Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)
- Автор: Klausner Uwe
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)». Краткое содержание книги:
Er hatte Blut geleckt, konnte offenbar nicht genug bekommen. Kaum hatte er den Brief gelesen, zusammengefaltet und wieder in den Umschlag gesteckt, nahm er sich den nächsten vor, auch er, wie das restliche halbe Dutzend Schriftstücke, die Sydow studierte, an seine zum damaligen Zeitpunkt noch in Pommern beheimatete Tante adressiert. »Hör dir das mal an, Lea.«
»Was denn?«
»Eine Glückwunschkarte von Vater. Poststempeclass="underline" 30. Dezember 1944. ›Prosit Neujahr‹ – na, der hatte vielleicht Nerven!«
»Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, oder?«, erwiderte Lea Sydow, legte die Kladde mit der Aufschrift ›Von Zitzewitz – letztwillige Verfügung (Kopie)‹ beiseite und trat neben ihren Mann, der mit jeder Minute, während der er sich in die Korrespondenz seiner Tante vertiefte, nachdenklicher geworden war. »Dass er sterben würde, konnte dein Vater nicht wissen.«
»Hm.« In Gedanken woanders, hörte Sydow nur mit einem Ohr hin. »Hier!«, sprach er geraume Zeit später und überreichte Lea einen Bogen, der die gestochen scharfe Handschrift seines Vaters trug. Der Brief stammte vom 12. Januar 1945, dem Tag, an dem die sowjetische Winteroffensive begann. Millionen Deutsche hatten damals die Flucht ergriffen, unter anderem auch Tante Lu. »Das musst du dir mal ansehen.«
Eher zögerlich nahm Lea den Brief zur Hand und begann zu lesen, während Sydow eine Schwarz-Weiß-Fotografie in die Hände fiel, von deren Anblick er sich lange Zeit nicht losreißen konnte. Die Rückseite trug die Aufschrift ›24. Dezember 1944‹, die Vorderseite zeigte Vater und Agnes, friedlich vereint unter dem Weihnachtsbaum. Eine – sozusagen die deutsche – Hälfte der Familie, während sich die andere im fernen London aufhielt.
Während sein Blick von Agnes zu Vater und zurück zu seiner Schwester wanderte, spürte Sydow einen faustdicken Kloß im Hals. Zum damaligen Zeitpunkt hielt er sich bereits zweieinhalb Jahre in England auf, im Beisein von Rebecca, mit der er sich am gleichen Tag verlobt hatte. Weder von Vater noch von Agnes hatte er je wieder etwas gehört, und er fragte sich, was sie mit der Uniformträgerin auf dem Bild und dem Wildfang aus Kindheitstagen gemeinsam hatte.
Nach der Machtergreifung, kaum merklich zunächst, hatten sich die Wege der beiden Geschwister getrennt, und das nicht nur im räumlichen Sinn. Agnes war dem BdM[38] beigetreten, weniger aus Überzeugung, wie sie freimütig bekannte, sondern weil sie im Gegensatz zu ihm gerne unter Leuten und ständig auf der Suche nach Abwechslung und Unterhaltung war. Richtig schlimm war es mit ihr erst an Hitlers Fünfzigstem geworden, als sie dem größten Verbrecher aller Zeiten persönlich begegnet war. Von da an, kurz vor Kriegsbeginn, hatte man kein vernünftiges Wort mehr mit ihr reden können, schon gar nicht, als sich abzeichnete, dass Deutschland den Kürzeren ziehen würde. Mit jedem Tag, an dem neue Hiobsbotschaften von der Front eintrafen, war Agnes ein Stück fanatischer geworden, hatte ihr Studium abgebrochen, Karriere bei der NS-Frauenschaft gemacht und sich in eine willfährige Marionette des Regimes verwandelt. Zäh wie Leder, skrupellos wie Himmler und fanatischer als Goebbels, um es in Abwandlung des sattsam bekannten Führer-Diktums zu formulieren. Wie geschaffen für eine Clique, für die das Wort ›Verbrechen‹ offenbar nicht existierte.
»Das … darf doch wohl nicht … Tut mir leid, Tom, das konnte ich nicht wissen.«
»Kein Grund, sich Vorwürfe zu machen. Irgendwann wäre die Sache ans Licht gekommen. Lieber jetzt als in ein paar Jahren, oder?«
»Mag sein.« Lea ließ den Brief sinken und starrte an die gegenüberliegende Wand. »Ich frage mich, wie es dazu kommen konnte.«
»Nicht nur du, Lea – nicht nur du.«
Aschfahl im Gesicht, begann Sydows Frau zu lesen. »›Du kannst dir vorstellen‹«, begann sie und vermied es, ihren Mann anzuschauen, »›Du kannst dir vorstellen, Luise, dass ich allmählich beginne, mir Sorgen zu machen.‹«
»Späte Einsicht, findest du nicht auch?«
»Besser spät als nie, Tom.« Lea räusperte sich und fuhr fort: »›Du weißt ja, wie Agnes ist: Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, kann kein Mensch sie davon abbringen. Immer und immer wieder habe ich sie ermahnt, habe ihr ins Gewissen geredet, sie beschworen, von ihrem Weg abzuweichen. Aber sie hat nicht auf mich gehört, weder vor noch nach Toms Verschwinden. Nimm es mir nicht übel, Luise, aber du kannst Dir nicht vorstellen, wie sehr ich darunter gelitten habe. Zuerst verlierst du den Sohn, wirst vorgeladen, verhört, bedrängt, nach seinen Motiven und nach seinem Aufenthaltsort befragt. Welch eine Demütigung, der Junge weiß nicht, was er mir angetan hat.‹«
»›Demütigung‹ – aha!«
»Tu mir den Gefallen und bleibe sachlich, Tom. Wo war ich gerade stehen ge… genau! ›Ich weiß, dass er dein Augapfel ist, Luise, du musst mir die Bemerkung verzeihen. Wie dem auch sei, nie und nimmer hätte ich mir träumen lassen, dass Agnes zu so etwas imstande sein würde. Man stelle sich das einmal vor: Einer jungen Frau aus gutem Hause fällt nichts Besseres ein, als sich in den Dienst einer Verbrecherclique zu stellen und Aufseherin in einem Konzentrationslager zu werden. BdM, NS-Frauenschaft, Luftwaffenhelferin, Sekretärin im RSHA[39] in der Wilhelmstraße und Aufseherin im KZ Theresienstadt. Welch eine Karriere, welch Albtraum für einen Vater, der mit ansehen muss, wie seine Tochter sich in eine Kriminelle verwandelt.‹« Lea Sydow ließ den Briefbogen sinken und öffnete das Fenster. Dort blieb sie geraume Zeit stehen, müde, deprimiert und unfähig, den Brief zu Ende zu lesen.
»Was will uns der Name sagen?«, murmelte Sydow, der die daraufhin einkehrende Stille nicht ertrug und sich umwandte, um Leas Blick zu suchen.
Seine Frau schien es jedoch nicht zu bemerken. »Theresienstadt?«, fragte sie und fügte nach dem Ausbleiben einer bekräftigenden Antwort an: »Was er einem eben so sagt: angebliches »Vorzeigeghetto« – mit Betonung auf ›angeblich‹. Zwischenstation auf dem Weg in die Vernichtungslager, oder, um es ungeschminkt auszudrücken, Endstation für Zehntausende europäischer Juden.« Sydows Frau seufzte gequält auf. »Du siehst, meine Kenntnisse lassen zu wünschen übrig.«
»Meine auch, da kann ich dich beruhigen.«
»Wenn du willst, kann ich mich erkundigen. Ein Kollege von mir kennt sich bestens aus.«
»Tu das, mein Schatz, tu das«, ermunterte Sydow seine Frau, nicht unbedingt erpicht, Licht ins Dunkel der Familienhistorie zu bringen. »Dann wissen wir wenigstens Bescheid.«
»Nanu!«, rief Lea aus, drehte sich um und sah ihren Mann mit gerunzelten Brauen an. »Was ist denn auf einmal in dich gefahren?«
Sydow zuckte die Achseln.
»Aus dir soll mal einer schlau werden, Tom!«, fuhr seine Frau kopfschüttelnd fort. »Erst setzt du Himmel und Hölle in Bewegung, um zu erfahren, was aus deiner Familie geworden ist, und dann, wenn die Sache richtig spannend wird, ziehst du dich in den Schmollwinkel zurück.«
»Glaub mir, Lea: Mein Bedarf an makabren Details ist gedeckt. Insbesondere, was den Werdegang meiner Schwester betrifft.« Ohne sich an Leas überraschtem Blick zu stören, öffnete Sydow die Vitrine, in der Tante Lu ihre geistigen Getränke aufbewahrte, nahm ein Glas heraus und goss sich einen Sherry ein. Dann prostete er ihr zu und trank es leer. »Irgendwann, mein Schatz, ist einfach Schluss. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber allmählich kann ich das alles nicht mehr ertragen. Seit ich denken kann, bin ich gezwungen, mich mit dem Thema Agnes rumzuschlagen. Agnes hier, Agnes dort, Agnes, die ständig die Aufmerksamkeit meiner Eltern auf sich zieht. Agnes, die Kokette, Papas Liebling.« Sydow lachte verbittert auf. »Und was, bitte schön, war mit mir? Die beiden hat es doch einen Scheiß interessiert, mit welchen Problemen ich mich …«
»Das Problem, Tom Sydow, warst du. Beziehungsweise ein Teil davon. Oder glaubst du, dein Vater war froh, dass du von der Bildfläche verschwunden bist?«