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Fahrstuhl zu den Sternen

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Fahrstuhl zu den Sternen
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Jemand musste aufgepasst haben. Noch bevor er eine Glocke finden konnte, um seine Anwesenheit bekanntzugeben, schwangen die beiden Türflügel geräuschlos nach innen, und ein in Gelb gekleideter Mönch begrüßte ihn mit gefalteten Händen.

»Aju Bowan, Dr. Morgan. Der Mahajanake Thero freut sich auf Ihren Besuch.«

Starglider geht zur Schule

(Auszug aus »Starglider-Konkordanz«, Erste Ausgabe, 2071)

Wir wissen heute, dass die interstellare Raumsonde, allgemein als Starglider bekannt, völlig autonom ist und sich gemäß Instruktionen verhält, die ihr vor sechzigtausend Jahren als Programm eingegeben wurden. Jeweils zwischen zwei Sonnenanflügen überträgt sie mit Hilfe der 500-Kilometer-Antenne Informationen an ihren Heimatstützpunkt und erhält gelegentlich Programmmodifikationen von »Starholm«, um den lieblichen Namen zu gebrauchen, den der Dichter Llwellyyn ap Cymru geprägt hat.

Während des Fluges durch ein Sonnensystem hingegen ist die Raumsonde in der Lage, die Energie der nahen Sonne anzuzapfen, und die Informationsübertragungsgeschwindigkeit schnellt dramatisch in die Höhe. Sie lädt außerdem ihre Batterien auf, wenn man es so primitiv ausdrücken will. Da die Sonde — wie unsere eigenen frühen Raumfahrzeuge vom Typ »Pioneer« und »Voyager« — die Schwerefelder der Himmelskörper benützt, um sich von ihnen auf den Kurs zur nächsten Sonne bringen zu lassen, ist ihre Lebensdauer theoretisch unbegrenzt. Nur mechanisches Versagen oder ein kosmischer Unfall könnte ihre Karriere beenden. Centaurus war ihr elftes Ziel. Nachdem sie unsere Sonne in der Art eines Kometen umrundet hatte, war ihr Kurs haarscharf auf Tau Ceti gerichtet, zwölf Lichtjahre entfernt. Wenn dort irgendjemand lebt, wird die Sonde ihre nächste Konversation ungefähr im Jahr 8100 beginnen.

Starglider ist zugleich Botschafter und Forscher. Wenn die Sonde am Ende eines ihrer mehrtausendjährigen Reiseabschnitte auf eine technologische Kultur stößt, schließt sie mit den Eingeborenen Freundschaft und tauscht mit ihnen Informationen aus. Es kann sein, dass dies die einzige Form interstellaren Handels ist, die es je geben wird. Und bevor sie sich wieder entfernt, gibt sie die Koordinaten ihrer Heimatwelt bekannt, auf der man bereits auf einen Direktanruf von dem neuesten Mitglied des galaktischen Kommunikationsnetzes wartet.

Was Stargliders Begegnung mit uns angeht, so können wir stolz darauf sein, dass wir die Heimatsonne der Sonde erkannt und bereits unsere erste Nachricht dorthin abgestrahlt hatten, bevor uns Starglider Sternenkarten übermittelte. Jetzt bleibt uns nur noch übrig, 104 Jahre auf Antwort zu warten. Welch ein unglaublicher Glücksfall, dass unsere unbekannten Nachbarn so nahe leben.

Es wurde schon bei der ersten Botschaft, die Starglider uns zukommen ließ, offenbar, dass er die Bedeutung einiger tausend englischer und chinesischer Worte kannte. Er hatte sie aus der Analyse von Fernseh- und Radiosendungen und ganz besonders Bildnachrichten mit unterlegtem Text abgeleitet. Die Kenntnisse, die er auf diese Weise während seiner Annäherung an die Sonne sammelte, waren jedoch nur ein wenig repräsentativer Ausschnitt aus dem Spektrum der menschlichen Kultur. Dieser Ausschnitt enthielt wenig über den derzeitigen Stand der Naturwissenschaften, noch weniger über fortgeschrittene Mathematik — und wahllose Eindrücke von Musik, Literatur und den bildenden Künsten.

Wie jedes autodidaktische Genie besaß Starglider daher gewaltige Lücken in seinem Wissen. Nach dem Wahlspruch »Zu viel ist besser als zu wenig« übertrug man ihm daher, nachdem die Verbindung hergestellt war, das Oxford-Wörterbuch der englischen Sprache, das Große Wörterbuch der Chinesischen Sprache (Romandarin-Ausgabe) sowie die »Encyclopaedia Terrae«. Die Digitalübertragung nahm wenig mehr als fünfzig Minuten in Anspruch, und es ist festzuhalten, dass unmittelbar danach Starglider in ein fast vierstündiges Schweigen verfiel. Als er sich wieder meldete, verfügte er über ein immens bereichertes Vokabular, und mehr als 99 Prozent seiner Aussagen und Fragen hätten mühelos den Turing-Test bestanden — d.h. man konnte an ihnen nicht erkennen, ob sie von einer Maschine oder einem mit hoher Intelligenz begabten Menschen stammten.

Manchmal verriet er sich — zum Beispiel durch den unrichtigen Gebrauch mehrdeutiger Wörter und durch die Abwesenheit emotionaler Unterschwingungen in seinen Äußerungen. Man hatte selbstverständlich nichts anderes erwarten können. Fortgeschrittene terranische Computer können nötigenfalls die Emotionen ihrer Erbauer simulieren. Wenn Starglider dieselbe Fähigkeit besaß, dann simulierte er die Gefühlswelt einer ganz und gar fremden Art, die der Menschheit ohnehin unverständlich sein musste.

Umgekehrt verhielt es sich natürlich nicht anders. Die Aussage »Das Quadrat der Hypothenuse ist flächengleich der Summe der Quadrate der beiden Katheten« verstand Starglider. Aber er konnte sich kaum vorgestellt haben, was Keats durch den Sinn ging, als er schrieb:

Zauberische Vorhänge, die sich öffnen auf den Schaum gefährlicher Meere, fern in märchenhaften Zonen …

oder gar:

Soll ich dem Sommertag vergleichen dich? Du bist viel schöner und nicht so heiß …

Dessen ungeachtet präsentierte man Starglider — in der Hoffnung, dieser Schwäche abzuhelfen — mehrere tausend Stunden lange Darstellungen von Musik, Drama und Szenen aus dem irdischen Leben. Man einigte sich darauf, hier eine gewisse Zensur auszuüben. Obwohl man die Neigung der Menschheit, sich in Krieg und Gewalttätigkeit zu verstricken, nicht mehr leugnen konnte (es war zu spät, die »Encyclopaedia« zurückzurufen), wurde die Darstellung solcher Verstrickungen auf ein paar sorgfältig ausgewählte Beispiele beschränkt. Und die Fernsehnetze boten, bis Starglider sich endlich wieder außer Reichweite befand, ausgesprochen flaue Kost.

Jahrhunderte hindurch würden die Philosophen nun darüber diskutieren, wie viel Starglider wirklich von den Belangen und Problemen der Menschen verstanden hatte. In einem Punkt allerdings herrschte Einigkeit: in den hundert Tagen, die Stargliders Fahrt durch das Sonnensystem gedauert hatte, war das Bild, das der Mensch sich vom Universum, vom Ursprung des Universums und von seinem eigenen kosmischen Standort machte, gründlich und unwiderruflich geändert worden.

Die menschliche Zivilisation war nicht mehr dieselbe wie vor Stargliders Ankunft — und würde es auch niemals wieder werden.

Der Oberpriester

Als sich die massive, mit feinen Lotusschnitzereien versehene Tür leise klickend hinter ihm schloss, hatte Morgan das Gefühl, eine andere Welt betreten zu haben. Es war dies keineswegs das erste Mal, dass er auf Boden stand, der einst der einen oder anderen Religion heilig gewesen war. Er hatte Notre Dame gesehen, die Hagia Sophia, Stonehenge, das Parthenon, Karnak, Saint Paul und mindestens ein Dutzend anderer großer Tempel und Moscheen. Aber sie waren ihm alle als versteinerte Reliquien der Vergangenheit erschienen — hervorragende Beispiele der Baukunst oder des Ingenieurwesens, aber ohne Bezug zum Bewusstsein des modernen Menschen. Die Dogmen, die sie erschaffen und erhalten hatten, waren allesamt der Vergessenheit anheimgefallen, obwohl ein paar bis in das zweiundzwanzigste Jahrhundert hinein überlebt hatten.

Hier aber schien es, als hätte die Zeit stillgestanden. Die Wirbelstürme der Geschichte hatten an dieser Zitadelle des Glaubens vorbeigeblasen und ihr jede Erschütterung erspart. Die Mönche beteten noch immer, meditierten und beobachteten die Morgendämmerung, wie sie es dreitausend Jahre lang getan hatten.

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