Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Da schreibt er nun«, sagte sie mit jenem geheimen mißgünstigen Gefühl, das eine Mutter stets gegen das künftige Eheglück ihrer Tochter empfindet, und zeigte dabei ihrem Sohn einen Brief des Fürsten Andrei, »da schreibt er nun, er werde nicht vor dem Dezember kommen. Was kann denn das für ein Grund sein, der ihn zurückhält? Wahrscheinlich doch Kränklichkeit! Er hat eine sehr schwache Gesundheit. Aber sage so etwas nicht zu Natascha. Laß dich dadurch nicht täuschen, daß sie heiter ist; das kommt nur daher, daß sie jetzt noch ihre letzte Mädchenzeit auskosten möchte; aber ich weiß, wie ihr jedesmal zumute ist, wenn wir Briefe von ihm bekommen. Indessen, so Gott will, wird ja alles noch gut werden; er ist ein vortrefflicher Mensch.« So schloß die Gräfin übrigens jedesmal, wenn sie sich über den Fürsten Andrei aussprach.
II
In der ersten Zeit nach seiner Ankunft war Nikolai ernst und sogar verdrießlich. Ihn quälte die bevorstehende Notwendigkeit, sich mit diesen dummen Wirtschaftssachen abzugeben, um derentwillen ihn die Mutter hergerufen hatte. Um so schnell wie möglich diese Last vom Herzen loszuwerden, begab er sich am dritten Tag nach seiner Ankunft mit zornig zusammengezogenen Brauen, ohne auf die Frage, wohin er gehe, zu antworten, in das Nebengebäude zum Geschäftsführer Dmitri und forderte von ihm »die Abrechnungen über alles«. Was eigentlich mit diesen »Abrechnungen über alles« gemeint war, daß wußte Nikolai noch weniger als der bestürzte, erschrockene Dmitri. Das Gespräch und Dmitris Rechnungslegung dauerten nicht lange. Der Dorfschulze, sein Gehilfe und der Gemeindeschreiber, die im Vorzimmer des Nebengebäudes warteten, hörten zuerst mit Angst und Schadenfreude, wie die Stimme des jungen Grafen, immer stärker anschwellend, wetterte und donnerte, und wie Schelt- und Drohworte einander überstürzten.
»Du Räuber! Undankbare Kanaille! Tot schlage ich dich, du Hund! Ich bin nicht so wie mein guter Papa … Bestohlen hast du uns …« usw.
Und dann sahen diese Leute mit nicht geringerer Schadenfreude und Angst, wie der junge Graf mit kirschrotem Gesicht und blutunterlaufenen Augen den Geschäftsführer Dmitri, den er am Kragen gepackt hatte, aus dem Zimmer schleppte, ihm mit dem Fuß und dem Knie zu passender Zeit zwischen seinen Schimpfworten mit großer Gewandtheit Stöße gegen die Hinterseite versetzte und ihm zuschrie: »Hinaus! Daß du dich hier nie wieder blicken läßt, du Schurke!«
Dmitri flog kopfüber die sechs Stufen vor der Haustür hinab und lief in das Boskett. Dieses Boskett war ein bekannter Zufluchtsort für die Verbrecher in Otradnoje. Dmitri selbst versteckte sich oft in diesem Boskett, wenn er betrunken aus der Stadt kam, und viele Bewohner von Otradnoje, die ihrerseits Anlaß hatten sich vor Dmitri zu verstecken, kannten ebenfalls die rettende Macht dieses Bosketts.
Dmitris Frau und seine Schwägerinnen steckten mit erschrockenen Gesichtern die Köpfe aus der Tür eines anderen Zimmers nach dem Flur hinaus; durch die Tür sah man, daß drinnen ein sauberer Samowar siedete und ein hohes Bett mit einer aus kleinen Tuchstücken zusammengesetzten Steppdecke stand.
Ohne die Frauen zu beachten, ging der junge Graf ganz außer Atem mit festen Schritten an ihnen vorbei und begab sich wieder nach dem herrschaftlichen Haus.
Die Gräfin, die durch die Stubenmädchen sogleich erfahren hatte, was im Nebengebäude vorgefallen war, fühlte einerseits eine gewisse Befriedigung, insofern sie meinte, nun müßten sich ihre Vermögensverhältnisse wieder bessern, andrerseits aber beunruhigte sie sich darüber, wie ihrem Sohn diese Aufregung bekommen werde. Mehrere Male ging sie auf den Zehen an seine Tür und horchte, wie er eine Pfeife nach der andern rauchte.
Am andern Tag rief der alte Graf seinen Sohn beiseite und sagte zu ihm mit schüchternem Lächeln:
»Weißt du, liebster Sohn, du hast dich ganz ohne Grund aufgeregt. Dmitri hat mir alles auseinandergesetzt.«
»Das wußte ich ja«, dachte Nikolai, »daß ich hier in dieser verrückten Welt nie für etwas Verständnis haben werde.«
»Du bist zornig geworden, weil er die siebenhundert Rubel nicht eingetragen hatte. Aber sie sind ja in seinem Buch als Transport angeschrieben, und du hast die andere Seite nicht angesehen.«
»Lieber Papa, er ist ein Schurke und Dieb, das weiß ich. Und was ich getan habe, das habe ich getan. Aber wenn Sie es nicht wollen, werde ich ihm nie wieder etwas sagen.«
»Nicht doch, liebster Sohn« (der Graf war ebenfalls verlegen; er war sich bewußt, daß er das Gut seiner Frau schlecht verwaltet und seinen Kindern gegenüber eine Schuld auf sich geladen hatte, und wußte nicht, wie er das wieder zurechtbiegen könnte), »nicht doch! Ich bitte dich vielmehr, dich der Geschäfte anzunehmen; ich bin ein alter Mann, ich …«
»Nein, lieber Papa; verzeihen Sie mir, wenn ich etwas getan habe, was Ihnen unangenehm ist; ich verstehe von diesen Dingen weniger als Sie.«
»Hol das alles der Teufeclass="underline" diese Bauern und diese Geldgeschichten und diese Transporte auf der Seite«, dachte er. »Mit Paroli und andern Kunstausdrücken beim Pharao habe ich früher einmal Bescheid gewußt; aber Transport auf der Seite, davon verstehe ich nichts.« Seitdem mischte er sich in die Geschäfte nicht mehr ein. Nur einmal rief die Gräfin ihren Sohn zu sich auf ihr Zimmer, teilte ihm mit, daß sie einen Wechsel von Anna Michailowna über zweitausend Rubel besäße, und fragte ihn, wie er damit zu verfahren gedenke; sie überlasse es ganz ihm.
»Das will ich Ihnen sofort zeigen«, antwortete Nikolai. »Sie haben gesagt, daß es von mir abhängt. Nun, ich kann Anna Michailowna nicht leiden und ihren Boris ebensowenig; aber sie waren mit uns befreundet und sind arm. Also sehen Sie her: so!« Er zerriß den Wechsel; die alte Gräfin aber war über diese Handlungsweise so gerührt, daß sie vor Freude schluchzte. Nach Erledigung dieser Angelegenheit kümmerte sich der junge Rostow um die Geschäftssachen gar nicht mehr, sondern widmete sich mit leidenschaftlichem Interesse dem ihm noch neuen Vergnügen der Hetzjagd, die bei dem alten Grafen in großem Maßstab betrieben wurde.
III
Der Winter rückte schon heran; die Morgenfröste schlugen die vom Herbstregen durchweichte Erde in Bande; schon hatte sich die Wintersaat verfilzt und hob sich hellgrün ab von den Streifen der braun gewordenen, vom Vieh zertretenen Winterstoppel und der hellgelben Sommerstoppel und den roten Streifen von Buchweizen. Die einzelnen Baumwipfel und die Parzellen von Laubholz, die Ende August noch grüne Inseln zwischen den schwarzen Wintersaatfeldern und den Stoppelfeldern bildeten, lagen jetzt als goldige und hellrote Inseln mitten unter den hellgrünen Feldern mit Wintersaat. Der graue Hase hatte schon zur Hälfte neues Haar bekommen; die Fuchsfamilien begannen sich zu zerstreuen, und die jungen Wölfe waren größer als Hunde. Es war die beste Jagdzeit. Die Hunde des eifrigen jungen Jägers Rostow waren nicht nur in guter Form zur Jagd gelangt, sondern zeigten auch schon einen solchen Jagdeifer, daß in einer gemeinsamen Beratung der Jäger beschlossen wurde, den Hunden noch drei Tage Ruhe zu lassen und am 16. September eine Jagd zu veranstalten; und zwar sollte mit einem dichten Eichenwald begonnen werden, wo sich eine noch ungestörte Wolfsfamilie befand.
Auf diesem Punkt befanden sich die Dinge am 14. September.
Diesen ganzen Tag über blieb die Jagdgesellschaft zu Hause; es war ein scharfer Frost; aber gegen Abend ließ die Kälte nach, und es fing an zu tauen. Als am 15. September der junge Rostow in der Frühe, noch im Schlafrock, aus dem Fenster blickte, sah er einen Morgen, wie man sich einen schöneren zur Jagd gar nicht denken konnte: es war, als ob der Himmel sich in Tau auflöste und bei völliger Windstille sich auf die Erde hinabsenkte. Die einzige Bewegung, die in der Luft vorging, war das leise Niedersinken der mikroskopisch kleinen Dunst- und Nebeltröpfchen. An den kahl gewordenen Zweigen der Bäume im Garten hingen durchsichtige Tropfen und fielen auf die erst kürzlich abgefallenen Blätter herunter. Die Erde im Gemüsegarten hatte einen feuchten, schwarzen Glanz wie Ölsamen und verschwamm in geringer Entfernung mit dem trüben, nassen Nebelschleier. Nikolai trat vor die Haustür auf die feuchte Freitreppe hinaus, auf welche die Stiefel der von draußen Kommenden nicht wenig Schmutz zusammengetragen hatten: es roch nach welkem Laub und nach Hunden. Die Hündin Milka, schwarzgescheckt, mit breitem Hinterteil und mit großen, schwarzen, vorstehenden Augen, stand, als sie ihn erblickte, auf, streckte sich mit den Hinterbeinen und legte sich wie ein Hase nieder; dann sprang sie plötzlich auf und leckte ihn gerade auf die Nase und den Schnurrbart. Ein anderer Windhund kam, sobald er Nikolai sah, von einem Steig im Blumengarten mit gebogenem Rücken eilig zur Freitreppe gelaufen und rieb sich, die Rute erhebend, an Nikolais Beinen.