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Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)

Электронная книга - «Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)». Краткое содержание книги:

Berlin 1962. Weshalb wurde Adolf Eichmann, Organisator der sogenannten Endlösung der Judenfrage bis ins Jahr 1960 nicht enttarnt? Haben Seilschaften es verhindert? Als eine Sekretärin beim BND ermordet wird, übernimmt Hauptkommissar Tom Sydow den Fall und stößt auf eine seit 1952 bekannte, nach Südamerika führende Spur, der nicht nachgegangen wurde. Sydow muss sich jedoch nicht nur mit der Aufklärung des Falles beschäftigen, sondern auch mit der Nazivergangenheit seiner eigenen Familie.
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»Dienstrechtlich?«

»Ich sehe, wir verstehen uns, Herr Peters«, entgegnete Posininsky, ein Lächeln auf dem konturlosen Bürokratengesicht, in dem das einzig Hervorstechende die Hornbrille war. »Noch ein Wort, vor allem über den vorliegenden Fall, und Sie können sich eine andere Beschäftigung suchen. Von Druckmitteln, über die ich verfüge, nicht zu reden.« Posininsky drehte sich um und schlenderte zur Tür. Dort angekommen, drehte er sich schwungvoll um und zischte: »Nur ein Wort, nur einziges unbedachtes Wort, und Sie beide können sich Ihr Grab schaufeln. Haben wir uns verstanden, Herrschaften?«

Verbrechen und Strafe

›Jerusalem, 15. Dezember. Das Bezirksgericht in Jerusalem verurteilte am Freitagmorgen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann wegen Verbrechen gegen das jüdische Volk, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen zum Tode durch Erhängen. Wegen seiner Zugehörigkeit zu Organisationen, die nach israelischem Gesetz als verbrecherisch gelten, wurden keine Strafen gegen Eichmann verhängt. Die letzte Sitzung dauerte nur 13 Minuten. Der Angeklagte nahm das Urteil gefasst entgegen. Er wird durch seinen Verteidiger Berufung einlegen.‹

(Aus: Die Welt, Sonnabend, 16. Dezember 1961, S. 1)

›Die amerikanischen Juden hatten zu dieser Zeit (Anfang der 50er-Jahre, Anm. d. Autors) wahrscheinlich andere Sorgen. Die Israelis hatten kein Interesse mehr an Eichmann, sie mussten sich im Überlebenskampf gegen Nasser behaupten. Die Amerikaner hatten kein Interesse mehr an Eichmann, sie mussten sich im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion behaupten. Ich hatte das Gefühl, mit ein paar wenigen gleichgesinnten Narren vollkommen alleine zu sein.‹

(Aus: Simon Wiesenthal, Recht, nicht Rache, Frankfurt/M. · Berlin 1988, S. 105)

Drittes Kapitel

(Berlin, Donnerstag, 31. Mai 1962)

11

Berlin-Schöneberg, Polizeipräsidium in der Gothaer Straße │ 16:10 h

Die Frau war zwar alt, aber das bedeutete nicht, dass sie etwas zusammenfantasierte. Weder wirkte sie zerstreut, noch war sie vergesslich oder verschroben. Das merkte man sofort, und wie immer, wenn Sydow ihr begegnete, hatte er das Gefühl, das Alter und die damit einhergehenden Beschwerden könnten ihr nichts anhaben.

Kein Grund also, ihr zu misstrauen. Er konnte sich nicht erinnern, dass die Zugehfrau seiner Eltern auch getratscht, ihre Nachbarn angeschwärzt oder Dinge behauptet hatte, die aus der Luft gegriffen waren. Viel eher war das Gegenteil der Fall gewesen, und soweit er dies beurteilen konnte, war Hermine Pasewalk, von den Kindern im Haus ›Tante Mine‹ gerufen, die Gleiche geblieben. Sie war immer noch so, wie er sie in Erinnerung hatte, resolut, vital, geistig rege und mit einem Gedächtnis gesegnet, um das sie manch Jüngerer beneidete.

Trotz allem konnte Sydow die Frage, welche bei zahllosen Verhören gestellt worden war, nicht umgehen. Hinterher tat es ihm zwar leid, in alte Gewohnheiten verfallen zu sein, aber da war das Kind bereits ins Wasser gefallen. »Sind Sie sich da auch ganz sicher?«, rutschte es ihm heraus, und wenn er gekonnt hätte, wäre er im Erdboden versunken. »Ich meine … äh … Wenn das stimmt, Tante Mine, ist guter Rat teuer.«

»Erstens: Das Wort ›wenn‹ kann du dir getrost sparen, Tom. Hin und wieder geschehen eben Dinge, für die es keine Erklärung gibt. Und vor allem: Du darfst jetzt nicht den Kopf verlieren.«

Leichter gesagt als getan, dachte Sydow, dem der Gedanke, dass seine Schwester unter den Lebenden weilte, beinahe den Verstand raubte. »Schön und gut – aber so etwas muss man erst einmal verdauen.«

»Mag sein, mein Junge!«, bekräftigte das zierliche, weißhaarige und mit dunklem Hut sowie Rüschenbluse und Brosche bekleidete Mütterchen, welches den Eindruck erweckte, die Gebrüder Grimm hätten sich von ihr inspirieren lassen. »Das ist aber noch lange kein Grund, den Kopf hängen zu lassen. Ich bin mir sicher, es gibt eine Erklärung dafür.«

Aber klar doch, die gab es immer. Sydows Miene, in der die neuerliche Hiobsbotschaft deutliche Spuren hinterlassen hatte, verhärtete sich, und ein Ausdruck der Ratlosigkeit stahl sich in seinen Blick. An dem, was Frau Pasewalk berichtet hatte, bestand kein Zweifel, und wenn, war er mit der Beschreibung, welche die Rentnerin von der Unbekannten gab, hinfällig geworden.

Alles passte, bis ins Detail.

Somit stand fest, dass es sich bei der Frau, auf die er bei der Beerdigung seiner Tante aufmerksam geworden war, um die 42-jährige Agnes von Sydow handelte. An dieser Tatsache gab es nichts zu rütteln, und obwohl dem so war, hatte er Skrupel, sie als seine Schwester zu bezeichnen. Agnes, der widerborstige, ungebärdige und zuweilen auch ungezogene Wildfang, gehörte der Vergangenheit an, und es gab nichts, was ihn mit ihr verband. Was blieb, war eine Frau jenseits der Vierzig, in deren Vita eine Lücke von zwei Jahrzehnten klaffte. Eine Frau, die ihr Gesicht hinter einer Sonnenbrille versteckte, adrette Kleidung bevorzugte und auch sonst alles daran setzte, um attraktiv und anziehend zu wirken. Ein Phantom, so abgebrüht, dass es ihm geglückt war, ihn, den um sieben Jahre älteren Bruder, links liegen zu lassen und so zu tun, als habe es diesen Bruder nie gegeben.

Sydows Atem beschleunigte sich, und obwohl er dies zu vermeiden trachtete, begann die Hand, die das Schwarz-Weiß-Foto aus seiner Brusttasche zog, zu zittern. ›24. Dezember 1944.‹ Vater und sein erklärter Liebling, friedlich vereint unterm Weihnachtsbaum. Ribbentrops[41] Handlanger im Zweireiher, die Dame des Hauses in einer eng anliegenden Uniform. Sydows Mundwinkel verformten sich. Agnes war immer schon darauf bedacht gewesen, aufzufallen, wenngleich ihr Bestreben, Marlene Dietrich zu kopieren, ziemlich in die Binsen gegangen war. Um den Aberwitz auf die Spitze zu treiben, hatte sie sogar versucht, die Stimme der Diva zu imitieren, was bei Vater, einem Dietrich-Bewunderer, wahre Begeisterungsstürme hervorgerufen hatte. Wie so vieles, wovon sich Agnes hatte begeistern lassen, war auch diese Manie nur von kurzer Dauer gewesen, unter anderem, weil die Dietrich bei Goebbels in Ungnade gefallen und ins gegnerische, will heißen amerikanische, Lager übergelaufen war. Nun gut, bekanntlich hatte sie ›noch einen Koffer in Berlin‹[42], was den Berlinern, die ihr den Frontenwechsel immer noch nicht verziehen hatten, allerdings ziemlich schnuppe zu sein schien.

›Du kannst dir vorstellen, Luise, dass ich beginne, mir Sorgen zu machen.‹ Treffend erkannt, Vater. Schon damals, vor knapp 18 Jahren, hatte der Augapfel seines alten Herrn Anlass zur Sorge gegeben. Moderat ausgedrückt. Sydow schüttelte fassungslos den Kopf. War Vater wirklich so naiv gewesen, dass ihm nicht klar wurde, auf was Agnes sich da eingelassen hatte? Oder hatte er die Wahrheit ignoriert? Und außerdem: Wie weit war er selbst in das Unrecht verstrickt, an dem seine Vorgesetzten mitgewirkt hatten, war er Mitwisser, Mitläufer oder gar Mittäter gewesen?

Einerlei. Wieder einmal, wenngleich auf besondere Art und Weise, war er mit der Vergangenheit konfrontiert worden. Ein Dilemma, das sich wie ein roter Faden durch sein Leben zog. Sydows Kopf sackte nach vorn, und bleierne Müdigkeit machte sich in ihm breit. Allmählich bekam er das Gefühl, dass ein Fluch auf ihm lastete und er fragte sich, ob er imstande sein würde, ihn abzuschütteln.

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