenzows schien der Kranken wirklich wohl zu tun, denn sie fragte Pelagia gar nicht nach Sakussai.

Es sah ganz so aus, dass der böse Inspektor, über den Pelagia so viel Scheußliches gehört hatte, auch vom Bischof selbst, gar nicht solch ein Satan war. Die Nonne fand Bubenzow ganz annehmbar: gesellig, fröhlich und gut aussehend, besonders wenn er lächelte.

Mochte er noch bei der Kranken sitzen und sie von ihren finsteren Gedanken ablenken.

Bubenzow schilderte nun aufs amüsanteste, wie Selig den wilden Murad zum Christentum zu bekehren suchte, zu Ungunsten des mohammedanischen Halbmonds, und Pelagia retirierte leise zum Ausgang, um nicht zu stören.

Sie stieß die Tür auf, die gegen etwas prallte, das sofort nachgab. Im Korridor richtete sich Tichon Selig aus tiefer Bücke auf. Er hatte gehorcht!

»Sündig bin ich, Mütterchen, die Sünde der Neugier plagt mich«, murmelte er und rieb die geprellte Stirn. »Ich bin sehr beschämt und entferne mich.«

Zwei Späher unter einem Dach, ist das nicht zu viel?, dachte Pelagia und sah ihm nach.

Am Abend trafen sich alle wie gewöhnlich auf der Terrasse beim Samowar. Bubenzow benahm sich ganz anders als im Schlaf gemach der Hausherrin. Er lächelte nicht, war zurückhaltend, unfreundlich – kurz, er gab sich wie ein Mensch, der seinen Wert kennt und weitaus höher einschätzt als den der anderen. So gefiel er Pelagia schon viel weniger. Eigentlich überhaupt nicht.

Es fehlten nur Frau Tatistschewa, die von Tanja im Schlafzimmer mit Tee versorgt wurde, und von den Dauergästen Sytnikow, der gleich nach Ankunft der schwarzen Kutsche seinen Hut und seinen Stock genommen hatte und gegangen war – bis zu seinem Sommerhaus waren es drei Werst zu Fuß durch den Park, über eine Wiese und ein Feld. Pelagia hatte sich zunächst gewundert, doch dann fiel ihr ein, was sie über den Wortwechsel zwischen Sytnikow und Bubenzow zum Thema der unzivilisierten Altgläubigen gehört hatte, damit war das Verhalten Sytnikows erklärt. Auf dessen Stuhl saß nun Selig, der sich aber kaum am Gespräch beteiligte. Nur ganz zu Anfang, als man am Tisch Platz nahm, hatte er den Überfluss an Lebkuchen, Konfekten, Konfitüren in Augenschein genommen und streng gesagt:

»Die Völlerei schadet der Reinheit der Seele. So hat schon der Heilige Kassian gelehrt, das Fressen und Prassen zu meiden, den Leib nicht zu übersättigen und weniger der Süßmäulerei zu huldigen.«

Aber Bubenzow fuhr ihn an:

»Halt den Mund, Unterleibchen, das ist nicht deine Sache.«

Worauf Tichon Selig nicht nur demütig verstummte, sondern auch eifrig der Süßmäulerei huldigte.

Die Richtung des Gesprächs ergab sich sehr bald. Bubenzow erzählte von dem erstaunlichen Vorkommnis, das Sawolshsk entsetzt hatte, morgen das ganze Gouvernement erbeben lassen und übermorgen das Imperium erschüttern würde.

»Sie haben sicherlich gehört von den beiden kopflosen Leichen, die im Kreis Tschernojar an Land gespült wurden«, begann Bubenzow, wobei er die schönen Brauen runzelte. »Die polizeiliche Untersuchung hat die Identität der Ermordeten nicht feststellen können, denn das ist ohne Kopf fast unmöglich. Immerhin hat sich ergeben, dass der Mord höchstens drei Tage zurückliegt, also wurde er irgendwo in der Nähe verübt, innerhalb des Gouvernements Sawolshsk. Als ich davon erfuhr, habe ich mir Gedanken gemacht, zu welchem Zweck der oder die Übeltäter es für nötig hielten, den Opfern den Kopf abzuschneiden.«

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