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Der Dagon-Zyklus, Band 2

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Der Dagon-Zyklus, Band 2
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Rowlf berührte ihn am Arm und deutete nach unten. Die dünnen, schimmernden Kupferdrähte, mit denen seine Tauchermontur genau wie die Howards überzogen war, gaben ihm das Aussehen eines bizarren mittelalterlichen Ritters. Sie waren genau über dem Ungeheuer, einem gigantischen Berg schwarzen zuckenden Fleisches, und unter ihnen schien ein ganzer Wald peitschender Fangarme zu wogen. Der Anblick erschreckte Howard. Er hatte hilflos zusehen müssen, wie Dutzende dieser furchtbaren Tentakel Nemos Männer gepackt und getötet hatten. Vielleicht würden sie nicht einmal in die Nähe des Monsters kommen. Trotzdem signalisierte er Rowlf, tiefer zu gehen, und ließ sich gleichzeitig ebenfalls auf den bebenden Fleischberg herabsinken. Die Tentakelarme des Ungeheuers begannen stärker zu peitschen, als fühlten sie die Nähe der Beute. Ein übler Geschmack breitete sich auf Howards Zunge aus. Die Luft schien plötzlich bitterer zu sein. Er fror. Was war das? dachte er. Angst vor dem Tod? Kaum. Er hatte ihm so oft ins Auge geblickt, daß er seinen Schrecken vor ihm verloren hatte, beinahe jedenfalls.

Kurz bevor sie den zuckenden Tentakelwald erreichten, stoppten sie ihre Sinkbewegung, und Howard drehte sich schwerfällig im Wasser um. Langsam hob er die Hand an die Lampe, richtete den Strahl in die Richtung, in der er die NAUTILUS vermutete, und schaltete den Lichtstrahl zweimal kurz hintereinander aus und wieder ein.

Es dauerte lange, bis die Antwort erfolgte, so lange, daß Howard bereits zu befürchten begann, sie wären zu weit entfernt, oder das trübe Wasser hätte ihr Signal geschluckt, aber dann blitzte der große Turmscheinwerfer der NAUTILUS zweimal hintereinander auf, und Howard drehte sich wieder herum und nickte Rowlf zu. Zwei Minuten, hatte Nemo gesagt. Eine verdammt kurze Zeit. Und doch eine Ewigkeit.

Rowlf signalisierte mit der Hand, und Howard schwamm noch dichter an ihn heran und ergriff das Kabel, kurz hinter der Stelle, an der Rowlf den schwarzen Schlauch gepackt hielt. Im ersten Moment spürte er nichts, aber dann ging ein fühlbarer Ruck durch das Kabel, und plötzlich schienen die beiden Kupferelektroden an seinem Ende in sanftem, bläulichem Licht aufzuglühen.

Howard drehte sich herum, bis sein Helm den Rowlfs berührte und sie so miteinander sprechen konnten. »Jetzt!« sagte er.

Wie Steine fielen sie in die Tiefe.

Gleich Dutzende der schwarzen Tentakel griffen nach ihnen, ringelten sich um ihre Arme und Beine oder zogen sich wie tödliche Schlingen um ihre Leiber zusammen - und starben ab.

Es war ein bizarrer, erschreckender Vorgang. Die schwarzen Schlangenarme zuckten wie unter Schmerzen, kaum daß sie die Anzüge der beiden Männer berührt hatten, wurden grau und rissig - und zerfielen zu Staub, der sich im aufgewühlten Wasser wie brodelnder Schlamm verteilte.

»Es funktioniert!« brüllt Rowlf. »Es geht, H.P.! Das Viech krepiert!«

Howard antwortete nicht, denn er brauchte jedes bißchen Atem, das er hatte, um weiter in die Tiefe und auf den zuckenden Balg der Bestie zuzuschwimmen. Wo die Kupferelektroden oder die mit elektrischer Energie geladenen Anzüge der beiden Männer die schwarze Masse berührten, starb diese sofort ab - aber die Bestie war groß, so unglaublich groß!

Und sie schien die Gefahr zu spüren, die von den beiden Männern und ihrem tödlichen Mitbringsel ausging, denn mit einem Male hörten ihre Angriffe auf, so unvermittelt, wie sie begonnen hatten. Der Wald peitschender Arme teilte sich unter ihnen wie der Kopf einer grotesken schwarzen Seeanemone und versuchte, ihrer Berührung auszuweichen. Howard schrie triumphierend auf, warf sich nach vorn und zerrte das Kabel hinter sich her, die stromgeladene Spitze wie einen Speer nach unten stoßend.

Eine zuckende, wellenförmige Bewegung lief durch den Berg aus wogender Schwärze, als die Kreatur versuchte, vor dem tödlichen Kabel zurückzuweichen.

Sie war nicht schnell genug. Wie ein lebendes Geschoß krachte Howard auf sie hinunter, versank fast bis zu den Hüften in der widerwärtigen Masse - und stieß das Kabel mit aller Macht nach unten.

Es war wie ein Weltuntergang.

Ein ungeheurer, blauweißer Blitz zerfetzte den Körper der Alptraumkreatur. Howard und Rowlf wurden von einer unsichtbaren Riesenfaust gepackt und zurückgeschleudert. Dort, wo das Kabel den Riesenshoggoten berührte, schien ein Vulkan aus schwarzem und grauem Schlamm zu eruptieren. Die Bestie bäumte sich auf, hob sich in ihrer ganzen Größe vom Seeboden hoch und fiel mit einer schwerfälligen Bewegung wieder zurück, während das Blitzen und Zischen in der gräßlichen Wunde, die Howard ihr geschlagen hatte, anhielt und mehr und mehr ihres unheiligen Protoplasmas unter den tödlichen Stromschlägen der NAUTILUS verkochte.

Der See brodelte. Plötzlich zuckten haarfeine, tausendfach verästelte Blitze aus der gewaltigen Kreatur hervor, griffen wie spinnenfüßige Lichtwesen nach ihren Ausläufern und Armen und rasten daran entlang, eine Spur aus Tod und Vernichtung hinterlassend. Überall in dem Netz aus Schwärze und finsterem Protoplasma, das das Ungeheuer über den Meeresboden geworfen hatte, blitzte es auf. Der Sand explodierte an zahllosen Stellen, erbrach Flammen und Schaum und grauen zerkochenden Schleim, während die schiffsgroße Hauptmasse des Ungeheuers noch immer wie in furchtbaren Krämpfen zuckte.

Und dann war es vorbei. Das peitschende Kabel kam zur Ruhe, und das Gewitter aus Flammen und blauweißen Entla dungen erlosch, als der Zufluß elektrischen Stromes von der NAUTILUS aufhörte. Die zwei Minuten waren um, die Batterien des Unterwasserschiffes leer. Aber der furchtbare Vorgang, einmal in Gang gekommen, hörte nicht auf. Howard sah, wie mehr und mehr der schwarzen Stränge verdorrten, zuerst grau wurden und sich dann in wirbelnde Schwaden auflösten, während der gewaltige Leib der Kreatur noch immer zitterte und bebte. Seine nachtschwarze Farbe war längst einem fleckigen Grau gewichen, aus dem Wolken wie grausiger Rauch quollen.

»Es stirbt, Rowlf!« keuchte Howard. »Bei Gott, es hat funktioniert! Es stirbt!«

Das Ende kam schnell. Lautlos, wie sich ein Tintenfleck in Löschpapier ausbreitet, griff die graue Farbe auf den Leib der gigantischen Bestie über, bis aus dem lebenden Alptraum ein dampfender grauer Klumpen geworden war, der immer schneller in sich zusammenfiel.

»Es stirbt, Rowlf«, sagte Howard noch einmal. »Wir... wir haben es getötet. Und wir leben noch.«

Seltsamerweise antwortete Rowlf nicht, sondern starrte an ihm vorbei auf einen Punkt jenseits der NAUTILUS.

Und als sich Howard herumdrehte und seinem Blick folgte, wußte er auch, warum. Der See war noch immer in Aufruhr. Das Blitzen und Explodieren hatte aufgehört, aber an Hunderten und Aberhunderten von Stellen quollen Wolken aus grauem Schleim aus dem Boden, und hier und da zuckte noch ein Stück des grausigen Gewebes, während der graue Tod heranraste. Trotzdem hatte sich die Sicht wieder geklärt.

Gut genug zumindest, um die NAUTILUS zu erkennen, die wie ein gestrandeter Riesenwal ein Stück entfernt auf dem Meer esgrund lag. Sie und den gewaltigen schwarzen Krater, der nur wenige hundert Yards hinter ihr im Boden gähnte.

Aus seinem gewaltigen Schlund erhoben sich Körper. Sie waren noch sehr weit entfernt und schienen dadurch winzig, aber Howard wußte es besser. Er hatte diese kaulquappenähnlichen Ungeheuer zu deutlich gesehen, um sich auch nur eine Sekunde lang selbst belügen zu können. Dagons Kinder, die gleich zu Hunderten aus dem Leib der Erde quollen und sich wie ein Schwärm blutgieriger Riesen-Piranhas auf die NAUTILUS stürzten.

Die Tauchkammer der NAUTILUS war leer, als ich aus dem Wasser stieg. Das Licht, das schon bei meinem Weggehen nur noch sehr blaß gewesen war, war zu einem trübblauen Flackern geworden, und als ich den Helm abstreifte, sprang mich die Kälte an wie ein Raubtier. Die Batterien des Schiffes mußten nahezu erschöpft sein. Mühsam befreite ich mich von dem Atemgerät auf meinem Rücken, legte es zu Boden und warf Helm und Handschuhe hinterher, behielt den Anzug aber an. Ich hatte nicht vor, lange zu bleiben. Und das Risiko, in meinem abenteuerlichen Aufzug aufzufallen, mußte ich eben eingehen.

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