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Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)

Электронная книга - «Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)». Краткое содержание книги:

Berlin 1962. Weshalb wurde Adolf Eichmann, Organisator der sogenannten Endlösung der Judenfrage bis ins Jahr 1960 nicht enttarnt? Haben Seilschaften es verhindert? Als eine Sekretärin beim BND ermordet wird, übernimmt Hauptkommissar Tom Sydow den Fall und stößt auf eine seit 1952 bekannte, nach Südamerika führende Spur, der nicht nachgegangen wurde. Sydow muss sich jedoch nicht nur mit der Aufklärung des Falles beschäftigen, sondern auch mit der Nazivergangenheit seiner eigenen Familie.
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Kurzum: ein echter Glücksfall.

Wind kam auf, wehte von Norden über den Landwehrkanal und direkt in ihr Gesicht. Die Bö war so heftig, dass ihr der Hut vom Kopf gerissen und wie ein Spielball davongeweht wurde. Nichts war ihr mehr zuwider als das. Nichts peinlicher als die Tatsache, hinter einem sündhaft teuren Filzhut herzurennen und sich zum Gespött der Passanten an der nahen Bushaltestelle zu machen.

Schließlich war sie wer, das heißt, sie war es gewesen. Inzwischen waren jedoch mehr als 17 Jahre vergangen. Eine Zeit, in der sich der Backfisch mit den langen Zöpfen in ein Phantom verwandelt hatte, in ein Trugbild, eine Schimäre – ein Nichts.

Ein Vorteil, aus dem es Kapital zu schlagen galt.

Endlich wieder im Besitz ihres Huts, atmete die von den Passanten begaffte Unbekannte auf. Das war es, worauf sie hingearbeitet, was sie bewogen hatte, an den Ort ihrer Jugend zurückzukehren. Sie musste es sehen, spüren, am eigenen Leib erleben. Sie musste sich vergewissern, dass es keinen Weg zurück mehr gab, keine Spuren, keine Bande, durch die sie mit der Vergangenheit verknüpft sein würde.

Und niemanden, der imstande war, sich an sie zu erinnern.

Das Phantom, welches sich Helen Fitzpatrick nannte, gestattete sich ein vergnügtes Lächeln und hielt Ausschau nach einem Taxi, das sie zurück ins Hotel bringen sollte. Teil zwei der geplanten Operation war erfolgreich abgeschlossen, Teil eins, ein Auftritt nach ihrem Geschmack, nicht minder. Wenn nicht einmal ihr Bruder in der Lage war, sie wiederzuerkennen, wer dann? Ergo: Ihrem Vorhaben stand nichts mehr im Weg. Höchste Zeit, mit Phase drei, dem krönenden Abschluss, zu beginnen. Auf dass von Agnes, dem bestgehassten Menschen auf dieser Welt, nicht das Geringste übrig bleiben würde.

»Mein Gott, diese Ähnlichkeit … entschuldigen Sie, wenn ich Sie einfach anspreche, aber …«

Weitergehen. Einfach weitergehen. So tun, als habe sie nichts gehört. Ins Taxi steigen, das soeben rechts rangefahren war. Und zusehen, dass sie von der Bildfläche verschwand.

»Entschuldigen Sie, aber kann es sein, dass wir uns schon einmal gesehen haben?«

Aber natürlich konnte das sein. Tagtäglich, mitunter mehrere Male. Und das mehr als 20 Jahre lang. Im Flur, auf der Treppe, beim Einkaufen, auf dem Heimweg von der Schule.

»Ist zwar schon ein paar Jahre her, aber man kann ja nie wissen!«

Nein, man konnte nie wissen, ob ein minutiös ausgearbeiteter Plan funktionieren würde. So viel zum Thema Strategie. Ärgerlich nur, dass sie sich diesbezüglich etwas vorgemacht hatte. Ärgerlich, aber nicht zu ändern.

»Was heißt da ›ein paar Jahre‹! ›Jahrzehnte‹ trifft es vermutlich besser.«

Wie recht du doch hast!, dachte sie, nur noch wenige Schritte von dem wartenden Taxi entfernt. Und falls es dich beruhigt: Ich habe dich damals schon gehasst. Gehasst wie nur irgendetwas. Und weißt du auch, warum? Weil du hinter mir herspioniert, mich bei Vater verpetzt, mich bei Tom, meinem ach so anständigen Bruder, permanent angeschwärzt hast. Weil dir nichts, aber auch gar nichts entgangen ist.

Weil du mich einfach nicht in Ruhe gelassen hast.

»Moment mal, wie lange ist das eigentlich …«

»Verzeihung, aber ich glaube, hier liegt eine Verwechslung vor.«

»… her? Kaum zu glauben, schon 17 Jahre!«

Kühl bis ins Mark, drehte sie sich um, rückte ihre Brille zurecht und nahm die Pose ein, von der sie annahm, dass sie den gewünschten Effekt erzielen würde. Und das ausgerecht jetzt! Da half nur noch die Flucht nach vorn, und, falls ihre Schroffheit nicht fruchtete, ein Griff ins Sammelsurium ihrer Drohgebärden.

»Wie gesagt: Ich denke, hier liegt eine Verwechslung vor!«, wiederholte sie, Auge in Auge mit der Rentnerin, deren Miene verriet, dass ihre Schauspielkünste nicht ausreichen würden, um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. »Sorry, Ma’am, aber ich kann mich nicht an Sie erinnern!«

8

Berlin-Spandau, Johannesstift in der Schönwalder Allee │ 15:35 h

»Jetzt komm schon, Tom, davor kannst du dich nicht drücken!« Wie recht Lea doch hatte. Davor konnte sich der frisch gebackene Universalerbe namens Sydow in der Tat nicht drücken. Es galt, den Tatsachen ins Auge zu sehen, ob es ihm passte oder nicht. Und das bedeutete, er musste Tante Lus Habseligkeiten durchforsten, zwischen Wichtigem und Entbehrlichem unterscheiden, Erinnerungsstücke aufbewahren und den Rest, der ein gutes Dutzend Kisten füllen würde, auf dem Trödelmarkt verhökern.

So einfach war das. Und doch so schwer.

Schwer vor allem, weil dies hier nicht nur Tante Lus Wohnzimmer, sondern auch ein Teil seiner eigenen Vergangenheit war. Wohin er auch blickte, überall Gegenstände, die eine Erinnerung in ihm wachriefen. Reminiszenzen an zu Hause, an seine Kindheit in der Nähe von Neuruppin, an den Hickhack mit der kleinen Schwester, die partout nicht auf ihn hatte hören wollen. Erinnerungen aber auch an die großen Ferien, die er hin und wieder auf dem Gut von Onkel Erwin, Tante Lus Gatten und Freiherr von Zitzewitz, verbracht hatte. Dort, unweit von Varzin in Hinterpommern, hatte man nach Herzenslust herumtoben, ausreiten, bei der Heuernte helfen oder zusammen mit den Nachbarskindern die Gegend unsicher machen können. Kein Mensch, schon gar nicht seine kinderlose Tante und ihr sanftmütiger Gatte, hatte etwas dagegen gehabt. Anders als zu Hause, wo er ständig von Mutter herumkommandiert und nach Kräften gemaßregelt worden war.

Bei einem dieser Besuche, irgendwann in den frühen Zwanzigern, wäre es dann beinahe zu einer Tragödie gekommen. Agnes, damals noch ein kleines Kind, hatte sich klammheimlich auf Entdeckungstour begeben. Und das ausgerechnet in einer Gegend, in der es von Teichen, Tümpeln und kleinen Seen nur so wimmelte. Sie konnte nicht schwimmen, hatte es zeitlebens nicht gelernt. Das ganze Gut war auf den Beinen, und die Aufregung, die der Wildfang verursacht hatte, war immens gewesen. Zu guter Letzt hatte er, Sydow, die Kleine entdeckt, am Ufer eines der Seen, die zu Onkel Erwins Ländereien gehörten. Sydow konnte sich nicht erinnern, jemals so schnell gerannt, so erschrocken und zugleich so wütend gewesen zu sein. Doch alles Rufen, alles Schreien und wildes Gestikulieren hatte keinen Zweck gehabt. Als gäbe es ihn und die aus sämtlichen Himmelsrichtungen herbeieilenden Bediensteten nicht, hatte Agnes sich nicht beirren lassen, Anlauf genommen und war in den See gesprungen. Einfach so, ohne mit der Wimper zu zucken. Gefolgt von ihrem Bruder, der alle Hände voll zu tun hatte, sie aus dem Wasser zu ziehen.

»Na, mein Schatz – dabei, alte Erinnerungen aufzufrischen?«

»Wenn man so will – ja.« Ein Ölgemälde in der Hand, auf dem eine Pappelallee, ein Herrenhaus nebst Wirtschaftsgebäuden und der angrenzende Schwanenteich zu sehen waren, trat ein wehmütiges Lächeln auf Sydows Gesicht. »Schade, dass wir damals noch nicht …«

»Damals noch nicht, erst ein paar Jahre später!«, vollendete Lea mit einem Schmunzeln, das zum gegenwärtigen Zeitpunkt genau richtig kam. »Die Jahre, in denen wir uns aus den Augen verloren hatten, nicht mitgerechnet.«

»Nein, die natürlich nicht.« Sydow hängte das Bild wieder an seinen Platz, nahm den Kopf seiner Frau zwischen die Hände und küsste sie auf die Stirn. Wie man mit Mitte 40 noch so aussehen konnte wie sie, war ihm ein Rätsel, wobei er den Vergleich mit dem eigenen Konterfei vermied. Lea wirkte mindestens zehn Jahre jünger als sie war, im Grunde immer noch so wie Anfang der Dreißiger, als er ihr zum ersten Mal begegnet war. Blondes, auf die Schultern herabfallendes Haar, bläulich schimmernde Augen und ein Schmunzeln im sommersprossigen Gesicht. So hatte sie ausgesehen, als er ihr das erste Mal über den Weg gelaufen war. Und so sah sie, dem Älterwerden zum Trotz, immer noch aus. »Schwamm drüber, kann ich da nur sagen.«

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