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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Aber um Gottes willen kein Wort …« flüsterte das Mädchen noch, während Natascha schon, ohne an etwas zu denken, mit einer mechanischen Handbewegung das Siegel löste und Anatols Liebesbrief las, von dem sie, ohne die Worte fassen zu können, zuerst nur das eine begriff, daß es ein Brief von ihm war, von dem Mann, den sie liebte. Ja, ich liebe ihn, könnte es denn sonst so gekommen sein, wie es gekommen ist? Könnte ich denn sonst einen Liebesbrief von ihm in meiner Hand halten? sagte sie sich.

Mit zitternden Händen hielt Natascha diesen leidenschaftlichen Liebesbrief, den Dolochow für Anatol verfaßt hatte, las ihn und fand in ihm den Widerhall all dessen, was sie, wie ihr schien, selber fühlte.

»Seit gestern abend ist mein Schicksal entschieden: ich muß entweder von Ihnen geliebt werden – oder sterben. Einen anderen Ausweg gibt es für mich nicht«, fing der Brief an. Dann schrieb er weiter, er wisse, daß ihre Verwandten sie ihm nicht geben würden, daß da geheime Gründe vorlägen, die er nur ihr allein eröffnen könne, daß sie aber nur das Wörtchen »ja« zu sagen brauche, und keine Macht der Welt könne ihre Glückseligkeit stören. Die Liebe überwinde alles. Er werde mit ihr fliehen und sie bis ans Ende der Welt führen.

Ja, ja, ich liebe ihn, dachte Natascha und las den Brief wohl zum zwanzigstenmal durch, wobei sie in jedem Wort einen besonders tiefen Sinn zu finden suchte.

An diesem Abend fuhr Marja Dmitrijewna zu den Archarows und schlug den jungen Mädchen vor, mitzufahren. Natascha aber blieb unter dem Vorwand, Kopfschmerzen zu haben, zu Hause.

15

Als Sonja spät abends nach Hause kam, trat sie noch einmal in Nataschas Zimmer und fand diese zu ihrer Verwunderung angekleidet und schlafend auf dem Sofa liegen. Auf dem Tisch neben ihr lag offen Anatols Brief. Sonja nahm den Brief und las ihn.

Sie las ihn und blickte auf die schlafende Natascha, um auf ihrem Gesicht eine Erklärung dessen, was sie gelesen hatte, zu suchen, fand aber keine. Das Gesicht war still, sanft und glücklich. Bleich und vor Angst und Aufregung zitternd, griff sich Sonja an die Brust, um nicht zu ersticken, ließ sich auf einen Sessel fallen und brach in Tränen aus.

Und ich habe nichts davon gemerkt! Wie konnte das nur so weit kommen? Liebt sie denn den Fürsten Andrej nicht mehr? Wie konnte sie nur diesen Kuragin so an sich herankommen lassen? Er ist ein Betrüger und Bösewicht, das ist klar. Was wird Nicolas sagen, der liebe, edle Nicolas, wenn er das erfährt? Daher also ihr erregtes, entschlossenes, unnatürliches Gesicht vorgestern, gestern und heute, dachte Sonja. Aber das kann ja gar nicht sein, daß sie ihn liebt! Wahrscheinlich hat sie gar nicht gewußt, von wem der Brief ist, und ihn aufgemacht. Sicher fühlt sie sich beleidigt. So etwas kann sie doch nicht tun!

Sonja wischte sich die Tränen ab, trat auf Natascha zu und sah ihr wieder ins Gesicht.

»Natascha«, sagte sie kaum hörbar.

Natascha erwachte und sah Sonja an.

»Ah, wieder zurück?«

Energisch und zärtlich, wie man im ersten Augenblick des Erwachens zu sein pflegt, umarmte sie die Freundin, als sie aber die Verlegenheit auf Sonjas Gesicht sah, nahm auch ihr Gesicht einen verwirrten, argwöhnischen Ausdruck an.

»Sonja, du hast den Brief gelesen?« fragte sie.

»Ja«, erwiderte Sonja leise.

Natascha lächelte verzückt.

»Nein, Sonja, ich kann nicht mehr!« sagte sie. »Ich kann es nicht länger vor dir geheimhalten. Du weißt, wir lieben einander. Sonja, Herzenssonja, er schreibt an mich … Sonja …«

Sonja, die ihren Ohren nicht traute, sah Natascha ganz entgeistert an.

»Und Bolkonskij?« fragte sie.

»Sonja, ach Sonja, wenn du nur wüßtest, wie glücklich ich bin!« rief Natascha. »Du weißt gar nicht, was Liebe ist …«

»Aber, Natascha, soll jenes wirklich alles zu Ende sein?«

Natascha sah Sonja mit großen, weitgeöffneten Augen an, als verstünde sie ihre Frage nicht.

»Ich meine, willst du dem Fürsten Andrej schreiben?« fragte Sonja.

»Ach, du verstehst ja alles nicht, du redest ja nur dummes Zeug! So höre doch nur!« sagte Natascha plötzlich ärgerlich.

»Nein, ich kann das nicht glauben«, wiederholte Sonja. »Ich begreife das nicht. Wie kannst du nur einen Menschen ein ganzes Jahr lang lieben und dann mit einemmal … Und du hast ihn doch nur dreimal gesehen. Natascha, das glaube ich dir nicht, du machst nur Spaß. In drei Tagen alles zu vergessen und so …«

»Drei Tage?« sagte Natascha. »Mir kommt es vor, als liebte ich ihn schon hundert Jahre. Und als hätte ich vorher nie einen Menschen geliebt. Aber du kannst das ja nicht verstehen. Komm, Sonja, setz dich einmal her!« Natascha umarmte und küßte sie. »Man hat mir erzählt, daß dies manchmal so ist, und auch du hast das sicherlich gehört, aber erst jetzt habe ich diese Liebe an mir selbst erfahren. Das ist nicht das, was ich früher empfand. Als ich ihn nur gesehen hatte, fühlte ich sofort, daß er mein Herr und ich seine Sklavin bin, und daß ich gar nicht anders kann, als ihn lieben. Ja, seine Sklavin! Was er mir befiehlt, das tue ich. Das verstehst du eben nicht. Aber was soll ich tun? Was soll ich nur tun, Sonja?« rief Natascha mit glücklichem und doch ängstlichem Gesicht.

»Aber so bedenke doch, was du tust«, rief Sonja. »Ich kann das nicht so weitergehen lassen. Diese heimlichen Briefe … Wie konntest du ihn nur so weit kommen lassen?« sagte sie entsetzt und voll Abscheu, den sie nur mit Mühe verbergen konnte.

»Ich sagte dir ja schon«, erwiderte Natascha, »daß ich keinen Willen mehr habe. Verstehst du denn das nicht: ich liebe ihn!«

»Aber ich werde es nicht so weit kommen lassen, ich werde es erzählen«, schluchzte Sonja mit tränenüberströmtem Gesicht.

»Was fällt dir ein? Um Gottes willen … Wenn du etwas erzählst, bist du meine Freundin nicht mehr«, fiel Natascha hastig ein. »Du willst mein Unglück, willst, daß man uns trennt …«

Sonja sah Nataschas Angst, und Tränen der Scham und des Mitleids mit ihr stürzten ihr aus den Augen.

»Aber was ist denn zwischen euch vorgefallen?« fragte sie. »Was hat er zu dir gesagt? Warum kommt er nicht ins Haus?«

Natascha gab keine Antwort auf ihre Fragen.

»Um Gottes willen, Sonja, sage niemandem ein Wort, quäle mich nicht«, flehte Natascha. »Denke doch daran, daß man sich in solche Sachen nicht einmengen darf. Ich habe es dir offen anvertraut …«

»Aber wozu diese Heimlichtuerei? Weshalb kommt er nicht ins Haus?« fragte Sonja. »Warum hält er nicht offen um deine Hand an? Fürst Andrej hat dir doch volle Freiheit gelassen, wenn es nun schon einmal so ist. Aber ich traue ihm nicht, Natascha. Hast du schon darüber nachgedacht, was das für geheime Gründe sein können?«

Natascha sah Sonja mit erstaunten Augen an. Sichtlich drängte sich ihr diese Frage zum erstenmal auf, und sie wußte nicht, was sie darauf antworten sollte.

»Was das für Gründe sind? Ich weiß es nicht. Aber er schreibt es, folglich müssen doch Gründe da sein.«

Sonja seufzte und schüttelte argwöhnisch den Kopf.

»Wenn solche Gründe wirklich da wären …« fing sie an.

Aber Natascha, die ihre Zweifel erriet, schnitt ihr erschrocken das Wort ab.

»Sonja, du darfst nicht an ihm zweifeln! Du darfst nicht! Ich erlaube es nicht! Verstehst du?« rief sie.

»Liebt er dich?«

»Ob er mich liebt?« wiederholte Natascha mit einem Lächeln des Mitleids über den Mangel an Verständnis bei ihrer Freundin. »Aber du hast doch seinen Brief gelesen, hast ihn doch selber gesehen.«

»Wenn er nun aber ein Unwürdiger ist?«

»Er? … Ein Unwürdiger? Du solltest ihn nur kennen!« rief Natascha.

»Wenn er ein ehrlicher Mensch wäre, müßte er sich entweder offen erklären oder aufhören, deine Nähe zu suchen. Und wenn du es nicht tun willst, so tue ich es: ich werde an ihn schreiben und es Papa sagen«, erwiderte Sonja in entschiedenem Ton.

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