Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)
- Автор: Klausner Uwe
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Kopf hoch, mein Junge, wird schon werden.«
Tief in Gedanken, tätschelte Sydow die Hand, welche auf seiner Schulter ruhte. Es tat gut, jemanden zu kennen, der ihn verstand, der ihn von Kindesbeinen an kannte, seine Gedanken erriet, Ängste und Befürchtungen mit ihm teilte. »Ihr Optimismus in Ehren, Tante Mine, aber was mich betrifft, bin ich mit meinem Latein am Ende.«
»Den Kopf in den Sand stecken, wäre ja noch schöner. Nee, Tom, so haben wir nicht gewettet!«
»Und was, bitte schön, sollte ich Ihrer Meinung nach tun?«
»Nach ihr suchen, was denn sonst!«
»Fragt sich, was mir das bringt.«
»Na, du machst mir vielleicht Spaß, mein Junge!«, wetterte die Kriegerwitwe, eine der Wenigen, die zeitlebens am Lützow-Platz gewohnt hatten. »Heißt das, du hast vor, die Hände in den Schoß zu legen?«
Sydow wich einer Antwort aus. »Wissen Sie, was ich mich frage?«, stieß er nach längerem Grübeln hervor, den Blick auf das Portal des Präsidiums und das Schild mit der Aufschrift ›Abteilung K – Kriminalpolizei‹ gelenkt, wo die Rentnerin Posten bezogen und auf ihn gewartet hatte.
»Wie es kommt, dass deine Schwester für tot erklärt worden ist?«, kam die alte Dame einer Erläuterung vonseiten ihres Gesprächspartners zuvor, sah ihm in die Augen und ließ die Hand, an der ihr Ehering steckte, von Sydows Schulter gleiten. »Das, lieber Tom, frage ich mich ehrlich gesagt auch. Weiß Gott, ich hätte schwören können … Was heißt überhaupt ›ich hätte‹? Schließlich war ich es, die deinen Vater und … und die Frau, die wir für Agnes hielten, entdeckt hat. Eine von denjenigen, die sich ein Herz gefasst und mit bloßen Händen in die Keller vorgearbeitet haben, um einen Leichnam nach dem anderen auszubuddeln. Und wozu? Damit die bemitleidenswerten Kreaturen mit Kalk übergossen und in Massengräber gebettet wurden.« Hermine Pasewalk geriet ins Stocken, und sie hatte Mühe, ihre Tränen zu unterdrücken. »Dein armer Vater, so zu enden hat er nicht verdient.«
Jetzt war es an Sydow, die Trostspenderin aus Kindheitstagen aufzurichten, und obwohl er sich mit Gefühlsbekundungen schwertat, schloss er die alte Frau in seine Arme. »Tut mir leid, Tante Mine«, flüsterte er ihr ins Ohr, »wenn ich gewusst hätte, wie nahe Ihnen die Sache immer noch …«
»Tja, so ist das nun maclass="underline" Tage wie den 3. Februar vergisst man nie.« Hermine Pasewalk löste sich aus Sydows Umarmung, umklammerte ihre Handtasche und sprach: »Was glaubst du, wie oft ich daran gedacht habe. Schrecklich, kann ich da nur sagen. Einfach entsetzlich, mit ansehen zu müssen, wie sie die armen Teufel unter dem Geröll hervorgezerrt haben. Mitzuerleben, in welch grauenhaftem Zustand sie waren. Festzustellen, wie wenig ein Menschenleben zählt. Du kannst froh sein, Tom, dass dir so etwas erspart geblieben ist.«
Sydow behielt die Antwort, welche ihm auf der Zunge lag, für sich. Wusste er doch zu gut, was es hieß, lebendig begraben zu sein. Und was es hieß, einen Menschen, den man liebte, zu verlieren. Kaum ein Tag, an dem nicht auch er an den V2-Angriff dachte, bei dem Rebecca, seine Verlobte, ums Leben gekommen war. Was blieb, war ein Ring gewesen, ein Ring und der Anblick ihrer Hand, die aus einem Berg von Schutt, Trümmern und Geröll hervorragte.
»Um die Frage, die dir auf der Zunge liegt, zu beantworten«, nahm Hermine Pasewalk in der für sie typischen, teils mitfühlenden, teils anspornenden Art den Gesprächsfaden wieder auf, »es ist mir ein Rätsel, wie … wie …«
Die Rentnerin suchte nach Worten, fand sie aber offenbar nicht. »Wie Agnes es fertiggebracht hat, ihre Spur zu verwischen? Wenn ich ehrlich bin, frage ich mich das auch. Die gleiche Größe, die gleiche Figur, der gleiche Rock, der schicke Wintermantel – nie und nimmer wäre ich auf die Idee gekommen, die Frau neben deinem Vater könne nicht deine Schwester sein.«
»Und das … und ihr Gesicht?«
»Nur keine Scheu, Tom, irgendwann mussten wir ja mal darüber reden.« Die 82-Jährige, scheinbar um Jahre gealtert, gab sich einen Ruck und berichtete: »Ihr Gesicht, sofern man es als solches bezeichnen kann, war nicht mehr zu erkennen. Mein Gott, was war das für eine Hitze gewesen! Und das, obwohl längst Entwarnung gegeben worden war. Wir waren schweißgebadet, bekamen kaum noch Luft. Die Wände anzufassen wäre glatter Selbstmord gewesen, es gab nichts, rein gar nichts, woran man sich festhalten konnte, kein Quadratmeter Boden, der unversehrt geblieben war.«
»Mit anderen Worten: Ihr Gesicht – das Gesicht der Frau, die neben Vater saß, wollte ich sagen – war nicht wiederzuerkennen.« Für seine Verhältnisse ausgesprochen zurückhaltend, ließ Sydow einige Sekunden verstreichen, bevor er die nächste Frage stellte.
Eine Frage, die, obwohl sie nur aus zwei Worten bestand, ihn einiges an Überwindung kostete. »Und Vater?«
»Bei ihm war es nicht so schlimm. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.« In Gedanken weit weg, fiel es der Rentnerin schwer, ihre Erinnerungen abzustreifen. »Eins solltest du jedoch wissen, Tom«, fuhr sie mit belegter Stimme fort, »alle miteinander, ob leicht, schwer oder bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, alle miteinander haben sie einen sanften Tod gehabt. Keiner, der verkrampft oder zusammengekauert oder erschrocken gewesen wäre. Das kann ich dir versichern. Die Kinder waren aneinander gekuschelt, die Erwachsenen ruhig und entspannt, ungefähr so, als würden sie ein Schläfchen halten. Auf die Gefahr, dass du mich für meschugge hältst, Tom: Alles sah ruhig und friedlich aus. Sie sind erstickt, mein Junge, einfach erstickt. Eine Ritze, durch die giftiger Rauch eindrang – und schon war es geschehen. Binnen Sekunden. Ich weiß zwar nicht, ob es ein Trost für dich ist: Dein Vater, Tom, hat nicht lange leiden müssen.«
Natürlich war es das, obwohl Sydow sich schwergetan hätte, dies zuzugeben. Trotz der Distanz, die zwischen ihm und Vater geherrscht hatte, waren dessen Tod und die Umstände, die dazu geführt hatten, nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Wie auch, handelte es sich doch nicht um jemand Wildfremdes, sondern um einen Menschen, der einfach nicht aus seiner Haut gekonnt hatte. Das war tragisch, aber nicht zu ändern. Und das war einer der Gründe, weshalb Sydow gegenüber Agnes, dem verwöhnten Nesthäkchen, auf verlorenem Posten gestanden war.
»Hörst du mir überhaupt zu, Herr Kommissar?«
»Tut mir leid, ich war in Gedanken.«
»Darf ich dir einen Rat geben, Tom?«, entgegnete Hermine Pasewalk, nachdem sie einen Blick auf die Uhr geworfen und Ausschau nach ihrer Schwiegertochter gehalten hatte, mit der sie um halb fünf verabredet war. »Den Rat einer verschrobenen alten Schachtel?«
»Selbstverständlich«, antwortete Sydow, die Andeutung eines Lächelns im Gesicht. »Grünschnäbel wie ich sind für jeden Rat dankbar.« Und ergänzte: »Oder sollten es zumindest sein.«
»Recht so, junger Mann!«, bekräftigte die Kriegerwitwe, nachdem sie den VW ihrer Schwiegertochter ausfindig gemacht, ihr zugewunken und Sydows Hand ergriffen hatte, um ihm Lebewohl zu sagen. »Du weißt doch: Probleme sind dazu da, um gelöst zu werden!«
*
»Tom Sydow – welch Glanz in meiner Hütte! Komm rein, oder hast du Schiss vor mir?«
Nein, hatte er nicht. Vor Paul Bartels, dem Polizeizeichner, brauchte kein Mensch Angst zu haben. Es sei denn, man war so tollkühn, seine Werke zu kritisieren, doch dafür gab es keinen Grund. Der 34-jährige Chaot, Absolvent des Konservatoriums und überzeugter Junggeselle, war ein echter Könner, und nicht nur Sydow bewunderte die Akribie, mit der er zu Werke ging.
»Vor einer halben Portion wie dir?«, amüsierte sich Sydow, nachdem er den Raum im zweiten Stock betreten und sich einen Weg zum einzigen Stuhl gebahnt hatte, auf dem keine leeren Tassen, Pappteller oder Becher abgestellt worden waren. »Das ist doch wohl nicht dein Ernst!«