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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»O hoi!« erscholl in diesem Augenblick jener mit Buchstaben nicht wiederzugebende Jägerruf, der den tiefsten Baß und den höchsten Tenor in sich vereinigt, und um die Ecke kam der Hundeaufseher und Oberpikör Daniil, ein schon ergrauter Jäger, mit runzligem Gesicht, das Haar nach ukrainischer Art gleichmäßig rund geschnitten, die zusammengebogene Hetzpeitsche in der Hand und mit jenem Ausdruck von Selbstbewußtsein und von Geringschätzung gegen alles übrige in der Welt, wie man ihn nur bei Jägern findet. Er nahm seine Tscherkessenmütze vor dem Herrn ab und blickte ihn geringschätzig an. Aber der Herr fühlte sich durch diese Geringschätzung nicht gekränkt: Nikolai wußte ja, daß dieser Daniil, der alles verachtete und sich hoch über allem dünkte, doch sein Knecht und sein Jäger war.

»Daniil!« sagte schüchtern Nikolai, welcher merkte, daß ihn beim Anblick dieses Jagdwetters, dieser Hunde und dieses Jägers schon jene unwiderstehliche Jagdlust ergriff, bei der der Mensch alle seine früheren Vorsätze vergißt, wie ein Verliebter in Gegenwart seiner Geliebten.

»Was befehlen Sie, Euer Erlaucht?« fragte Daniil mit seiner Baßstimme, die einem Protodiakonus Ehre gemacht hätte, wenn sie nicht von dem vielen Schreien beim Hetzen so heiser geworfen wäre, und zwei schwarze, glänzende Augen blickten unter der gesenkten Stirn hervor nach dem Herrn, der so plötzlich verstummt war. »Na, kannst es wohl nicht mehr aushalten?« schienen diese beiden Augen zu sagen.

»Ein schöner Tag, was? Wie wär’s heute mit einer Hetzjagd, mit einem flotten Ritt?« fragte Nikolai den Jäger und kraulte dabei Milka hinter den Ohren.

Daniil antwortete nicht und zwinkerte mit den Augen.

»Ich habe bei Tagesanbruch Uwarka ausgeschickt, um sie zu verhören«, sagte er nach einem Stillschweigen, das wohl eine Minute gedauert hatte. »Er sagte, sie hätte nach der Remise von Otradnoje gewechselt; da hätten sie geheult.« Das bedeutete: die Wölfin, die sie beide im Sinn hatten, sei mit ihren Jungen in einen kleinen, rings von Feldern umgebenen Wald bei Otradnoje, zwei Werst von dem Gutshaus entfernt, gelaufen.

»Ich meine, da müßten wir hinreiten!« sagte Nikolai. »Komm doch mal mit Uwarka zu mir.«

»Wie Sie befehlen.«

»Warte also noch mit der Fütterung der Hunde.«

»Sehr wohl.«

Nach fünf Minuten standen Daniil und Uwarka in Nikolais großem Zimmer. Obgleich Daniil nicht von großer Statur war, hatte man doch, wenn man ihn im Zimmer sah, den Eindruck, als sähe man ein Pferd oder einen Bären auf dem gedielten Fußboden zwischen den Möbeln und sonstigen menschlichen Einrichtungsgegenständen. Auch Daniil selbst hatte diese Empfindung und blieb wie gewöhnlich dicht an der Tür stehen; auch gab er sich Mühe, möglichst leise zu sprechen und sich nicht zu bewegen, um in den Zimmern der Herrschaft nichts zu zerbrechen; und ferner suchte er alles das, was er zu sagen hatte, möglichst schnell von sich zu geben, damit er nur ja bald wieder ins Freie käme und nicht mehr die Zimmerdecke, sondern den Himmel über sich hätte.

Nachdem Nikolai sich nach allem erkundigt und dem Oberpikör die Erklärung entlockt hatte, daß von seiten der Hunde nichts im Weg stehe (Daniil hatte selbst Lust zu reiten), befahl er zu satteln. Aber als Daniil gerade hinausgehen wollte, kam schnellen Schrittes Natascha ins Zimmer, noch nicht frisiert und noch nicht angezogen, in ein großes, der Kinderfrau gehöriges Umschlagetuch eingehüllt. Mit ihr zusammen kam auch Petja hereingelaufen.

»Du reitest auf die Jagd?« fragte Natascha. »Das habe ich doch gewußt! Sonja sagte, ihr würdet nicht reiten. Aber ich wußte, daß heute ein so schöner Tag ist, daß man ihn nicht unbenutzt lassen kann.«

»Ja, wir reiten«, antwortete Nikolai widerwillig, der heute, wo er eine ernste Jagd zu veranstalten beabsichtigte, keine Lust hatte, Natascha und Petja mitzunehmen. »Wir reiten, aber nur auf Wolfsjagd; das würde dir langweilig sein.«

»Du weißt doch, daß das für mich das größte Vergnügen ist«, erwiderte Natascha. »Das ist schlecht von dir. Er selbst will reiten und läßt satteln, und uns sagt er nichts davon.«

»Für einen echten Russen gibt es keine Hindernisse!« rief Petja. »Wir reiten mit.«

»Aber du darfst ja gar nicht«, sagte Nikolai, zu Natascha gewendet. »Mama hat gesagt, du solltest es nicht tun.«

»Ich reite doch mit; unter allen Umständen reite ich mit«, sagte Natascha in entschiedenem Ton. »Daniil«, wandte sie sich an den Oberpikör, »laß Pferde für uns satteln und sage zu Michail, er soll mit meiner Koppel reiten.«

Daniil fühlte sich sowieso schon im Zimmer unbehaglich und bedrückt; aber nun gar mit dem gnädigen Fräulein zu tun zu haben, das schien ihm geradezu ein Ding der Unmöglichkeit. Er schlug die Augen nieder und hatte es, wie wenn ihn die Sache nichts anginge, eilig hinauszukommen, wobei er sich sehr in acht nahm, dem gnädigen Fräulein nicht etwa unversehens irgendwie Schaden zu tun.

IV

Der alte Graf, der von jeher eine große Jagd unterhalten, jetzt aber dieses ganze Ressort der Leitung seines Sohnes unterstellt hatte, war an diesem Tag, dem 15. September, infolge des schönen Wetters in sehr vergnügter Stimmung und machte sich ebenfalls fertig, um mitzureiten.

Nach einer Stunde stand die ganze Jagdgesellschaft vor der Haustür bereit. Nikolai ging mit ernster, strenger Miene, die besagte, daß er jetzt keine Zeit habe, sich mit Kindereien abzugeben, an Natascha und Petja vorüber, die ihm etwas sagen wollten. Er revidierte alle Teile der Jagdexpedition, schickte mehrere Koppeln und Jäger voraus, die einen Bogen um die Waldremise beschreiben sollten, setzte sich auf seinen Fuchs Donez, pfiff die Hunde seiner Koppel heran und ritt über die Dreschtenne auf das Feld, das nach der Waldremise zu lag. Das Pferd des alten Grafen, ein fuchsfarbener Wallach mit weißlicher Mähne und weißlichem Schwanz, namens Wiflanka, wurde von dem gräflichen Leibjäger dorthin geführt; der alte Graf selbst sollte in einem leichten Jagdwagen bis zu dem ihm angewiesenen Stand fahren.

Die Zahl der Hetzhunde, die ausgeführt wurden, betrug vierundfünfzig, unter sechs berittenen Pikören und Hundewärtern. An der Jagd nahmen außer der Herrschaft noch acht Jäger teil, welche mehr als vierzig Windhunde mit sich hatten, so daß einschließlich der Koppeln der Herrschaft etwa hundertdreißig Hunde und zwanzig Berittene aufs Feld hinauszogen.

Jeder Hund kannte seinen Herrn und seinen Namen. Jeder Jäger kannte das Jagdhandwerk, seinen Platz und seine Aufgabe. Sowie sie aus dem Gehöft herausgekommen waren, zogen alle ohne Lärm und Gespräch ruhig und gleichmäßig in breitem Schwarm auf dem Weg und über das Feld in Richtung nach dem Wald dahin.

Wie auf einem weichen Teppich schritten die Pferde über das Feld; mitunter, wenn sie Wege kreuzten, platschten sie durch Pfützen. Der Nebel senkte sich immer noch unmerklich und gleichmäßig vom Himmel auf die Erde herab. Die Luft war windstill, warm und lautlos. Nur ab und zu hörte man bald den Pfiff eines Jägers, bald das Schnauben eines Pferdes, bald einen Schlag mit der Hetzpeitsche und das Winseln eines Hundes, der nicht an seinem richtigen Platz gelaufen war.

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