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Der Dagon-Zyklus, Band 2

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Der Dagon-Zyklus, Band 2
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Ich erstarrte, drehte mich halb herum und blickte Jennifer an. Sie war nähergekommen und sah mir mit großem Ernst in die Augen. »Es sind keine Lügen, Robert«, wiederholte sie. »Dagon hat uns eine neue Welt versprochen, ein Land ohne Furcht und Unterdrückung. Eine Welt ganz für uns allein. Wir folgen ihm freiwillig.«

Ich war verwirrt, aber es waren weniger Jennifers Worte, die mich verstörten, als vielmehr das, was ich dabei spürte.

Sie glaubte an das, was sie sagte. Ich versuchte, in ihren Geist einzudringen, und es fiel mir erstaunlich leicht.

Da war kein Zwang. Bisher hatte ich stets angenommen, daß Dagon seine Jünger geistig gefesselt hätte, ähnlich wie ich es mit Frane tat, aber das stimmte nicht, zumindest nicht in Jennifers Fall. Sie war völlig Herr ihrer selbst. Was sie sagte und tat, entsprach ihrem freien Willen.

»Aber es... es wird SEINE Welt sein, Jennifer«, sagte ich stockend. »Er braucht euch dort, damit ihr ihm dient und ihn verehrt.«

»Und?« fragte Jennifer. »Was ist so schlimm daran, Robert? Jedes Volk dient irgendeinem Gott, jede menschliche Gesellschaft verehrt irgendeine Macht.«

»Das ist etwas anderes!« sagte ich heftig, aber wieder schüttelte Jennifer nur den Kopf, und wieder spürte ich, wie ich ein Stück Boden verlor.

»Wieso?« fragte sie. »Nur weil euer Gott unsichtbar ist, vielleicht nur ein Prinzip? Wer sagt dir, daß der Gott der Moslems oder der Christen besser oder schlechter ist als Dagon? Was verlangt er mehr als Jehova oder Allah? Welche Schreckenstaten sind in seinem Namen getan worden, die schlimmer wären als die, die im Namen Gottes vollbracht wurden?«

Ich mußte an die Tempelritter denken und schwieg. Noch weigerte ich mich, den Gedanken zu akzeptieren, aber ich begann bereits zu spüren, daß diese Weigerung nicht lange Bestand haben würde. Waren nicht die Reiche der Christenheit - und auch die der anderen großen Religionsgemeinschaften - auf Fundamenten aus Blut und Tränen errichtet worden?

Dann fiel mir der Denkfehler auf.

»Es gibt einen Unterschied, Jennifer«, sagte ich. »Gott, Buddah und Allah sind Prinzipien der Gerechtigkeit. Erst die Menschen haben Schlechtes in ihrem Namen getan. Dagon ist ein Mensch, der sich dämonischer Kräfte bedient.«

»Selbst wenn«, sagte Jennifer kopfschüttelnd. »Es ändert nichts, Robert. Du verlangst unsere Freiheit, und doch ist es gerade diese Freiheit, die er uns versprochen hat. Er wird uns in eine neue Welt führen. Wir müssen ihm dienen und ihn verehren, aber das ist ein geringer Preis.«

»Ich hoffe, du täuscht dich nicht«, sagte ich leise.

Jennifer machte eine weit ausholende Bewegung mit dem Arm. »Sieh dich doch um, Robert«, sagte sie. »Du hast diese Stadt gesehen, bevor die NAUTILUS kam und sie zerstörte. Sie wurde von Menschen geschaffen, die Dagon liebten, so wie wir ihn lieben. Du hast gesehen, wie großartig sie war? Glaubst du, Menschen würden so etwas vollbringen, nur aus Furcht? Die Kraft, die dazu nötig ist, gibt nur die Liebe.«

Ich widersprach nicht mehr. Es wäre sinnlos gewesen. Und vielleicht hatte Jennifer sogar recht. Das Leben, das meine Freunde und ich führten, war nicht der richtige Maßstab. Ich war reich und im Grunde ledig aller Sorgen - aber was erwartete die Bewohner der kleinen Küstenstadt? Was hatten sie von der kurzen Spanne des Lebens zu erwarten, die ihnen verblieb, außer sechzehn Stunden harter Arbeit am Tag, außer einem Leben voller Furcht vor Krankheiten und Kriegen und dem Alter?

Was hatten sie zu verlieren?

Dagon mußte meine Gedanken gelesen haben, denn er trat in genau diesem Moment zwischen uns und deutete mit der Hand nach oben, zur Höhlendecke. »Überzeuge dich selbst, Robert Craven«, sagte er. »Du wirst mich begleiten, morgen früh, wenn die Sonne aufgeht. Geh hin und frage jeden einzelnen, der an Bord der Dagon geht, ob er zurückbleiben will. Ich werde niemanden zwingen, gegen seinen freien Willen mit mir zu kommen. Sie alle handeln aus freien Stücken.«

Er schwieg - für eine ganz genau berechnete Zeitspanne -, schüttelte abermals den Kopf und legte den Arm um Jennifers Schultern. »Ich bin nicht euer Feind, Robert Craven«, sagte er. »Ich hätte gehen und euch eurem Schicksal überlassen können, aber ich habe euch gewarnt, obgleich ihr alles zerstört habt, was ich geschaffen habe. Ich werde meinen Diener zurückrufen und die NAUTILUS freilassen, aber ich kann dir nicht geben, was mir nicht gehört.«

»Und Bannermann?« fragte ich.

»Er wartet an Bord der Dagon auf uns«, antwortete Dagon. »Wenn es sein Wunsch ist, wird er zu dir zurückkehren. Nun - wie hast du dich entschieden?«

Ich schwieg; für eine sehr, sehr lange Zeit.

Und obwohl ich ganz genau wußte, daß ich in diesem Moment vielleicht den größten Fehler meines Lebens beging, nickte ich schließlich.

Obwohl er es noch vor Augenblicken für unmöglich gehalten hatte, schien es Howard, als wäre das Wasser rings um die NAUTILUS noch finsterer geworden. Der armdicke Strahl der Lampe, die er an seinem Helm befestigt hatte, verlor sich schon nach wenigen Schritten in trübschwarzer Finsternis, und die See war von kleinen, treibenden Flecken erfüllt, als wäre die Alptraumbestie nun dabei, selbst das Wasser zu verwandeln. Ein zweiter, trüber Lichtfleck tauchte wenige Schritte neben ihm aus dem Schatten auf, und als Howard den Blick hob, erkannte er Rowlfs breitflächiges Gesicht hinter der runden Sichtscheibe des Helmes. Ein bitterer Zug lag um seine Lippen, seines Leibdieners und Freundes, und seine Bewegungen wirkten noch abgehackter und steifer, als es der unpraktische Anzug ohnehin nötig machte. Das gewundene Kabel in seinen Händen sah aus wie eine schwarze Schlange, die ein Kupfergebiß gebleckt hatte.

Howard hob langsam den Arm und deutete in die Richtung, in der er Dagons Kreatur wußte, und Rowlf antwortete mit einem übertriebenen Nicken darauf. Nebeneinander schwammen sie los.

Es war nicht nur eine Täuschung gewesen, das sah er, als sie sich mit schwerfälligen Schwimmbewegungen vom sandigen Boden des Sees lösten und sich von der NAUTILUS entfernten. Das Wasser war nicht mehr klar, sondern von Millionen und Abermillionen winziger körniger Partikel durchsetzt, die wie tanzende Stäubchen im Wind aussahen. Vermutlich war es wirklich so, wie er gedacht hatte: Auch im kleinsten Wassertropfen war noch eine Unzahl lebender Organismen zu finden. Dagons Mörderkreatur mußte auch sie in schwarzes Protoplasma verwandelt haben. Der Gedanke ließ Howard frösteln. Wenn sie der Entwicklung nicht Einhalt geboten, dann würde bald dieser ganze See zu einer gewaltigen, auf unheimliche Art lebenden Teermasse geworden sein. Und vielleicht würde die Entwicklung gar weitergehen, dunkle Arme bis ins Meer oder gar auf das Land erstreckend, bis...

Howard zwang sich, an etwas anderes zu denken, schwamm dichter an Rowlfs Seite und starrte nach vorne, in die Dunkelheit.

Er wußte nicht, wieviel Zeit verging - sicher nicht mehr als wenige Minuten, denn die gewaltige Kreatur war nur einen Steinwurf von der NAUTILUS entfernt gewesen, als er sie das letzte Mal gesehen hatte -, aber für ihn vergingen Ewigkeiten, bis er schließlich den riesigen, aufgedunsenen Körper der Bestie vor sich sah.

Der Anblick löste ein heftiges Ekelgefühl in Howard aus. Das Ding - er weigerte sich selbst in Gedanken, es ein Wesen zu nennen - war auf die Größe eines Fischkutters angeschwollen und schien zu pulsieren, obwohl er nirgends wirklich eine Bewegung wahrzunehmen vermochte. Ein unglaubliches Gewirr mannsdicker Stränge bedeckte den Seeboden in weitem Umkreis, und da und dort glaubte Howard klumpige Verdickungen zu erkennen, die ihrerseits wiederum zuckten und bebten, als wären nun schon andere Teile des furchtbaren Netzes zu grausigem Leben erwacht. Vielleicht kamen sie bereits zu spät, dachte er. Vielleicht reichte es nicht mehr, die Bestie zu zerstören, weil schon Dutzende da waren, zahllose schwarze Junge des Ungeheuers, die wie eine Herde gefräßiger Monster über die Welt herfallen würden, unaufhaltsam, unzerstörbar, unsterblich...

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