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Der Dagon-Zyklus, Band 2

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Der Dagon-Zyklus, Band 2
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Ich blieb am Ende des Ganges stehen, preßte mich in den Schatten und sah mich um. Mit Ausnahme Dagons und Severals Tochter schien niemand in dem riesigen Saal zu sein, aber ich blieb mißtrauisch. Es war beinahe zu leicht gewesen, hierher zu kommen.

Aber so sehr ich mich auch umsah, wir waren allein. Vielleicht rechnete Dagon nicht damit, daß es jemandem gelingen konnte, an seinem höllischen Wächter vorbei bis zu diesem Punkt vorzudringen.

Vielleicht, dachte ich schaudernd, gab es außer mir und den Männern an Bord der NAUTILUS auch kein Leben mehr im See.

»Das ist richtig, Robert Craven«, sagte Dagon laut und drehte sich herum. »Und bald wird es nur noch dich geben.«

Ich erstarrte. Die Harpune in meiner Hand ruckte nach oben und deutete auf Dagons Kopf, aber die Geste schien nicht den geringsten Eindruck auf ihn zu machen, denn sein Lächeln wurde eher noch breiter.

»Du enttäuscht mich schon wieder, Robert Craven«, sagte er sanft. »Ein Mann wie du sollte wissen, daß es sinnlos ist, sich an jemanden heranschleichen zu wollen, der in deinen Gedanken lesen kann.«

»Dann... dann wußtest du, daß ich komme?«

Dagon seufzte. »Ich hätte dich schon vernichten können, als du diese lächerliche Maschine verlassen hast, du Narr«, sagte er. »Glaubst du wirklich, du wärst bis hierhin gekommen, wenn ich dich nicht beschützt hätte?« Er schüttelte den Kopf, trat einen Schritt auf mich zu und streckte fordernd die Hand aus.

»Und jetzt gib mir diese alberne Waffe, bevor du noch jemanden damit verletzt«, sagte er.

Für einen ganz kurzen Moment war ich beinahe versucht, zu gehorchen. Aber dann trat ich statt dessen zurück, preßte mich mit dem Rücken gegen die Wand, um vor einem Angriff von hinten sicher zu sein, und richtete die Spitze der Harpune genau auf sein Gesicht.

»Bleib stehen, Dagon«, sagte ich.

Dagon gehorchte. Auf seinem Gesicht erschien ein fast mitleidiger Ausdruck. Aber es war auch eine Spur von Unsicherheit in seinem Blick, die mir nicht entging.

»Was soll der Unsinn?« fauchte er. »Ich habe dich bis zu diesem Punkt kommen lassen, weil ich mit dir reden will. Außerdem«, fügte er unwillig hinzu, »kann mich eine von Menschenhand geschaffene Waffe ohnehin nicht verwunden.«

Er wollte weitergehen, blieb aber sofort wieder stehen, als ich drohend mit der Harpune zu fuchteln begann.

»Du bist ein lebendes Wesen, nicht?« sagte ich lauernd. »Du magst die Macht eines Gottes haben, Dagon, aber dein Leib besteht aus Fleisch und Blut. Wenn du unsterblich wärest, dann wäre all dies hier nicht nötig gewesen.«

Ich war nicht sicher, ob das wirklich so ganz der Wahrheit entsprach, aber Dagons Reaktion nach zu schließen, mußte ich ihr zumindest nähergekommen sein, als ihm lieb war. Dagon wurde blaß vor Zorn, rührte sich aber nicht von der Stelle, sondern starrte mich nur aus haßerfüllten Augen an.

Dafür drehte sich Jennifer herum, sah mich an, lächelte - und trat mit einem raschen Schritt zwischen mich und den Fischgott.

»Was, zum Teufel, tun Sie?« schrie ich. »Gehen Sie aus der Schußlinie!«

Jennifer lächelte noch freundlicher, schüttelte den Kopf und kam langsam auf mich zu. »Sie werden nicht schießen, Robert«, sagte sie. »Dann würden Sie nämlich mich treffen, und das wollen Sie doch ganz bestimmt nicht, oder?«

Damit trat sie auf mich zu, drückte die Spitze der Harpune mit dem Zeigefinger zur Seite und nahm mir die Waffe mit sanfter Gewalt aus den Händen.

Dagon begann zu lachen. Sehr laut und sehr ausdauernd.

Es war zu kalt für diese Zeit des Jahres, aber wie oft in besonders kalten Nächten war die Sicht über die Maßen gut. Es ist schwer, auf dem offenen Meer, das dem Blick keinen Widerstand bietet, Entfernungen zu schätzen, aber der Horizont schien weiter entfernt als normal.

Und zwischen ihm und der Küste war das Schiff.

Es bewegte sich lautlos, einem Schatten gleich und halb verborgen hinter brodelnden grauen Nebeln, die es begleiteten wie unwirklicher Atem. Seine Segel waren, obgleich nahezu Windstille herrschte, gebläht, seine schaumige Bugwelle hoch wie ein kleines Schiff.

Niemand bemerkte den gigantischen Dreimastsegler, der sich der Ostküste Schottlands näherte, schnell und lautlos wie ein Schatten.

So, wie niemand die einsame Gestalt auf seinem Vorderdeck bemerkte, die hoch aufgerichtet hinter der Reling stand und nach Osten sah.

Es war ein Mann; aber vielleicht auch nur etwas, das die Form und das Aussehen eines Menschen angenommen hatte. Es war alt, uralt. Älter als das älteste Wesen auf dieser Welt, ja, älter als das Leben auf diesem Planeten selbst; vielleicht älter als die Sonne, die diese kleine Welt beschien. So genau wußte es das nicht mehr. Irgendwann, vor hundert oder zweihundert Millionen Jahren vielleicht, hatte es vergessen, wann und wo es geboren war, und irgendwann, in weiteren zwei- oder dreihundert Millionen Jahren würde es auch dieses kurze Zwischenspiel in seinem nach Äonen zählenden Leben vergessen haben.

Und trotzdem. Wäre es in der Lage gewesen, Humor zu empfinden, hätte es vielleicht gelacht. Es war gewohnt, in Zeitspannen zu denken, die die Vorstellung der Menschen sprengten, aber jetzt empfand es Ungeduld.

Es hatte zu lange gewartet auf diesen Moment. So lange, daß ihm die wenigen Stunden bis Sonnenaufgang wie eine Ewigkeit vorkamen, das rasende Pflügen des Schiffes durch das Meer wie ein quälend langsames Kriechen.

Bald, dachte es. Bald war es soweit. Bald war der Moment gekommen, auf den es so lange wartete, der Augenblick, auf den es sich seit zweimal hundert Millionen Jahren vorbereitet hatte. Der Grund seiner Existenz in dieser Ebene des Seins. Und den fürchtete es wie nichts anderes.

Bald.

Sehr bald.

Die Dagon raste weiter.

»Du bist ein verdammter Narr, Robert Craven«, sagte Dagon zornig. »Glaubst du wirklich, ich habe dich so weit kommen lassen, nur um dich zu töten?« Er spie das letzte Wort beinahe aus. »Ich habe es dir schon einmal gesagt - ich bin nicht dein Feind. Im Gegenteil. Ich trage dir an, mit mir zusammenzuarbeiten.«

»Und ich habe schon einmal abgelehnt«, erwiderte ich trotzig. Dagon schürzte abfällig die Lippen. »Du redest über Dinge, über die du nicht voreilig entscheiden solltest«, sagte er. »Es mag sein, daß du nicht mehr die Wahl hast, irgend etwas abzulehnen oder anzunehmen.«

»So?« fragte ich, in einem trotzig herausfordernden Ton, der ganz und gar nicht dem entsprach, was ich fühlte. Und der Dagon keine Sekunde zu täuschen vermochte, wie ich an dem boshaften Lächeln sah, das über sein Fischgesicht huschte. Er nickte. »Ich hoffe, du bist nicht so närrisch, auf Hilfe zu rechnen, Robert Craven«, sagte er. »Deine Freunde werden tot sein, ehe die Sonne aufgeht. Es sei denn...«

»Es sei was?« fragte ich, als er nicht weitersprach. Vermutlich war das ganz genau die Reaktion, die er hatte haben wollen, aber ich war einfach zu erschöpft, um noch Spielchen zu spielen.

»Es sei denn, du tust, was ich von dir verlange«, sagte er.

»Und was wäre das?«

Dagon lachte. »So gefällst du mir schon besser. Aber gut - es sind zwei Dinge. Das eine wirst du ohnehin tun, wie ich die Sache sehe, deshalb lohnt es sich nicht, darüber zu streiten. Du wirst verhindern, daß die Sieben Siegel erbrochen werden, schon aus eigenem Interesse.«

»Dazu müßte ich erst einmal wissen, wo und was diese Sieben Siegel überhaupt sind«, antwortete ich.

Dagon verzog die Lippen. »Glaubst du, ich hätte sie nicht schon längst, wenn ich wüßte, wo sie zu finden sind oder wie sie aussehen?« schnappte er. »Finde es heraus, Hexer. Aber bedenke, daß dir nicht viel Zeit bleibt.« Plötzlich erlosch das gehässige Grinsen auf seinen Zügen, und als er weitersprach, klang seine Stimme so ernst, daß ich mich eines Schauderns nicht erwehren konnte.

»Es ist wichtig, Robert Craven«, sagte er leise. »Vielleicht hängt das Überleben deines gesamten Volkes davon ab, daß es dir gelingt. Die Sieben Siegel müssen geschlossen bleiben. Finde und vernichte sie, ehe ein anderer es tut und millionenfaches Unheil über euch schickt.«

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