Die Zwerge
- Автор: Хайц Маркус
- Серия: die zwerge #1
- Год: 2003
- Язык: немецкий
- Год: Ullstein Heyne List GmbH & Co. KG
- ISBN: 3-453-87531-1
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Zwerge». Краткое содержание книги:
Tausend Sonnenzyklen später wehren sich die Menschen verzweifelt gegen die mörderischen Orks. Zwar haben die sechs großen Zauberer das Tote Land mithilfe von Magischen Schranken aufhalten können, aber unter den Herrschern des Geborgenen Landes befindet sich ein Verräter, und schon erobern Albae die Haine der Elben. In diesen unsicheren Zeiten macht sich der Zwerg Tungdil auf Geheiß des mächtigen Magiers Lot-Ionan, seines Ziehvaters, auf einen Botengang - der unversehens zu einem schicksalhaften Abenteuer auf Leben und Tod gerät...
Ein kleines Kind schrie in der Ecke der Küche. Frala eilte, um ihre Tochter Ikana aus der Wiege zu holen, die sie neben den warmen Herd gestellt hatte.
»Schau, das ist dein Pate, kleiner Wurm«, sagte sie zu dem Mädchen. »Er wird später auf dich aufpassen, so wie er lange Jahre auf mich Acht gab.«
Der Zwerg streckte seinen Zeigefinger aus, den das Menschenkind sogleich ergriff und zu sich zog. Tungdil meinte sogar, ein leises Lachen gehört zu haben.
»Sie lacht mich aus.«
»Unsinn. Sie lacht mit dir. Siehst du? Sie mag dich«, erwiderte Frala.
»Dir und deiner Schwester bringe ich auch etwas mit«, versprach er Ikana und zog seinen schwieligen Finger vorsichtig aus der kleinen zartrosa Hand. Doch nachdem er seine Scheu vor dem zerbrechlich aussehenden Kind überwunden hatte, wollte er gar nicht mehr von ihm lassen. Ikana fasste nach und schnappte sich eine braune Haarsträhne. Mit großer Vorsicht entwand er sie ihr wieder. »Du willst wohl, dass ich bleibe?«
Gemeinsam gingen sie durch den halbdunklen Stollen bis zum Nordtor. Helles Tageslicht schimmerte durch den Spalt. Die Magd küsste ihn auf die Stirn. »Pass auf dich auf«, verabschiedete sie ihn. »Und komm heil zurück.«
Ein Famulus betätigte die Seilwinden des Öffnungsmechanismus, und die eisenbeschlagenen Eichenportale schwangen knarrend zurück.
Die Sonne schien auf die runden, sattgrünen Hügel, die blühenden Blumen und Laubwälder. Der Wind trug den Geruch von warmer Erde in den Tunnel, Vögel sangen ihr Frühlingslied.
»Hörst du das, Tungdil? Das Geborgene Land meint es gut mit dir«, sagte Frala und atmete die Luft tief ein. »Herrliches Wetter! Du wirst eine schöne Reise haben.«
Der Zwerg stand im schützenden Schatten des Ganges und zögerte. Er war es gewohnt, eine schützende Decke über dem Kopf und Wände um sich zu haben, die ihm Sicherheit gaben. Da draußen wartete ein wenig zu viel Freiheit auf ihn, an die er sich bei jedem seiner Botengänge für den Magus von neuem gewöhnen musste.
Doch er wollte vor Frala nicht wie ein feiger Gnom dastehen, also holte er tief Luft, trat an die sonnenbeschienene Oberfläche von Ionandar und marschierte los.
»Bis bald, Tungdil!«, rief die Magd ihm hinterher. Er drehte sich um und winkte ihr, bis sich der Zugang zu Lot-Ionans unterirdischer Behausung schloss; dann setzte er seinen Marsch fort. Allerdings kam er nicht sonderlich weit. Völlig geblendet kniff er schon nach wenigen Schritten die Lider zusammen. Die Zeit unter der Erde, abseits von den Strahlen des mächtigen Gestirnes, hatte ihn derart empfindlich werden lassen, dass er im Schatten einer mächtigen Eiche Schutz vor der Helligkeit suchte. Die Säcke mit dem Proviant und den Artefakten landeten neben ihm im Gras.
Das kann eine nette Reise werden, dachte er. Er hockte sich auf den Boden und blinzelte, um einen ungefähren Eindruck von der Umgebung zu bekommen. Das Blätterdach schützte ihn kaum vor dem unbarmherzigen Licht.
Tungdil erinnerte sich, dass es ihm jedes Mal so erging, wenn er einen Fuß nach draußen setzte. Aber wenigstens eigneten sich die liebliche Landschaft und der grob angelegte Weg gut zum zügigen Laufen.
Er nahm die Karte zur Hand, um sie genauer zu studieren, und hielt sie so über sich, dass sie ihm Schatten spendete. Wenn der Kartenzeichner sich nicht irrte, würde sich die Landschaft in der Nähe des Schwarzjochs verändern. Die Erhebung war von einem dichten Tannenwald umgeben, durch den offenbar kein Pfad führte.
Auch nicht schlimm. Tungdils Daumen fuhr prüfend über die Schneide der Axt. Die Bäume werden zu spüren bekommen, was es heißt, sich mir in den Weg zu stellen.
Die Sonne wanderte weiter.
Der Zwerg gewöhnte sich allmählich an das Licht, das bereits schwächer wurde und sich in zartes Orange wandelte. Die Dämmerung, die seinen Augen schmeichelte, würde bald hereinbrechen, und bis dahin wollte er noch einige Meilen gelaufen sein. Vielleicht würde er an einem Gehöft vorbeikommen, wo man ihm über Nacht Unterschlupf gewährte.
Entschlossen stemmte er sich in die Höhe, hing sich den Rucksack und den Lederbeutel des Magiers über den Rücken, klemmte die Axt in den Gürtel und stapfte los. Eine Weile schimpfte er noch über die Sonne, was ihn zwar nicht schneller machte, aber ungemein erleichterte.
Als Tungdil am fünften Tag seiner bislang ereignislosen Wanderung aus dem Wald trat und die Palisaden eines umzäunten Großdorfes betrachtete, verschwand die Sonne soeben hinter einem Hügel.
Über dem Tor erhob sich ein hölzerner Wachturm, auf dem zwei Männer auf und ab gingen. Zuerst entdeckten sie seine gedrungene Gestalt nicht, dann aber wurde einer der Wächter auf ihn aufmerksam. Ihrem Verhalten nach stuften sie den Zwerg jedoch nicht als Bedrohung für den Ort ein.
Tungdil freute sich. Nach vier kühlen Nächten zwischen Eichhörnchen, Füchsen und zu viel Grün warteten auf der anderen Seite der Befestigung bestimmt eine Schenke, gutes Bier, ein warmes Essen und ein weiches Bett auf ihn. Sein Magen grummelte.
Als er vor dem Tor ankam, blieb der Durchgang verschlossen. Die Wachen lehnten sich über die Brüstung und beobachteten, was der Zwerg tat.
»Meinen Gruß! Lasst mich ein, ich möchte die Nacht nicht unter freiem Himmel verbringen«, rief er laut und musterte die beiden Männer. Ihre Plattenrüstungen sahen gepflegt und gut gearbeitet aus; der Schmied, der sie anfertigte, wusste, auf was es ankam, soweit Tungdil das auf die Entfernung beurteilen konnte. Es bedeutete auch, dass die Männer auf den Schutz angewiesen waren und ihn nicht nur wegen der äußeren Wirkung trugen. Dörfler waren das nicht.
Dann machte er eine weitere Entdeckung. Was er im Schein der Fackeln auf den Palisaden für Zierköpfe gehalten hatte, entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als echte Schädel. Die Dorfbewohner spickten ihre Palisaden mit den abgetrennten Häuptern von drei Dutzend Orks!
Tungdil hatte seine Zweifel daran, dass es ein guter Gedanke war, die Scheusale auf diese Weise zu verhöhnen. Orks ließen sich durch die aufgespießten Köpfe ihrer getöteten Artgenossen ebenso wenig von Überfällen abhalten wie Krähen vom Plündern eines Feldes. Sie verstanden diese Art von Ausstellung eher als Anreiz, die Menschen für ihre Taten zu vernichten.
Daraus erfuhr der Zwerg zwei Dinge. Erstens befand er sich in Idoslân, zweitens waren die Männer, die sich die Dorfbevölkerung zur Bekämpfung der Orks anheuerte, ausgezeichnet, doch leider ohne Verstand. Er konnte sich das herausfordernde Verhalten nur so erklären, dass die Söldner Prämien für die Zahl der abgeschlagenen Schädel erhielten. Die Soldaten legten ihre grausigen Köder aus, um das nächste Rudel Orks anzulocken.
»Was ist nun?«, forderte er ungehalten. »Warum darf ich nicht hinein?«
»Du stehst vor Gutenauen im schönen Idoslân. Hast du unterwegs Orks gesehen, Unterirdischer?«, erhielt er zur Antwort.
»Nein, keine«, entgegnete er und gab sich Mühe, höflich zu bleiben; die Bezeichnung »Unterirdischer« empfand er als abwertend. »Und ich bin ein Zwerg, wenn’s recht ist, so wie ihr Menschen und keine Oberirdischen seid.«
Die Männer lachten. Einer von ihnen gab ein Handzeichen, der rechte Flügel öffnete sich knarrend und gewährte Tungdil Einlass. Zwei weitere schwer bewaffnete Söldner standen zur Begrüßung bereit und musterten ihn argwöhnisch.
»Tatsächlich, ein Zwerg«, raunte der eine gebannt. »Sie sind gar nicht so klein, wie man sich immer erzählt.«
Tungdils Laune sank, denn das Angaffen behagte ihm nicht. Er hatte vergessen, wie selten die Menschen Zwerge sahen. »Habt ihr nun genug geschaut? Könnt ihr mir sagen, wo ich eine Unterkunft für die Nacht bekomme?«
Die Wächter erklärten ihm, wo das nächste Wirtshaus zu finden war. Tungdil schlenderte die staubige Straße entlang und erreichte schon bald das Gasthaus. Ein an den Türbalken genagelter, von der Witterung gezeichneter Holznapf und ein nicht weniger ramponierter Krug versprachen dem Besucher zwar keine Köstlichkeiten, aber immerhin ein solides Mahl und einen Schluck Bier dazu.