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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Nachdem sie etwa eine Werst weit geritten waren, tauchten, dem Rostowschen Jagdzug entgegenkommend, aus dem Nebel fünf Reiter mit Hunden auf. Voran ritt ein frischer, hübscher alter Mann mit großem, grauem Schnurrbart.

»Guten Tag, Onkelchen!« sagte Nikolai, als der Alte ihm näher gekommen war.

»Klar und selbstverständlich! Das hatte ich mir doch gedacht«, begann der Onkel (er war ein entfernter Verwandter und nicht gerade wohlhabender Nachbar der Familie Rostow), »das hatte ich mir doch gedacht, daß du es bei dem Wetter nicht zu Hause aushalten würdest; sehr recht von dir, daß du reitest. Klar und selbstverständlich!« (Dies war eine Lieblingsredensart des Onkels.) »Mach dich nur sofort an die Remise; denn mein Gritschik hat mir gemeldet, daß die Ilagins mit Jägern und Hunden in Korniki sind. Die werden dir, klar und selbstverständlich, die Wolfsfamilie vor der Nase wegnehmen.«

»Ich bin eben auf dem Weg dahin. Aber wie ist’s? Wollen wir unsere Meuten zusammentun?« fragte Nikolai.

Die Hetzhunde wurden zu einer Meute vereinigt, und der Onkel und Nikolai ritten nun nebeneinander. Natascha, in Tücher eingehüllt, aus denen ihr lustiges Gesicht mit den glänzenden Augen herausschaute, kam zu ihnen herangaloppiert, gefolgt von ihren unzertrennlichen Begleitern, ihrem Bruder Petja und dem Jäger und Reitknecht Michail, der ihr heute sozusagen als Kinderfrau beigegeben war. Petja lachte über irgend etwas und schlug und riß sein Pferd. Natascha saß geschickt und voll Selbstvertrauen auf ihrem Rappen Arabtschik und parierte das Tier mit sicherer Hand, ohne jede Anstrengung.

Der Onkel blickte mißbilligend auf Petja und Natascha. Er liebte es nicht, eine so ernste Sache wie die Jagd mit Possen zu verquicken.

»Guten Tag, Onkelchen! Wir reiten auch mit!« rief Petja.

»Guten Tag, guten Tag! Aber tretet nur nicht die Hunde«, erwiderte der Onkel in strengem Ton.

»Nikolai, was ist doch mein Trunila für ein reizendes Wesen! Er hat mich wiedererkannt«, sagte Natascha mit Bezug auf ihren Lieblingshund.

»Erstens ist Trunila kein Wesen, sondern ein Jagdrüde«, dachte Nikolai und warf seiner Schwester einen strengen Blick zu, um ihr den Abstand fühlbar zu machen, der sie beide in diesem Augenblick naturgemäß voneinander trennte. Natascha verstand den Sinn dieses Blickes.

»Glauben Sie nur nicht, Onkelchen«, sagte sie, »daß wir jemandem in die Quere kommen werden. Wir werden uns auf unsern Platz stellen und uns nicht rühren.«

»Das ist recht von Ihnen, liebe Komtesse«, erwiderte der Onkel. »Nehmen Sie sich nur in acht, daß Sie nicht vom Pferd fallen«, fügte er hinzu. »Denn, klar und selbstverständlich, festgebunden ist man nicht darauf.«

Nun wurde die Waldremise in einer Entfernung von dreihundert bis vierhundert Schritten sichtbar, und die Piköre näherten sich ihr. Nachdem Rostow mit dem Onkel endgültig darüber Beschluß gefaßt hatte, von wo die Hetzhunde losgelassen werden sollten, wies er seiner Schwester Natascha einen Platz an, wo in keiner Weise zu erwarten war, daß etwas vorbeilaufen werde, und schickte sich dann an, im Bogen oberhalb einer Schlucht herumzureiten.

»Nun, lieber Neffe, du wirst es mit einem starken Wolf zu tun haben«, sagte der Onkel. »Paß nur auf, daß du ihn nicht durchkommen läßt.«

»Wir wollen unser möglichstes tun«, antwortete Rostow. »Karai, füit!« rief er, und dieser Anruf war eine Art von Antwort auf die Worte des Onkels. Karai war ein alter, häßlicher Hund mit zottiger Schnauze, von dem aber bekannt war, daß er es allein mit einem starken Wolf aufnahm. Alle nahmen ihre Plätze ein.

Der alte Graf, der den brennenden Jagdeifer seines Sohnes kannte, hatte sich beeilt, um nicht zu spät zu kommen, und wirklich waren die Piköre noch nicht an Ort und Stelle gelangt, als Ilja Andrejewitsch, vergnügt, mit gerötetem Gesicht und zitternden Wangen, auf seinem von zwei Rappen gezogenen Jagdwagen über die Wintersaat zu dem ihm angewiesenen Platz herbeigefahren kam; nachdem er seinen Pelz zurechtgeschoben und seine Jagdausrüstung angelegt hatte, stieg er auf seinen glatten, wohlgenährten, frommen, braven Wiflanka, der auch schon, wie er selbst, grau geworden war. Wagen und Pferde wurden beiseite geschickt. Graf Ilja Andrejewitsch, der zwar kein passionierter Jäger war, aber doch die Jagdgebräuche genau kannte, ritt in den Saum des Buschwerks hinein, wo er seinen Stand hatte, brachte die Zügel in Ordnung, setzte sich auf dem Sattel zurecht, und als er sich nun bewußt war, fix und fertig zu sein, blickte er lächelnd um sich.

Neben ihm hielt sein Kammerdiener und Leibjäger Semjon Tschekmar, ein altbewährter, aber jetzt unbehilflich gewordener Reiter. Tschekmar hielt drei Wolfshunde an der Koppel, grimmige Tiere, die aber gleichermaßen wie der Gutsherr und dessen Pferd fett geworden waren. Zwei andere, verständige, alte Hunde hatten sich ohne Koppel hingelegt. Etwa hundert Schritte weiter hielt im Saum des Gehölzes ein anderer Leibjäger des Grafen, Mitka, ein tollkühner Reiter und leidenschaftlicher Jäger. Der Graf leerte nach alter Gewohnheit vor der Jagd einen silbernen Becher voll Jagdlikör, aß einen Bissen hinterher und trank dann eine halbe Flasche von seinem Lieblingsbordeaux.

Ilja Andrejewitsch war von der Fahrt und vom Wein etwas rot geworden, und seine von Feuchtigkeit überzogenen Augen hatten einen besonderen Glanz angenommen; wie er so, in seinen Pelz eingewickelt, im Sattel saß, sah er aus wie ein Kind, das man zum Spaziergang zurechtgemacht hat.

Sobald der hagere, hohlwangige Tschekmar seine eigene Jagdausrüstung in Ordnung gebracht hatte, blickte er zu seinem Herrn hin, mit dem er nun schon dreißig Jahre lang wie ein Herz und eine Seele gelebt hatte, und da er dessen vergnügte Stimmung wahrnahm, so erwartete er ein angenehmes Gespräch.

Noch eine dritte Person kam vorsichtig (augenscheinlich hatte ihr dies schon jemand eingeschärft) um eine Waldecke herangeritten und hielt hinter dem Grafen an. Es war dies ein alter Mann mit grauem Bart, in einem Frauenmantel und mit einer hohen Zipfelmütze, ein Narr, der mit einem Frauennamen Nastasja Iwanowna genannt wurde.

»Nun, Nastasja Iwanowna«, flüsterte ihm der Graf, mit den Augen zwinkernd, zu, »scheuche du nur durch das Stampfen deines Pferdes den Wolf zurück; dann wird es dir Daniil gehörig geben.«

»Ich bin selbst … ein Mann, der sich zu wehren weiß …«, erwiderte Nastasja Iwanowna.

»Pssst!« zischte der Graf und wandte sich dann zu Semjon.

»Hast du Natalja Iljinitschna gesehen?« fragte er ihn. »Wo ist sie?«

»Die Komtesse ist mit Peter Iljitsch auf der Seite nach der Scharowaja-Steppe zu«, antwortete Semjon lächelnd. »Eine Dame, und hat so großen Jagdeifer!«

»Wunderst du dich nicht auch, wie sie reitet, Semjon? He?« fragte der Graf. »Das würde einem Mann Ehre machen.«

»Gewiß wundere ich mich! So kühn und gewandt!«

»Und wo ist Nikolai? Wohl auf dem Ljadowski-Hügel, wie?« fragte der Graf weiter, immer im Flüsterton.

»Jawohl. Der junge Herr weiß schon, wo er sich hinstellen muß. Und reiten kann er so fein, daß Daniil und ich uns manchmal gar nicht genug wundern können«, sagte Semjon, der recht gut wußte, wie man dem Herrn etwas Angenehmes sagen konnte.

»Er reitet gut, was? Und wie er sich zu Pferde ausnimmt, nicht wahr?«

»Reinweg ein Bild zum Malen! Neulich wurde ein Fuchs aus der Sawarsinskaja-Steppe losgelassen, und der junge Herr holte ihn aus ganz weiter Entfernung ein; staunenswert! Das Pferd ist tausend Rubel wert, und der Reiter ist über alles Lob erhaben. Ja, so einen schneidigen jungen Mann, den kann man lange suchen!«

»Lange suchen …«, wiederholte der Graf, der es offenbar bedauerte, daß Semjons Lobeserhebungen so schnell zu Ende waren. »Lange suchen«, sagte er, schlug die Schöße seines Pelzes auseinander und holte die Tabaksdose heraus.

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