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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Es war da eine Pilgerin namens Fedosjuschka, eine fünfzigjährige, kleine, stille, pockennarbige Frau, die schon mehr als dreißig Jahre lang barfuß und mit Ketten behangen wallfahrtete. Dieser war die Prinzessin Marja besonders zugetan. Als Fedosjuschka einmal im dunklen Zimmer, in dem nur das Lämpchen vor dem Heiligenschrein brannte, allerlei aus ihrem Leben erzählte, da drängte sich der Prinzessin Marja unwiderstehlich die Überzeugung auf, daß Fedosjuschka allein den wahren Weg des Lebens gefunden habe, und es kam ihr der Gedanke, selbst wallfahrten zu gehen. Sobald Fedosjuschka schlafen gegangen war, dachte Prinzessin Marja lange über diese Frage nach und gelangte endlich zu dem Resultat, daß, mochte es auch sonderbar scheinen, es für sie ein Ding der Notwendigkeit sei, zu wallfahrten. Sie vertraute ihre Absicht nur ihrem Beichtvater, dem Mönch Vater Akinsi, an, und der Beichtvater billigte ihr Vorhaben. Unter dem Vorwand, sie wolle einer Wallfahrerin damit ein Geschenk machen, schaffte sich Prinzessin Marja den vollständigen Anzug einer Wallfahrerin an: ein grobes Kleid, Bastschuhe, einen Tuchmantel und ein schwarzes Tuch. Oft trat sie zu der Kommode, die diesen weihevollen Inhalt barg, und blieb davor stehen, in zweifelnder Überlegung, ob wohl schon der richtige Zeitpunkt gekommen sei, um ihr Vorhaben zur Ausführung zu bringen.

Oft, wenn sie die Erzählungen der Pilgerinnen anhörte, geriet sie durch diese einfachen Reden, die den Erzählerinnen bereits mechanisch geworden waren, für sie, die Hörerin, aber einen tiefen Sinn enthielten, dermaßen in Erregung, daß sie nahe daran war, alles im Stich zu lassen und auf und davon zu gehen. In ihrer Phantasie sah sie sich bereits, wie sie mit Fedosjuschka in grobem Gewand, mit Stock und Quersack auf der staubigen Landstraße dahinschritt und ohne Haß, ohne irdische Liebe, ohne Wünsche von einem Heiligen zum andern pilgerte, und schließlich dorthin, wo es kein Leid und kein Seufzen gibt, sondern ewige Freude und Seligkeit.

»Wenn ich an irgendeine Stätte komme, so werde ich da beten; kann ich mich da nicht eingewöhnen und den Ort liebgewinnen, so werde ich weitergehen. Ich werde so lange gehen, bis mir die Füße den Dienst versagen, und dann werde ich mich irgendwo niederlegen und sterben und endlich in jenen ewigen, stillen Hafen gelangen, wo es kein Leid und kein Seufzen gibt!« dachte Prinzessin Marja.

Aber wenn sie dann ihren Vater und namentlich den kleinen Nikolenka ansah, wurde sie in ihrem Vorsatz doch wieder wankend, weinte im stillen und fühlte, daß sie eine große Sünderin war: denn sie liebte ihren Vater und ihren Neffen mehr als den allmächtigen Gott.

Siebenter Teil

I

Die biblische Überlieferung sagt, daß das Fehlen jeglicher Arbeit, das Nichtstun, ein wesentliches Moment der Glückseligkeit des ersten Menschen vor seinem Sündenfall gewesen sei. Die Liebe zum Müßiggang ist bei dem Menschen auch nach dem Fall dieselbe geblieben; aber es lastet nun auf dem Menschen ein Fluch, und zwar nicht nur insofern, als wir uns nur im Schweiß unseres Angesichtes unser Brot erwerben können, sondern auch insofern, als wir vermöge unserer moralischen Eigenschaften nicht zugleich müßiggehen und in unserer Seele ruhig sein können. Eine geheime Stimme sagt uns, daß wir durch Müßiggang eine Schuld auf uns laden. Könnte der Mensch einen Zustand finden, in dem er müßigginge und doch dabei das Gefühl hätte, ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu sein und seine Schuldigkeit zu tun, dann hätte er damit ein Stück der ursprünglichen Glückseligkeit wiedergefunden. Und eines solchen Zustandes, in welchem der Müßiggang pflichtmäßig ist und keinem Tadel unterliegt, erfreut sich ein ganzer Stand: der Militärstand. In diesem pflichtmäßigen, tadelsfreien Müßiggang hat von jeher die hauptsächliche Anziehungskraft des Militärdienstes bestanden, und das wird auch allzeit so bleiben.

Nikolai Rostow genoß diese Glückseligkeit in vollem Umfang; er hatte nach dem Jahr 1807 in dem Pawlograder Regiment weitergedient und kommandierte bereits eine Eskadron desselben, die er von Denisow übernommen hatte.

Er war ein guter, braver Mensch geworden, in seinem Wesen ein bißchen ungehobelt, und seine Moskauer Bekannten hätten ihn wohl ein wenig mauvais genre gefunden; aber seine Kameraden, Untergebenen und Vorgesetzten liebten und achteten ihn, und er fühlte sich mit seinem Leben ganz zufrieden. In der letzten Zeit, im Jahr 1809, fand er immer häufiger in den Briefen von zu Hause Klagen der Mutter über den zunehmenden Verfall der Vermögensverhältnisse, und sie schrieb ihm, es wäre Zeit, daß er nach Hause käme, um seine alten Eltern zu erfreuen und ihnen, wenn möglich, zu einem ruhigen Zustand zu verhelfen.

Wenn Nikolai derartige Briefe las, so überkam ihn immer eine Furcht, man wolle ihn aus dieser Umgebung herausreißen, in welcher er, beschirmt vor allen Wirrsalen des Lebens, ein so stilles, ruhiges Dasein führte. Er sagte sich, daß er früher oder später wieder werde in diesen Pfuhl des Lebens hinein müssen: mit Vermögensverfall und Versuchen, Besserung zu schaffen, mit Abrechnungen von Verwaltern, mit Zänkereien, Intrigen und Konnexionen, mit dem gesellschaftlichen Leben, mit Sonjas Liebe und mit dem Versprechen, das er ihr gegeben hatte. Das waren alles sehr schwierige, verwickelte Dinge, und so antwortete er denn auf die Briefe der Mutter mit kühlen, französischen Briefen, die nach einem Schema geschrieben waren und mit den Worten »Meine teure Mama« begannen und mit den Worten »Ihr gehorsamer Sohn« schlossen, aber die Frage, wann er zu kommen beabsichtige, mit Stillschweigen übergingen. Im Jahre 1810 erhielt er von seinen Angehörigen einen Brief, in dem sie ihm Nataschas Verlobung mit Bolkonski mitteilten, sowie daß die Hochzeit erst in einem Jahr stattfinden werde, weil der alte Fürst es nicht anders wolle. Durch diese Nachricht wurde Nikolai in Betrübnis und in Empörung versetzt. Erstens tat es ihm leid, Natascha, die er am liebsten von allen seinen Angehörigen hatte, aus dem Haus zu verlieren; und zweitens bedauerte er von seinem Husarenstandpunkt aus, nicht dabeigewesen zu sein, weil er dann diesem Bolkonski auseinandergesetzt haben würde, daß es ganz und gar nicht eine so besondere Ehre für die Familie Rostow sei, mit ihm verwandt zu werden, und daß, wenn er Natascha wirklich liebe, er auch auf die Einwilligung des verrückten Vaters verzichten könne. Er schwankte einen Augenblick, ob er nicht um Urlaub einkommen solle, um Natascha als Braut zu sehen; aber die Manöver rückten heran, und dann kamen ihm auch die Gedanken an Sonja und an all den Wirrwarr dort, und so schob er es denn wieder auf. Aber im Frühling desselben Jahres erhielt er einen Brief von seiner Mutter, den sie ihm ohne Wissen des Grafen geschrieben hatte, und dieser Brief veranlaßte ihn nun doch hinzureisen. Sie schrieb ihm, wenn er nicht hinkäme und sich der geschäftlichen Angelegenheiten annähme, so würde das ganze Gut unter den Hammer und sie alle an den Bettelstab kommen. Der Graf sei so schwach und gutmütig, habe dem Geschäftsführer Dmitri ein solches Vertrauen geschenkt und lasse sich dermaßen von allen Leuten betrügen, daß alles immer schlechter und schlechter gehe. »Um Gottes willen, ich bitte Dich inständig, komm sofort her, wenn Du nicht mich und Deine ganze Familie unglücklich machen willst«, schrieb die Gräfin.

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