Wir sind nur Menschen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:
Ärzte drückten sich wortlos die Hand, als würden sie sich schon seit Jahren kennen, dann reihte sich Dr. Cartogeno in seinem Wagen in die Kolonne ein. Sie klapperten über die ausgefahrene, staubige Höhenstraße, die sich von Bogota ziemlich steil durch die Kordilleren windet, um dann zu der Kreisstadt Villavicencio hin abzufallen und sich in den Weiten der Llanos de San Martin zu verlieren.
Man hielt in Villavicencio zwei Tage, um einen Dolmetscher zu suchen, der die Dialekte der Eingeborenenstämme beherrschte. Es meldete sich ein begabter Indianer, der auf einer Missionsstation in Barabaca erzogen worden war, fast alle Idiome der Urwaldvölker im weiten Umkreis kannte und verstand.
Von der Kreisstadt aus wurde der Weg beschwerlicher. Bald wurden die Lastwagen entladen, und auf leichteren Karren fuhr die Expedition nach Pto. Espana. Dort kauften sie ein ganzes Geschwader von Baum- und Rindenbooten und fuhren den Rio Ariari hinab — hinein in den mächtigen Rio Guaviare. Nach fünftägiger Bootsfahrt legten die 49 Kähne in Zapuare an. Sie hatten insgesamt 105 Flußwindungen und — schleifen durchfahren.
Am Ufer standen die Einwohner, johlten und schwenkten bunte Tücher. Jedoch sie wurden enttäuscht. Nicht neue Abenteurer und Saufkumpane stiegen an Land, sondern zwei Männer in weißen Tropenanzügen und eine Kompanie von Trägern, Halbindianern, Mischlingen, Kreolen, Mulatten — ein Wirrwarr von Rassen.
Es begann umgehend ein großes Ausladen, die Boote wurden am Ufer vertäut, ein abseits liegendes Haus in ein Behelfslabor verwandelt. Als erstes ließ Dr. Cartogeno, der seine Umgebung kannte, in den >Bars< verkünden:»Wer sich dem Haus nähert, die Boote anfaßt und sonst etwas stiehlt, wird ohne Warnung erschossen!«
Die Eingeborenen krochen zusammen, mieden das Haus am Waldrand und sahen den beiden Ärzten scheel nach, wenn sie in ihren weißen Anzügen, sauber und gepflegt inmitten des Schmutzes ringsum, auf leichten Kanus den Rio Uva oder den Rio Maneciare hinaufruderten, um das Gelände an den Ufern zu erkunden.
Das ganze Gebiet schwirrte von den sagenhaften Taten des Ta-rapashäuptling Sapolana. Man erzählt sich, daß er sich in das Fell eines Leoparden kleide und seinen Feinden mit Krallen das Fleisch vom lebenden Körper reiße. Am Oberlauf des Rio Padavi-da habe man einen Priester gefunden, dem die Kutte und das Käppi mit giftigen Dornen ins Fleisch und in die Kopfhaut gespießt worden waren. Indianer, die einem der freundlicheren Stämme angehörten, berichteten, daß Sapolana durch den ganzen Urwald eine Botschaft geschickt habe: Kampf den weißen Eindringlingen! In Zapuare waren alle sehr froh, daß die Haupthandelszeit vorüber war und sie sich ein paar Monate lang erholen konnten, ehe die Jagd nach Orchideensamen und wertvollen Hölzern die Menschen ohne Moral wieder in die Wirrnisse der Lianen und Sümpfe trieb.
Peter Perthes und Dr. Cartogeno saßen auf zwei Kisten beieinander und tranken Mate. Der kolumbianische Arzt wischte sich den Schweiß von der Stirn.»Eine blöde Hitze!«stöhnte er.»Sie haben sich mit dem November den dümmsten Monat ausgesucht, Kollege Perthes. Bei Ihnen in Deutschland fällt jetzt schon Schnee. Ich habe es in den Illustrierten gesehen. In den Alpen, meldete man eineinhalb Meter Schnee! Und während Ihre Landsleute in dicken Pelzen herumlaufen, beginnt bei uns die Treibhaushitze. Prost!«
Er stand von seiner Kiste auf und ging zu dem Mikroskop, das am Fenster stand. Ein feinmaschiges Netz schützte in der Fensteröffnung vor Moskitos und Fliegen.»Das ist also Ihre Kanone — und mit der wollen Sie die Menschheit retten?«
Peter Perthes lachte und trat an die Seite des Gefährten. Er drehte ein wenig an dem Okular des Mikroskops und nickte dann Fernando Cartogeno zu.»Blicken Sie einmal hinein! Ich habe gestern am Rio Maneciare einen toten Tapir seziert.«
«Erinnern Sie mich nicht daran!«Dr. Cartogeno verzog den Mund vor Ekel.»Das Vieh stank drei Kilometer gegen den Wind! War mindestens schon sechs Tage tot. Ich bewundere Ihre Nerven, an diesem Aas herumzuschnippeln!«
«Es lohnt sich, verehrter Herr Kollege. «Perthes deutete noch einmal auf das Mikroskop.»Sehen Sie hindurch! Sie erkennen genau in einer hellen Flüssigkeit, dem zersetzten Tapirblut, eine Ansammlung von kleinen, sternförmigen Kristallen.«
Dr. Cartogeno nickte, als er sich über das Okular gebeugt hatte, und war nun auch interessiert.»Diese Kristalle«, erklärte er eifrig,»stammen aus einem Pfeilgift, das uns noch unbekannt ist. Der Tapir wurde von dem Giftpfeil eines Indianers aus einem Blasrohr getroffen, aber aus irgendeinem Grund wurde der Indianer daran gehindert, seine Beute in den Wald zu ziehen. Daß die Indianer die Tiere mit Pfeilgift erlegen, beweist uns, daß.«
Peter Perthes winkte ab.». daß das Gift im Magen unschädlich ist oder durch Erhitzung seine Wirksamkeit verliert, das meinten Sie doch? Es ist nur tödlich in der Blutbahn. Das ist eine alte Weisheit und eine Eigenschaft, die auch das Curare hat.«
«Curare kennen wir, aber dieses Gift ist ein unbekanntes. Es ist ein Alkaloid von geradezu verblüffender Bestimmbarkeit im Blut.
— Der erste Erfolg, Herr Kollege!«
Dr. Cartogeno schob das Mikroskop zur Seite und setzte sich an den Klapptisch.»Aber — was haben wir davon? Wir sehen das Gift, und wir kennen seine Wirkung nicht.«
«Ich werde mit dem infizierten Blut meine Ratten impfen.«
«Und das Gegenmittel?«
«Um das zu finden, sind wir hier!«Dr. Perthes schob einen Nährboden mit dem Tapirblut in den Blutschrank.»Ich habe vor, morgen unsere erste Reise in das Innere zu starten.«
«Prost Mahlzeit!«Dr. Cartogeno sprang auf.»Ich besitze als einzige Verwandte zwar nur eine alte Tante, aber dann möchte ich doch heute abend noch mein Testament machen. «Peter Perthes lachte und nahm seinen Gürtel mit der Pistole von einem Wandhaken. Er schnallte ihn um und griff nach dem weißen Tropenhelm.»Kommen Sie mit?«fragte er.»Ich will mir aus unserer Flottille drei schöne, schnelle und stabile Boote aussuchen. Beim Morgengrauen brechen wir auf. Wir fahren zuerst, dachte ich mir, den Rio Guaviare hinab bis Sitio, dann hinein in den Rio Inirida bis zum Höhenzug von Raudal Alto, und dann querab den Cuno Nacuri hinauf. Dort machen wir Station.«
«.und suchen uns unsere Gräber aus. «Dr. Cartogeno schüttelte den Kopf.»Ich habe es mir in den wenigen Wochen des Zusammenseins mit Ihnen abgewöhnt, mich über Sie zu wundern. Erst dachte ich, Sie seien ein Phantast, dann hielt ich Sie für ungeheuer mutig. Jetzt weiß ich, daß Sie einfach nicht wissen, was Sie tun. Dort, wo Sie jetzt hinwollen, ist die Hölle los!«
Peter winkte ab, stieß die Tür auf und trat ins Freie. Eine Hitzewelle und feuchte, nach Verfaultem riechende Luft schlug ihm entgegen.»Sie sind ein Hasenfuß, Kollege«, sagte er über die Schulter.»Kommen Sie, lassen Sie uns die Boote auswählen.«
Am Flußufer waren die Blätterhütten der Träger und Führer aufgerichtet worden. Die Männer bewachten die Boote, verpflegten sich durch Jagd und Fischfang, saßen, der Raubtiere wegen, an offenen Feuern, und hatten im Umkreis Warner aufgestellt, die vor allem die Schlangen beim Eintritt in den Lagerkreis töteten. Es waren in diesen Tagen nur zwei Riesenschlangen, eine Boa und eine besonders schwere Anakonda, die durch den Feuerschein aus dem Wasser gelockt wurden. Die Träger erschlugen sie, zogen die wunderbar gefärbte, geschuppte Haut ab und brieten das saftige Fleisch über dem Feuer.
Die beiden Ärzte wählten aus der Masse der Boote zwei besonders lange, breite und doch wendige Baumkanus aus, die als Packboote gedacht waren. Für sich selbst und den Dolmetscher nahmen sie ein kleineres, schmales und wieselflinkes Rindenboot, das über etwaige Stromschnellen oder Wasserfälle leicht zu tragen sein würde.
Beim Morgengrauen weckte Dr. Cartogeno den Gefährten.»Auf, Sie Idealist!«rief er und stieß Peter Perthes in die Seite.»Unsere Karawane ist bereits auf dem Wasser und harrt ihres Herrn!«