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Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)

Электронная книга - «Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)». Краткое содержание книги:

Berlin 1962. Weshalb wurde Adolf Eichmann, Organisator der sogenannten Endlösung der Judenfrage bis ins Jahr 1960 nicht enttarnt? Haben Seilschaften es verhindert? Als eine Sekretärin beim BND ermordet wird, übernimmt Hauptkommissar Tom Sydow den Fall und stößt auf eine seit 1952 bekannte, nach Südamerika führende Spur, der nicht nachgegangen wurde. Sydow muss sich jedoch nicht nur mit der Aufklärung des Falles beschäftigen, sondern auch mit der Nazivergangenheit seiner eigenen Familie.
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Gefangen im Netz der Erinnerungen, ließ Morell seinen Reminiszenzen freien Lauf. Er hatte gebetet, gut und schön, religiös war er deswegen noch lange nicht. Seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten, hatte er keine Synagoge mehr von innen gesehen, und nichts deutete darauf hin, dass sich dies in absehbarer Zeit ändern würde. Das hieß jedoch nicht, dass er ein Atheist war, höchstens ein wenig skeptisch, was den Ratschluss des Gottes seiner Vorväter betraf.

Der Grund hierfür lag auf der Hand. Es war noch nicht lange her, als Deutsche, und nicht nur Deutsche jüdischen Glaubens, verfolgt, gedemütigt, ihrer Rechte beraubt und millionenfach ermordet wurden. Wo war Gott in jener Zeit gewesen, hatte er sich von seinem Volk abgewandt? Wo war er gewesen, als Leute wie Himmler, Heydrich und Eichmann die Szene betreten und ihr blutiges Handwerk verrichtet hatten?

Wo nur, verdammt noch mal, wo?

Eine Frage, über die er jetzt, da ihm das Wasser bis zum Hals reichte, lieber nicht nachdenken wollte. Morell unterdrückte ein Seufzen und begann damit, die Steine auf der Oberkante des schmucklosen Grabsteins aus Rosengranit zu platzieren. Guter Rat war in der Tat teuer, und das nicht nur bezüglich der Frage, wie er mit den unlängst ergatterten Informationen umgehen sollte. An wen – und wie – er sie weitergeben würde, war ein Teil des Problems, ein anderer, in welche Art von Schwierigkeiten er dadurch geraten würde. Um herauszubekommen, wer hinter dem brutalen Mord an Luise steckte, bedurfte es keiner großen Fantasie, um sich auszumalen, was ihm blühte, nur eines Mindestmaßes an Instinkt. Die Herren vom BND würden sämtliche Hebel in Bewegung setzen, um wieder in den Besitz der Karteikarte zu kommen, was das bedeutete, war ihm vollauf bewusst.

Es bedeutete, dass man Jagd auf ihn machen würde, wieder einmal, um es präzise zu formulieren, genau wie vor 20 Jahren. Wieder einmal war Morell ins Fadenkreuz der Mächtigen geraten, und es war sinnlos, darüber nachzugrübeln, aus welchem Grund dies geschah. Jetzt galt es, einen kühlen Kopf zu bewahren, wenngleich die Chancen, ihn aus der Schlinge ziehen zu können, nicht übermäßig günstig standen.

Ein Lächeln im Gesicht, das zwischen Resignation und Entschlossenheit schwankte, genehmigte sich Morell einen Schluck aus seinem Flakon und ließ das Erlebte Revue passieren. Kein Zweifel, wer nicht zögerte, einen derart brutalen Mord zu begehen, würde so schnell nicht aufgeben. Käme heraus, was nicht herauskommen durfte, würde dies nicht nur zu einem handfesten Skandal, sondern darüber hinaus zu unabsehbaren politischen Konsequenzen und einer Erschütterung des gesamten Systems führen. Das galt es zu verhindern, zumindest aus der Sicht derjenigen, die nicht gezögert hatten, die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen. ›Standartenführer Eichmann befindet sich nicht in Ägypten, sondern hält sich unter dem Decknamen Clemens in Argentinien auf.‹ Soweit der entscheidende, vor mittlerweile 10 Jahren niedergeschriebene Satz. Ein Satz, der, harmlos ausgedrückt, im Bonner Kanzleramt für erhebliche Unruhe sorgen würde.

Und nicht nur dort.

Auf einen Schlag hundemüde, hatte Morell Mühe, zu einem Entschluss zu gelangen. Wieso, fragte er sich, den Zorn der Mächtigen auf sich ziehen, wenn derjenige, um den es ging, demnächst das Schafott besteigen würde? An der Tatsache, dass Eichmanns Schicksal besiegelt war, würde dies nicht das Geringste ändern. Vor zwei Tagen, am 29. Mai, war das Todesurteil durch das Oberste Gericht des Staates Israel bestätigt worden, und nichts deutete darauf hin, dass sein Gnadengesuch, die letzte sich bietende Chance, beim israelischen Staatspräsidenten Gehör finden würde. Adolf Eichmann war ein toter Mann, im übertragenen und demnächst wohl auch im wörtlichen Sinn.

Ein Grund mehr für ihn, so schien es, keinen Wirbel zu verursachen und die Affäre auf diskrete Art und Weise zu beenden. Ein Anruf oder zwei, und die Sache war erledigt. Und er, Theodor Morell, ein freier Mann.

Frei?

Morells Miene verdüsterte sich, und wie um dies zu unterstreichen, zogen erneut dunkle Wolken herauf. Freiheit – welch hehres Wort. Damals, am Ende des Krieges, hatte er noch daran geglaubt. Wie alle, die mit heiler Haut davongekommen waren, hatte er Freudentänze aufgeführt, an den Beginn einer neuen Ära geglaubt. Er hatte sich zu früh gefreut, zum einen, weil längst nicht alle Schuldigen bestraft, zum anderen, weil viele von ihnen bald wieder in Amt und Würden gewesen waren. Eichmann war nur die Spitze des Eisberges gewesen, einer von vielen, die es verdient hätten, vor den Kadi zitiert zu werden.

Nachkarren brachte jedoch nichts, nicht jetzt, da er eine Entscheidung zu fällen hatte. ›Und sie möge wieder erstehen zu ihrer Bestimmung am Ende der Tage. Amejn.‹[40] Der Mann, der sich Theodor Morell nannte, hob den Blick und ließ ihn über die anmutige und von Kiefern, Laubbäumen, Säulenpappeln sowie einem See durchsetzte Parklandschaft schweifen. Wenigstens hier blieb er unbehelligt, denn abgesehen von einer Rentnerin, die soeben in sein Blickfeld geriet und alsbald wieder zwischen den Grabsteinen verschwand, war kein Mensch zu sehen.

Morell irrte sich, nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal an diesem Tag.

Er irrte sich, wenn er glaubte, man sei ihm nicht gefolgt. Er täuschte sich, wenn er sich einredete, wenigstens hier, am Grab seiner Gönnerin, unbeobachtet zu sein. Und er machte sich etwas vor, als er zu dem Schluss kam, man würde ihm nichts tun.

Es war die Rentnerin, die ihm das Leben rettete, nicht etwa sein Urteilsvermögen. Wäre sie nicht aufgetaucht, hätte der Boulevardreporter, im Fadenkreuz eines Karabiners vom Typ Mauser 98, nur noch wenige Sekunden zu leben gehabt.

Theodor Morell, 52, von Beruf Reporter und unbelehrbarer Optimist, spielte ein gefährliches Spiel. Das, und vieles andere, würde ihm im weiteren Verlauf des Tages bewusst werden.

Einstweilen aber ging ein Ruck durch ihn, und es schien, als habe er wieder Mut gefasst. Mut, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, Mut, mit den Mächtigen dieser Welt die Klingen zu kreuzen. So wie damals, im Jahre ’43, als er sich geweigert hatte, das ihm zugedachte Schicksal zu akzeptieren.

Er würde ihn brauchen, diesen Mut, am heutigen Tage mehr denn je.

10

Berlin-Moabit, Pathologisches Institut des Städtischen Krankenhauses in der Turmstraße │ 15:55 h

Professor Heribert Peters, Chefpathologe mit Lehrstuhl an der FU Berlin, war ein zu cholerischen Ausbrüchen neigender, überbeschäftigter und zu allem Unglück auch noch übergewichtiger Mann. Die leiseste Anspielung auf seine 112 Kilo, die sich auf 1,80 Meter Körpergröße verteilten, und dem Betreffenden verging das Lachen. Es sei denn, er hieß Tom Sydow, der Einzige, dem gestattet war, ihn damit aufzuziehen.

Peters war eine unumstrittene Koryphäe, verehrt von seinen Studenten, geachtet von den Fakultätskollegen, gefürchtet von all jenen Mitarbeitern, die Opfer seiner Wutausbrüche geworden waren. Im Grunde war er eine Seele von Mensch, doch wenn man sich erdreistete, ihm in die Quere zu kommen, Anordnungen nicht zu befolgen oder gar überflüssige Fragen zu stellen, dann verwandelte sich der Zweizentnermann in einen Vulkan, und sein Gegenüber tat gut daran, den Rückwärtsgang einzulegen.

Professor Blaffke, so sein Spitzname, duldete keine anderen Götter neben sich, schon gar nicht heute, da er von Zahnschmerzen geplagt wurde. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, seiner Arbeit nachzugehen, denn er war, wie allgemein bekannt, ein pflichtbewusster Mensch. Die einzige Schwäche, die er sich gönnte, waren Süßigkeiten, am liebsten Lakritzstangen, die er bei jeder sich bietenden Gelegenheit konsumierte.

Einstweilen war ihm der Appetit jedoch gründlich vergangen. Schuld daran waren nicht nur die Zahnschmerzen, mit denen er sich seit dem Vortag herumplagte, sondern der Leichnam, der vor ihm auf dem Seziertisch lag. Die linke Hand an der Backe und die rechte auf der Tischkante, gab Peters einen unterdrückten Schmerzenslaut von sich. Anblicke wie diesen war er eigentlich gewohnt, aber heute, so schien es, war offenbar alles anders.

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