Der Dagon-Zyklus, Band 2
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 1991
- Язык: немецкий
- Год: Weltbild Verlag
- ISBN: 3-86047-343-3
- Жанр: Ужасы
Электронная книга - «Der Dagon-Zyklus, Band 2». Краткое содержание книги:
Der Mann lag verkrümmt da, mit dem Gesicht in der größer werdenden Pfütze seines eigenen Blutes, die rechte Hand um den Griff eines armlangen Säbels geschlossen und die andere zu einer Kralle verkrümmt, als hätte er in seinen letzten Sekunden versucht, sich an die harten Planken des Schiffsrumpfes zu klammern. Zehn, fünfzehn Sekunden lang stand ich völlig reglos da und starrte den Toten an. Es war nicht der Anblick der Leiche, der mich so erschreckte - der Anblick eines Toten, der noch dazu auf gewaltsame Weise ums Leben gekommen ist, ist niemals sehr erbaulich, und er gehört wohl zu den wenigen Dingen, an die man sich nie gewöhnen kann -, aber es war etwas an ihm, was diesen Schrecken überdeckte und mich mit schierem Entsetzen erfüllte.
Seine Kleidung.
Der Mann trug einen schwarzen Umhang, bestickt mit dünnen, silbernen Fäden, die die Umrisse eines stilisierten Drachen abbildeten, darunter ebenfalls schwarze Hosen und eine Art lose fallender Bluse in der gleichen Farbe, dazu Stiefel und Handschuhe und eine turbanähnliche Kopfbedeckung, an der ein Tuch befestigt war, das sein Gesicht bis auf einen knapp fingerbreiten Streifen über den Augen bedeckte. Alles an ihm war schwarz.
Ich kannte diese Kleidung. Ich war Männern wie ihm begegnet, vor nicht einmal sehr langer Zeit, die mir trotzdem vor kam, als läge sie Ewigkeiten zurück. Und ich hatte zu allen mir bekannten Göttern gebetet, sie nie, nie wiedersehen zu müssen. Einen Moment lang versuchte ich mit aller Gewalt, mir einzureden, daß ich mich täuschte, daß meine Erinnerungen und meine überreizten Nerven mir einen bösen Streich spielten. Aber ich sah rasch ein, daß das nicht stimmte.
Der Gedanke war völlig widersinnig; das Geschehen hier hatte keinerlei Beziehungen zu ihnen, und selbst wenn, hätten sie nicht hier sein dürfen. Aber der Tote war da, und alles Leugnen brachte ihn nicht fort. Es gab nur eine Gruppe von Menschen auf dieser Welt, die sich auf diese Weise zu kleiden pflegten. Necrons Drachenkrieger! Ich starrte den Toten an, unfähig, irgend etwas anderes zu denken als diese beiden Worte, unfähig, etwas anderes zu empfinden als Erschrecken und Unglauben und Zorn - und einen langsam aufkeimenden, immer stärker und stärker werdenden Haß.
Necron.
Wenn es einen Namen auf der Welt gab, der für mich alles Schlechte und Böse und Verabscheuungswürdige versinnbildlichte, dann diesen.
Necron, der geheimnisumwitterte Herr der Drachenburg.
Der Meistermagier, Herr des Bösen und aller dunklen Kräfte.
Und der Mann, der mir den einzigen Menschen genommen hatte, den ich jemals wirklich geliebt hatte... Meine Priscylla.
Es war wie ein Schlag in den Magen, schnell, warnungslos und so hart, daß ich mich für Sekunden krümmte, als hätte ich wirklich einen Hieb bekommen, der mir den Atem nahm. Die Vergangenheit hatte mich eingeholt, endgültig und in einem Moment, in dem ich am allerwenigsten damit gerechnet hatte. Der Tote vor mir war mehr als ein Toter, mehr als das Opfer eines heimtückischen Mordes. Er war ein Fanal, ein boshafter Wink des Schicksals, mit dem es mir mit aller Brutalität zeigte, wie wenig ich ihm hatte davonlaufen können. Der Anblick seiner schwarzen Kleidung und das, was sie für mich bedeutete, ließ die Vergangenheit auferstehen, die Bilder, die ich mit aller Macht aus meinem Bewußtsein zu verdrängen versucht hatte, und plötzlich begriff ich, daß alles, was ich seither erlebt und getan hatte, all diese verrückten und haarsträubenden Abenteuer, alle Gefahren, in die ich mich kopfüber gestürzt hatte, nur diesem einem Zweck gedient hatten - dem Vergessen.
Ich hatte versucht, meine Vergangenheit zu begraben, sie mit einem Gebirge aus Gefahren und Abenteuern zu erschlagen. Aber das ging jetzt nicht mehr. Der Tote lag vor mir, und er war real.
Nachdem die erste Woge von Zorn und Haß - der in Wahrheit wohl nur ein Ausdruck meiner eigenen Hilflosigkeit sein mochte - vorüber war, begannen mir tausend Fragen durch den Kopf zu schießen. Wie kam der Mann hierher? Und - und das war das Wichtigste - warum?
Zögernd kniete ich nieder, drehte ihn auf den Rücken und besudelte mir dabei die Hände mit seinem Blut. Als ich in sein Gesicht blickte, hätte ich um ein Haar aufgeschrien.
Er war tot, aber seine Kehle war nicht durchschnitten worden, wie ich bisher angenommen hatte. Was ich sah, waren nicht die Spuren eines Messers, sondern Wunden, wie sie nur furchtbare Raubtierfänge schlagen konnten. Schaudernd drehte ich mich in der Hocke um, löste das Schwert aus seinen schlaffen Fingern und hielt die Klinge ans Licht. Auf dem rasiermesserscharfen Stahl war nicht der kleinste Blutstropfen zu sehen. Der Drachenkrieger war nicht einmal dazu gekommen, sich zu wehren. Ich hatte Männer wie ihn im Kampf erlebt und wußte, wozu sie fähig waren. Ein Wesen, das einen solchen Krieger derart rasch und auf so furchtbare Weise zu töten vermochte, mußte zehnmal gefährlicher als ein Tiger sein. Als ich an diesem Punkt meiner Überlegungen angekommen war, hörte ich Schritte. Gleichzeitig legte sich ein riesiger, verzerrter Schatten auf den Körper des Toten.
Im Reflex wirbelte ich herum, sprang in die Höhe, hob gleichzeitig das Schwert - und brach die Bewegung im letzten Moment wieder ab, als ich den Mann erkannte, der hinter mir aufgetaucht war. »Bannermann!«
Der ehemalige Kapitän der Lady of the Mist nickte, lächelte auf die flüchtige unechte Art, in der man lächelt, um jemanden zu begrüßen, und wurde sofort wieder ernst. Sein Blick huschte über das bleiche Gesicht des Toten, glitt über die noch immer zum Schlag erhobene Klinge in meiner Hand und blieb auf meinem Gesicht haften.
Hastig senkte ich das Schwert und trat einen halben Schritt vom Leichnam des Drachenkriegers fort. »Verzeihen Sie«, sagte ich mit einer Kopfbewegung auf die beidseitig geschliffene Klinge. »Das... das galt nicht Ihnen. Ich bin ein wenig nervös.« Bannermann schien meine Worte gar nicht gehört zu haben. »Haben Sie ihn getötet?« fragte er leise.
Ich starrte ihn an, blickte dann erschrocken auf das Schwert in meiner Hand und meine blutigen Finger und ließ die Klinge hastig zu Boden fallen. »Nein«, sagte ich. »Er... er lag plötzlich da. Ich weiß nicht, wer ihn umgebracht hat. Ich weiß nicht einmal, wer er ist.«
Bannermann musterte mich einen Moment lang stirnrunzelnd, ging dann ohne ein weiteres Wort vor dem Toten in die Hocke und untersuchte mit kundigen Bewegungen die Wunde an seinem Hals. Als er fertig war, waren seine Finger ebenso blutbesudelt wie meine.
»Nein«, sagte Bannermann, nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte. »Sie haben ihn nicht getötet. Das war kein Mensch.«
»Danke, daß Sie es mir bestätigen«, sagte ich, schärfer, als ich eigentlich beabsichtigt hatte. Aber Bannermanns Worte hatten mich mit einem Zorn erfüllt, den ich mir selbst nicht so recht zu erklären vermochte. Ich begann erst jetzt zu spüren, wie nervös ich war.
»Wo kommt dieser Mann her?« fragte Bannermann. »Er war nicht bei den Leuten, die heute morgen an Bord gekommen sind. Ich hätte ihn bemerkt.«
»Zum Teufel, das weiß ich nicht«, antwortete ich gereizt. Bannermann begann rasch und methodisch die Taschen des Drachenkriegers zu durchsuchen. Seine Ausbeute war mager - der Krieger trug genug Waffen bei sich, um eine kleine Armee auszurüsten, aber das war auch schon alles. Bannermann schüttelte enttäuscht den Kopf und stand wieder auf. »Nichts.«
»Was haben Sie erwartet?« fragte ich spöttisch. »Einen Passport und eine gültige Schiffspassage, erster Klasse und Einzelkabine?«
»Nein«, antwortete Bannerman ungerührt. »Ein schriftlicher Marschbefehl von Necron hätte gereicht.«
Eine Sekunde lang starrte ich ihn nur an, und schon wieder stieg eine Woge heißen, völlig unbegründeten Zornes in mir empor. Dann senkte ich betreten den Blick.