Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
In Dolochows eignem Arbeitszimmer, dessen Wände bis hoch an die Decke mit Perserteppichen, Bärenfellen und Waffen geschmückt waren, saß vor dem offenen Schreibtisch, auf dem ein Blatt Papier und Päckchen mit Banknoten lagen, Dolochow selber in kurzem Reiserock und hohen Stiefeln. Anatol kam mit halbzugeknöpfter Uniform aus dem Vorzimmer gelaufen, wo die Zeugen saßen, und ging durch Dolochows Zimmer in einen hinteren Raum, wo sein französischer Kammerdiener mit anderen Dienern zusammen die letzten Sachen einpackte. Dolochow zählte das Geld und notierte sich etwas.
»Hör mal«, sagte er, »diesem Chwostikow müssen wir doch zweitausend Rubel geben.«
»Na, so gib sie ihm doch«, erwiderte Anatol.
»Dein Makarka« – so nannten sie Makarin – »geht ja ohne schnöden Mammon für dich durchs Feuer. Na, da wäre also die Abrechnung fertig«, sagte Dolochow und zeigte ihm das Blatt. »Ist’s recht so?«
»Ja natürlich, selbstverständlich«, erwiderte Anatol, der offenbar gar nicht hinhörte, was Dolochow sagte, sondern immer nur mit einem Lächeln vor sich hinblickte, das nicht von seinem Gesicht wich.
Dolochow schloß den Schreibtisch und wandte sich mit spöttischem Lächeln an Anatol.
»Weißt du was? Gib die ganze Geschichte auf. Noch ist es Zeit«, meinte er.
»Du bist wohl verrückt?« erwiderte Anatol. »Hör doch mit solchen Dummheiten auf. Wenn du nur wüßtest … Weiß der Teufel, was diesmal mit mir ist!«
»Wirklich, gib es auf«, riet Dolochow. »Ich rede ganz im Ernst mit dir. Ist das etwa ein Kinderspiel, was du vorhast?«
»Willst mich wohl schon wieder zum besten haben? Scher dich zum Teufel!« rief Anatol und runzelte die Stirn. »Mir ist jetzt wirklich nicht nach deinen albernen Witzen zumute.« Und er verließ das Zimmer.
Dolochow lächelte überlegen und geringschätzig.
»Warte doch mal«, rief er Anatol nach. »Ich mache gar keine Witze, ich rede ganz im Ernst. Komm doch mal her.«
Anatol kam ins Zimmer zurück, gab sich Mühe, sich zu sammeln, sah Dolochow an und beugte sich offenbar unwillkürlich seinem Willen.
»Also paß mal auf, ich sage es dir jetzt zum letztenmal. Warum sollte ich Scherz mit dir treiben? Habe ich dich irgendwie an der Ausführung deines Planes gehindert? Im Gegenteil. Wer hat alles vorbereitet? Wer hat den Popen ausfindig gemacht? Wer den Paß besorgt, das Geld verschafft? Alles nur ich.«
»Nun ja, und ich danke dir dafür. Du denkst wohl, daß ich das nicht anerkenne?« Anatol seufzte und umarmte Dolochow.
»Ich habe dir geholfen, aber eben deshalb muß ich dir die ganze Wahrheit sagen: Die Sache ist gefährlich und, bei Licht besehen, sogar dumm. Du entführst sie, gut. Wird man es aber dabei bewenden lassen? Es wird herauskommen, daß du schon einmal verheiratet bist. Dann wird man dich vors Kriminalgericht schleppen …«
»Ach, Unsinn, Unsinn!« fing Anatol wieder an und zog ärgerlich die Stirne kraus. »Wie oft habe ich dir das nicht schon auseinandergesetzt!« Und mit jener besonderen Vorliebe dummer Menschen für Vernunftschlüsse, die sie gerade noch mit ihrem Verstand fassen können, wiederholte Anatol Dolochow jene Gründe, die er ihm schon hundertmal dargelegt hatte: »Das habe ich dir doch alles schon soundso oft auseinandergesetzt. Ich bin zu dem Schluß gekommen: Ist die Ehe ungültig«, sagte er und bog einen Finger um, »dann kann man mich für nichts verantwortlich machen, hat sie aber Gültigkeit – nun, dann ist es auch einerlei: im Ausland wird das niemand wissen. Ist es nicht so? Da kannst du sagen, was du willst.«
»Tatsächlich, du solltest es lieber lassen. Du bindest dich bloß$
»Zum Teufel mit dir!« rief Anatol, fuhr sich durchs Haar und lief ins andere Zimmer, kehrte aber gleich wieder zurück, setzte sich dicht vor Dolochow auf einen Sessel und zog die Beine hoch. »Weiß der Teufel, was diesmal mit mir los ist! Nicht? Paß mal auf, wie das hier hämmert!« Und er nahm Dolochows Hand und legte sie auf sein Herz. »Ah, quel pied, mon cher, quel regard! Une déesse! Nicht?«
Dolochow lächelte kalt und blitzte Anatol mit seinen schönen, frechen Augen an, offenbar wollte er noch ein bißchen mit ihm spielen.
»Aber wenn nun das Geld ausgeht, was dann?«
»Was dann?« wiederholte Anatol mit aufrichtigem Staunen vor jedem Gedanken an eine weitere Zukunft. »Was dann? Wie soll ich denn das wissen … Aber wozu diesen Unsinn schwatzen!« Er sah nach der Uhr. »Es ist Zeit.«
Damit ging er in das hintere Zimmer.
»Na, seid ihr bald fertig? So eine Trödelei hier!« schrie er den Dienern zu.
Dolochow nahm das Geld weg, schrie einem Diener zu, noch schnell vor der Fahrt etwas zum Essen und Trinken zu bringen, und ging in das Vorzimmer, wo Chwostikow und Makarin saßen.
Anatol legte sich in Dolochows Zimmer auf das Sofa, stützte den Arm auf, lächelte in Gedanken versunken und flüsterte mit seinem hübschen Mund zärtlich etwas vor sich hin.
»Komm, iß etwas! Oder willst du nicht wenigstens etwas trinken?« rief ihm Dolochow aus dem Nebenzimmer zu.
»Ich mag nicht«, erwiderte Anatol, immer noch lächelnd.
»Komm, Balaga ist da.«
Anatol stand auf und ging ins Speisezimmer. Balaga war ein bekannter Troikakutscher, der Dolochow und Anatol schon über sechs Jahre kannte, und sie schon oft gefahren hatte. Als Anatols Regiment noch in Twer stand, hatte er diesen mehr als einmal abends in Twer abgeholt, war zum Morgengrauen in Moskau gewesen und hatte dann in der nächsten Nacht Anatol wieder nach Twer zurückgefahren. Oft hatte er auch Dolochow durch eine rasende Fahrt vor seinen Verfolgern gerettet, hatte sie mit Zigeunern und »solchen Dämchen«, wie Balaga sich ausdrückte, durch die Stadt kutschiert. Wie oft hatte er, wenn er sie fuhr, Leute überfahren oder Wagen angerannt, aber seine »Herren«, wie er sie nannte, hatten ihm immer wieder aus der Patsche geholfen. Gar manches Pferd hatte er ihretwegen schon zu Tode gehetzt. Mehr als einmal hatten sie ihn verprügelt, mehr als einmal mit Champagner und Madeira, der ihm über alles ging, betrunken gemacht, und von jedem von ihnen wußte er Streiche zu erzählen, die einem gewöhnlichen Sterblichen schon lange Sibirien eingebracht hätten. Oft hatten sie Balaga an ihren Zechgelagen teilnehmen lassen, hatten ihn zu trinken und mit den Zigeunern zu tanzen gezwungen, und mancher Tausender von ihnen war schon durch seine Hände gegangen. Wohl zwanzigmal im Jahr setzte er seine Haut und sein Leben aufs Spiel, wenn er sie fuhr, und hetzte für sie mehr Pferde zu Tod, als sie ihm an Geld bezahlten. Aber er liebte sie, liebte diese tollen Fahrten von achtzig Werst in der Stunde und tat nichts lieber, als andere Fuhren und Fußgänger über den Haufen zu fahren und wie der Teufel durch die Straßen Moskaus zu rasen. Ihm lachte das Herz im Leibe, wenn er hinter sich das wilde Schreien betrunkener Stimmen hörte: »Schneller! Schneller!« in einem Augenblick, in dem es schon nicht mehr möglich war, die Fahrt noch zu beschleunigen, und mit Genugtuung zog er dem Bauer, der sowieso, wenn er angerast kam, mehr tot als lebendig zur Seite sprang, eins mit der Peitsche über. Echte Herren, dachte er.
Anatol und Dolochow hatten Balaga wegen seines meisterhaften Fahrens und weil er die selben Passionen hatte wie sie, ebenfalls gern. Bei anderen machte Balaga den Preis immer vorher aus, nahm für eine zweistündige Fahrt zwanzig Rubel und fuhr andere Herrschaften überhaupt selten selber, sondern schickte dann immer einen von seinen jungen Leuten. Seine Herren aber, wie er sie nannte, fuhr er immer selbst und verlangte nie etwas dafür. Nur alle paar Monate einmal, wenn er durch die Diener erfahren hatte, daß gerade Geld da war, kam er frühmorgens nüchtern zu ihnen und bat unter tiefen Verbeugungen, ob sie ihm nicht aus der Klemme helfen könnten. Die Herren forderten ihn dann immer auf, Platz zu nehmen. »Nichts für ungut, Väterchen Fjodor Iwanowitsch«, oder: »Euer Durchlaucht«, fing er dann immer an. »Ich habe kein Pferd mehr im Stall; geben Sie mir einen kleinen Vorschuß, wenn es Ihnen möglich ist, damit ich nach dem Pferdemarkt gehen kann.« Und dann gab ihm sowohl Anatol als auch Dolochow, wenn sie gerade Geld hatten, tausend oder auch zweitausend Rubel. Balaga war ein blonder, untersetzter Mann von etwa siebenundzwanzig Jahren, mit rotem Gesicht, einer Stumpfnase, einem kleinen Bärtchen, blitzenden kleinen Augen und auffallend rotem, dickem Hals.