Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Die Flinte wurde mir so zielsicher aus der Hand gerissen, dass ich im ersten Moment gar nicht begriff, dass sie fort war, sondern nur ungläubig auf meine leeren Hände starrte. Dann brüllte hinter mir eine Stimme so laut, dass alle Umstehenden verblüfft verstummten.
»Isaiah Morton! Du bist des Todes, Junge!«
Die Flinte ging neben meinem Ohr mit einem betäubenden Bwuum! und einer Rußwolke los, die mich blendete. Würgend und hustend rieb ich mir mit der Schürze über das Gesicht und gewann mein Augenlicht gerade rechtzeitig zurück, um zu sehen, wie die kurze, untersetzte Gestalt Isaiah Mortons einen Häuserblock entfernt davonhetzte, so schnell ihn seine Füße trugen. Jezebel Hatfield Morton war hinter ihm her und rannte achtlos jeden um, der ihr im Weg stand. Sie hüpfte gazellengleich über den beschmierten und gefiederten Forbes, der sich immer noch auf Händen und Knien befand und benommen dreinblickte. Sie schob sich durch die Überreste des Pöbels und flitzte die Straße entlang, überraschend schnell für einen Menschen ihres Körperbaus. Morton schoss um eine Ecke und verschwand, die unerbittliche Furie dicht auf den Fersen.
Ich fühlte mich selbst ein wenig benommen. Meine Ohren dröhnten noch, doch als mich jemand am Arm berührte, blickte ich auf.
Jamie blinzelte auf mich nieder. Er hielt ein Auge geschlossen, als sei er nicht sicher, ob er wirklich sah, was er zu sehen glaubte. Er sagte etwas, das ich nicht ausmachen konnte, doch die Gesten, mit denen er auf mein Gesicht wies – verbunden mit dem verräterischen Zucken seines Mundwinkels –, ließen nicht den geringsten Zweifel daran, was er wohl meinte.
»Ha«, sagte ich kalt mit einer Stimme, die blechern und weit entfernt klang. Ich wischte mir noch einmal mit der Schürze über das Gesicht. »Du solltest den Mund lieber nicht zu voll nehmen!«
Er sah aus wie ein scheckiger Schneemann mit den schwarzen Teerflecken auf seinem Hemd und weißen Daunenklumpen an den Augenbrauen, im Haar und in den Bartstoppeln. Er sagte noch etwas, aber ich konnte ihn nicht klar hören. Ich schüttelte den Kopf und verdrehte einen Finger in meinem Ohr, um anzuzeigen, dass ich im Moment nichts hören konnte.
Er lächelte, ergriff mich an den Schultern und beugte den Kopf vor, bis seine Stirn mit einem leisen Pock! auf die meine traf. Ich konnte spüren, dass er sacht zitterte, war mir aber nicht sicher, ob es Gelächter oder Erschöpfung war. Dann richtete er sich auf, küsste mich auf die Stirn und nahm mich beim Arm.
Neil Forbes saß mit gespreizten Beinen und ruinierter Frisur mitten auf der Straße. Auf einer Seite war er von der Schulter bis zum Knie schwarz vom Teer. Er hatte einen Schuh verloren, und einige hilfsbereite Umstehende versuchten, ihm die Federn aus den Kleidern zu picken. Jamie führte mich im weiten Bogen um ihn herum und nickte ihm im Vorbeigehen freundlich zu.
Forbes blickte funkelnd auf und murmelte etwas, während sich sein feistes Gesicht hasserfüllt verzog. Im Großen und Ganzen, dachte ich, war es wohl ganz gut, dass ich ihn nicht hören konnte.
Ian und Fergus waren mit dem Großteil der Randalierer davongegangen, zweifellos, um anderswo Unheil zu stiften. Jamie und ich zogen uns in das »Sycamore« zurück, ein Gasthaus an der River Street, um uns zu erfrischen und wieder herzurichten. Jamies Ausgelassenheit ließ allmählich nach, während ich ihn von Teer und Federn befreite, bekam dann aber einen drastischen Dämpfer verpasst, als er von meinem Besuch bei Dr. Fentiman hörte.
»Man macht was damit?« Während meiner Erzählung der Geschichte von Stephen Bonnets Testikel war Jamie leicht zusammengezuckt. Als ich bei der Beschreibung der Penisspritzen anlangte, schlug er unwillkürlich die Beine übereinander.
»Nun, man führt natürlich das nadelartige Ende ein Stückchen weit ein, und dann spült man wohl die Harnröhre mit einer Lösung aus, zum Beispiel Quecksilberchlorid.«
»Die, äh …«
»Soll ich es dir zeigen?«, erkundigte ich mich. »Ich habe meinen Korb bei den Bogues’ stehengelassen, aber ich kann ihn holen und –«
»Nein.« Er beugte sich vor und stützte die Ellbogen entschlossen auf die Knie. »Glaubst du, dass es sehr brennt?«
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass es angenehm ist.«
Er erschauerte kurz.
»Nein, das denke ich auch.«
»Ich glaube außerdem nicht, dass es tatsächlich wirkt«, fügte ich nachdenklich hinzu. »Eine Schande, so etwas über sich ergehen zu lassen und nicht geheilt zu werden. Findest du nicht?«
Er betrachtete mich mit der nervösen Ausstrahlung eines Mannes, dem gerade klargeworden ist, dass das Paket, das neben ihm steht, tickt.
»Was –«, begann er, und ich kam hastig zum Ende.
»Dann macht es dir also nichts aus, bei Mrs. Sylvie vorbeizuschauen und dafür zu sorgen, dass ich die Mädchen behandeln kann, oder?«
»Wer ist Mrs. Sylvie?«, fragte er argwöhnisch.
»Die Besitzerin des hiesigen Bordells«, sagte ich und holte tief Luft. »Dr. Fentimans Dienstmädchen hat mir von ihr erzählt. Ich vermute zwar, dass es mehr als ein Bordell im Ort gibt, aber Mrs. Sylvie kennt ja sicherlich ihre Mitbewerber, falls es welche gibt, daher kann sie dir sagen –«
Jamie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und zog seine Unterlider herunter, so dass das blutunterlaufene Aussehen seiner Augen noch stärker zur Geltung kam.
»Ein Bordell«, wiederholte er. »Du möchtest, dass ich in ein Bordell gehe.«
»Nun ja, ich gehe natürlich mit, wenn du das möchtest«, bot ich an. »Obwohl ich glaube, dass du allein besser zurechtkommen wirst. Ich würde es ja selbst tun«, fügte ich ein wenig scharf hinzu, »aber ich habe das Gefühl, dass sie eventuell nicht auf mich hören könnten.«
Er schloss ein Auge und betrachtete mich mit dem anderen, das aussah, als hätte man es mit Schmirgelpapier traktiert.
»Oh, das glaube ich schon«, sagte er. »Das war es also, was du vorhattest, als du darauf bestanden hast, mich in den Ort zu begleiten, ja?« Er klang leicht verbittert.
»Nun … ja«, gab ich zu. »Obwohl ich wirklich Chinarinde brauchte. Außerdem«, fügte ich in aller Logik hinzu, »hättest du das mit Bonnet nicht herausgefunden, wenn ich nicht mitgekommen wäre. Oder auch die Sache mit Lucas.«
Er sagte etwas auf Gälisch, das ich grob als Hinweis übersetzte, dass er ohne dieses Wissen genauso glücklich hätte weiterleben können.
»Außerdem kennst du dich doch mit Bordellen bestens aus«, sagte ich. »Du hattest sogar einmal ein Zimmer in einem, in Edinburgh.«
»Aye, das stimmt«, pflichtete er mir bei. »Aber damals war ich auch nicht verheiratet – oder doch, aber ich – aye, nun ja, ich meine, es kam mir damals sehr entgegen, dass die Leute dachten, ich –« Er brach ab und sah mich flehend an. »Sassenach, möchtest du wirklich, dass jedermann in Cross Creek glaubt, dass ich –«
»Nun, sie werden es nicht denken, wenn ich mit dir gehe, oder?«
»Oh, Gott.«
An diesem Punkt ließ er den Kopf in seine Hände fallen und rieb sich heftig die Kopfhaut. Vielleicht stand er ja unter dem Eindruck, dass ihm dies dabei helfen würde, einen Weg zu finden, mich von meinem Vorhaben abzubringen.
»Wo ist denn dein Mitgefühl mit deinem Nächsten?«, wollte ich wissen. »Du würdest doch nicht wollen, dass sich irgendein argloser Mann einer Sitzung mit Dr. Fentimans Spritze unterziehen muss, nur weil du –«
»Solange ich mich ihr nicht selbst unterziehen muss«, versicherte er mir und hob den Kopf, »kann mein Nächster gern den Lohn der Sünde einstreichen, und es geschieht ihm nur recht.«
»Nun, ich tendiere sehr dazu, dir beizupflichten«, räumte ich ein. »Aber es sind nicht nur sie. Es sind die Frauen. Nicht nur die Huren; was ist mit den Ehefrauen – und den Kindern – der Männer, die sich anstecken? Du kannst sie doch nicht alle wissentlich an der Krankheit sterben lassen, wenn man sie retten könnte?«