Wir sind nur Menschen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:
Eine halbe Stunde später stießen sie auf den Fluß hinaus und ließen sich von der Strömung treiben. Die Bewohner von Zapuare, die von dem Vorhaben der beiden Ärzte gehört hatten, standen am Flußufer und blickten den drei Booten stumm nach. Sie waren sicher, diese Karawane und die Ärzte nicht wiederzusehen. Als die drei Boote um eine Biegung des Flusses den Blicken entschwunden waren, standen die Bewohner von Zapuare noch lange am Ufer zusammen und beredeten das Ereignis.
«Sie kommen nicht weiter als bis zum Managuare«, prophezeite ein alter Orchideenjäger.»Dann hat Sapoläna sie verspeist!«
Die drei Boote schossen durch den Strom. An schwimmenden Inseln vorbei, gebildet aus vermorschten Baumstämmen, die in den Fluß stürzten, sich mit Lianen verfilzten und mit der Zeit zu Inseln wurden, vorbei an Kolonien von Alligatoren und auseinanderstiebenden Rudeln von Wasserschweinen trieben sie an einer grünen, undurchdringlichen Wand aus Bäumen, Schlingenpflanzen und großdornigen Büschen entlang. Der Fluß wurde breiter, und Schwärme von schillernden Fischen begleiteten die Boote. Es roch über den Strom hinweg nach Verwesung, vermischt mit dem starken Duft großblütiger Blumen, die am Uferrand üppig wucherten und die schwarze, feindliche Baumwand etwas belebten. Drückende Hitze lag über dem Fluß. Der Urwald schien jeden Luftzug zu ersticken. Feucht und flimmernd bewegte sich die Luft auf und nieder, als brodele sie wie kochendes Wasser.
Peter Perthes saß am Bug des schnellen Rindenbootes und hatte sein Gewehr über die Knie gelegt. In der Bootsmitte hockte Dr. Cartogeno, einen Blätterfächer in der Hand. Er fächelte sich stöhnend Luft zu. Hinten, am Steuer, saß der indianische Dolmetscher, der durch schrille Zurufe die beiden großen Packboote dirigierte. Sie folgten in Kiellinie und waren neben den Lasten mit je drei Trägern besetzt.
«Wie lange rechnen Sie für unseren Ausflug in die Hölle?«fragte Dr. Cartogeno sarkastisch und brannte sich eine seiner langen, widerlich riechenden Zigarillos an, von denen Dr. Perthes behauptete, er lege sie zur Fermentierung in frischen Kuhmist.
«Drei Wochen!«rief Peter Perthes zurück und schoß auf einen Alligator, der auf das Ruderboot zugeschnellt kam. Getroffen drehte das Tier ab und hinterließ im Wasser einen roten Streifen. Dann wurde es in einen Wirbel von peitschenden Schwänzen und hornigen Panzern gezogen, die bis zu einem Meter hoch aus den Flußwellen stießen. Mit Schrecken sah Perthes, wie der angeschossene Alligator von seinen Artgenossen in Stücke zerrissen wurde. Nach einigen Sekunden trieb nur noch ein blutiger Rückenpanzer auf dem trüben Fluß.
«Bravo!«rief Dr. Cartogeno vergnügt.»Sie sorgen ja gut für die netten Viecher! Wenn sie erst Blut gerochen haben, kennen sie kein Erbarmen.«
Nach stundenlangem Abwärtstreiben steuerten sie gegen Mittag eine Sandbank im Strom an und schoben die Kiele der drei Boote auf den Sand. Die Träger säuberten den Boden von Spinnen und Wassernattern, die mit schillerndem Leib ins Wasser sprangen und pfeilschnell in schwimmenden Lianen verschwanden.
Als Dr. Cartogeno an den Strand watete, trat er auf einen Käfer, der sich sofort im Leder der Stiefel festbiß.
«Sieh einer dieses freche Biest an!«rief der Arzt, nahm sein langes Buschmesser und löste das Insekt ab.»Hier scheint jeder Wurm in kriegerischer Stimmung zu sein!«Er zertrat den Käfer und half mit, einen Pflock in den Sand zu schlagen, um die Boote daran zu vertäuen. Der indianische Dolmetscher saß unterdessen an einem Busch in der Mitte der Sandbank und zerlegte einen Stapel Fische, die die Träger in den Lastbooten während der Fahrt mit dünnen Schleppangeln gefangen hatten. Über einem offenen Feuer wurden sie an kleinen Holzspießen gebraten.
Peter Perthes und Fernando Cartogeno aßen aus einer Büchse Kekse und kaltes Schweinefleisch und tranken bitteren, kalten Mate dazu. Die Sonne brannte unbarmherzig. An die heraufgezogenen Boote klatschten die Schuppenschwänze der Alligatoren. Von der fast greifbar nahen Baummauer des Urwaldes herüber zog eine satte, übelriechende Schwüle.
Einer der Träger, der Führer des zweiten Packbootes, erhob sich. Er ging hinunter zu seinem Boot und holte aus einer Blechbüchse einige dunkle Zigarillos. Da warf er plötzlich die Arme in die Luft, stieß einen grellen Schrei aus und sank nach vorn in die Knie. Noch einmal schlug er mit den Armen um sich, dann blieb er im Sand liegen und rollte stumm an die Bootswand.
Schon beim Aufschrei waren die beiden Ärzte aufgesprungen. Sie hielten ihre Pistolen schußbereit in den Händen. Jetzt stürzten sie an den Rand der Sandbank und sahen die glasigen Augen des Trägers. Vor seinen Lippen stand Schaum. In seiner Brust federte ein langer, dünner Pfeil. Ein Pfeil, mit roter Farbe bestrichen.
Der Dolmetscher, der als erster nach den Ärzten bei dem Toten erschien, stieß beim Anblick des roten Pfeils einen hellen, kurzen Schrei aus und warf sich zu Boden. Er kroch hinter die Bootswand des am nächsten liegenden Kahnes und blieb dort, an allen Gliedern zitternd, liegen.
«Sapoläna«, stammelte er, als Perthes zu ihm trat.»Der Pfeil… der rote Pfeil… er wird uns alle töten.«
Die Pistole in der Hand, blickte Peter Perthes um sich. Starr, undurchdringlich, feindlich standen zu beiden Seiten des Flusses die Urwaldriesen. Nirgends zeigte sich eine Stelle, von der aus ein Schütze gezielt haben konnte. Der Mörder mußte in einer der mächtigen, weit über den Fluß ragenden Baumkronen sitzen. Dr. Carto-geno suchte bereits mit einem Fernglas die dichten Wipfel ab.
«Was bedeutet der rote Pfeil?«fragte Dr. Perthes den Eingeborenen. Er blickte hinüber zu dem Toten, der sich schon verfärbte und wächsern wurde. Der Pfeil hat Gift, durchzuckte ihn die Erkenntnis.
«Er wird uns alle töten«, rief der Indianer wieder und blieb hinter dem Boot liegen.»Keiner, der den roten Pfeil sah, kommt lebend aus den Wäldern zurück! Das weiß das ganze Land. Herr. oh, wir sind verloren. «Er sank mit dem Kopf in den Sand und begann, ein Vaterunser nach dem anderen zu beten. Dazwischen stammelte er indianische Brocken, die Gebete zu seinen alten Göt-tern, den Götzen, sein mochten.
Dr. Perthes blickte sich um.»Hier können wir nicht bleiben, Dr. Cartogeno«, sagte er.»Wir präsentieren uns hier wie auf dem Schießplatz als Zielscheibe. Nirgendwo ein Schutz! Sie können uns abknallen, ohne daß wir uns wehren können. «Und den Trägern rief er zu:»Alle Boote sofort wieder in den Fluß! Wir müssen das Ufer erreichen!«
Sie rannten zu dem Lagerfeuer zurück, während Dr. Cartogeno mit zwei Pistolen den Aufbruch sicherte. Die wenigen abgeladenen Gegenstände wurden rasch in die Boote zurückgeworfen. Dann stießen die Träger und der immer um sich blickende Dolmetscher die Kanus in den Strom und steuerten in die Flußmitte. Dort erst steckte der kolumbianische Arzt seine Pistolen ein, während Dr. Perthes von neuem am Bug hockte und sein Gewehr geladen und entsichert auf den Knien wiegte.
«Mich wundert es eigentlich, daß Sapolana uns nicht alle auf der Sandbank weggeblasen hat«, meinte Dr. Cartogeno.»Eine solche Freundlichkeit ist nicht sein alltäglicher Charakterzug. «Er hatte den toten Träger vor sich liegen und schnitt mit einem Skalpell den tief in den Brustkorb eingedrungenen Pfeil aus dem Körper.»Er ist tatsächlich vergiftet«, rief er und zeigte Dr. Perthes die Spitze mit den drei Widerhaken aus Tierknochen.»Ihr zweiter Erfolg, Herr Kollege! Allerdings teuer erkauft.«
Sie glitten in schneller Fahrt den Fluß hinab, vorbei an Orchideengärten und Bäumen mit den sonderbarsten Blüten. Auf einem flachen Uferstreifen lag ein ganzes Rudel Alligatoren in der Sonne und schlief. Etwas weiter unterhalb brach flüchtend ein Tapir in den Urwald zurück, als er die Boote kommen sah. Er hatte vorher am Ufer gestanden und mit äußerster Vorsicht blitzschnell getrunken. Die kleinen Mörderfische bissen sich leicht in seiner Schnauze fest.
Schweigsam saßen die Männer in den Kanus. Dr. Perthes schoß hin und wieder auf gepanzerte Rücken, Dr. Cartogeno beobachtete das Ufer und begann, trotz der Unruhe im Boot, des Schaukelns und Hüpfens, seelenruhig, wie in der Anatomie einer Universität, den toten Träger zu sezieren. Er schnitt kunstgerecht Gewebestücke aus den vergifteten Stellen, entnahm Teile des geronnenen Blutes und war mit seiner Arbeit gerade fertig, als die Urwaldsiedlung San Juan im großen Bogen des Rio Guaviare zwischen der Baumwand auftauchte. Hier hielten die Boote an, und die Träger begruben ihren toten Kameraden am Rande des Urwalds.