»Oh, Karuna! Es ist nicht ehrlich von mir, dir solche Fragen zu stellen. Was weißt du schon von den wirklichen Welten jenseits des Himmels, oder von dem Drang des Menschen, sie zu erobern? Du warst zwar einst eine Göttin, aber Kalidasas Himmel war nichts als eine Illusion. Gleichgültig — welch fremde Zukünfte du auch schauen magst, ich werde nicht an ihnen teilhaben. Wir kennen einander seit langer Zeit — nach meinen Maßstäben. Ich werde euch auch weiterhin von der Villa aus anschauen, aber von Angesicht zu Angesicht stehen wir einander heute zum letzten Mal gegenüber. Lebt wohl, meine Schönen, und habt Dank für die Freude, die ihr mir die Jahre hindurch gebracht habt. Grüßt mir die, die nach mir kommen!«
Als er aber die Wendeltreppe hinabstieg, den Fahrstuhl ignorierend, da war ihm gar nicht nach traurigem Abschiedsgesang zumute. Im Gegenteil, es war ihm, als hätte er ein paar Jahre von sich abgeschüttelt (und überhaupt: zweiundsiebzig Jahre war so alt nun auch wieder nicht). Dravindra und Dschaja entging die neugewonnene Lebendigkeit nicht. Er sah ihre Augen aufleuchten.
Das Leben im Ruhestand war wirklich ein wenig langweilig geworden. Was er und Taprobane brauchten, war frische Luft, die die Spinnweben fortblies — wie der Monsun, der nach Monaten schwüler, windloser Hitze neues Leben brachte.
Ob Morgan Erfolg hatte oder nicht, sein Vorhaben besaß die Kraft, die Phantasie zu beflügeln und die Seele zu laben. Kalidasa hätte Neid empfunden — und seine Zustimmung erteilt.
II — Der Tempel
Während die verschiedenen Religionen miteinander darüber streiten, welche von ihnen im Besitz der Wahrheit ist, kann von unserem Standort aus die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Religion gänzlich außer acht gelassen werden …
Wenn man der Religion einen Platz innerhalb des Evolutionsprozesses der Menschheit zuordnen will, so erscheint sie nicht so sehr als etwas für die Dauer Erworbenes, sondern eher als eine Parallele zu der Neurose, die das zivilisierte Individuum auf dem Weg von der Kindheit zur Reife durchmacht.
Freud: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1932)
Natürlich hat der Mensch in Gott sein Ebenbild erschaffen; was hätte er auch sonst tun sollen? Ebenso wie ein echtes Verständnis der Geologie unmöglich war, solange wir nicht andere Welten außerhalb der Erde studieren konnten, so muss auch eine gültige Theologie warten, bis wir mit außerirdischen Intelligenzen Verbindung aufnehmen. Es kann kein Lehrfach »Vergleichende Religionslehre« geben, solange wir nur die Religionen der Menschheit studieren.
Hadschi Mohammed ben Selim, Professor für Vergleichende Religionslehre: Einführungsrede, Brigham-Young-Universität, 1998
Unsere Wissbegierde muss auf die Beantwortung der folgenden Fragen gerichtet sein: (a) Welches sind die religiösen Grundideen, wenn solche überhaupt existieren, von Wesen mit null, einem, zwei oder mehr als zwei »Eltern« und (b) wird religiöser Glaube nur bei solchen Organismen beobachtet, die während der Wachstumsjahre engen Kontakt mit ihren Erzeugern haben?
Wenn wir feststellen, dass Religion ausschließlich bei den intelligenten Äquivalenten von Affen, Delphinen, Elefanten, Hunden usw. vorkommt, aber nicht bei außerirdischen Computern, Termiten, Fischen, Schildkröten oder gesellschaftsbildenden Amöben, dann werden wir möglicherweise ein paar schmerzhafte Schlüsse ziehen müssen … Vielleicht können sowohl Liebe als auch Religion nur unter Säugetieren entstehen — beide aus nahezu identischen Anlässen. Eine Analyse ihrer Pathologien legt diesen Schluss nahe; und jeder, der an dem inneren Zusammenhang zweifelt, der sollte sich den »Hexenhammer« oder Huxleys »Die Teufel von Loudon« aufmerksam durchlesen.
Ebenda
Dr. Charles Willis' oft zitierte Bemerkung (Hawaii, 1970), Religion sei ein Abfallprodukt der Unterernährung, trägt zur Diskussion nicht wesentlich mehr bei als Gregory Batesons unfeine Reaktion. Was Dr. Willis anscheinend zum Ausdruck bringen wollte, ist, dass erstens Halluzinationen, die durch eine freiwillige oder unfreiwillige Hungerkur ausgelöst werden, sich leicht als religiöse Visionen deuten lassen, und dass zweitens Hunger in -diesem Leben die Hoffnung auf einen Ausgleich in einem anderen erweckt und somit womöglich einen Überlebensantrieb schafft …
Es ist in der Tat eine Ironie des Schicksals, dass die Erforschung der sogenannten bewusstseinserweiternden Drogen bewies, dass sie genau das Gegenteil bewirken — ein Nebenprodukt der Entdeckung der im Gehirn natürlich vorkommenden »apothetischen« Verbindungen. Die Entdeckung, dass selbst der glühendste Anhänger eines bestimmten Glaubens durch eine sorgfältig bemessene Dosis von 2-4-7-Orthoparatheosamin zur Annahme eines anderen Glaubens bewegt werden konnte, war womöglich der vernichtendste Schlag, den die Religion je hat hinnehmen müssen. Bis zur Ankunft von Starglider, versteht sich …
R. Gabor: Die pharmakologische Grundlage der Religion (Miskatonic University Press, 2069)
Starglider
Das Ereignis war mehr als hundert Jahre lang erwartet worden. Aber als es eintrat, war die Menschheit überrascht.
Das Radiosignal aus Richtung Alpha Centauri war so energiereich, dass es zuerst als Störgeräusch in den normalen, kommerziellen Funkkanälen registriert wurde. Das war eine Blamage für die Radioastronomen, die seit Jahrzehnten nach intelligenten Botschaften aus dem All lauschten — besonders da sie vor geraumer Zeit das Dreifachsystem Alpha, Beta und Proxima Centauri als unergiebig von aller weiteren Beachtung ausgeschlossen hatten.
Sofort wandte sich jedes Radioteleskop der südlichen Erdhalbkugel den Zentauren zu. Innerhalb weniger Stunden machte man eine weitere, noch sensationellere Entdeckung. Das Signal kam keineswegs aus dem Centaurus-System, sondern von einem Punkt, der ein halbes Grad seitwärts lag. Und die Signalquelle war in Bewegung.
Das war der erste Hinweis auf den wahren Hintergrund des Geschehens. Als an diesem kein Zweifel mehr bestand, kamen die Alltagsverrichtungen der Menschheit zu einem abrupten Stillstand.
Die Intensität des Signals überraschte nun niemand mehr; denn die Quelle befand sich bereits tief innerhalb des Sonnensystems und bewegte sich mit einer Geschwindigkeit von sechshundert Kilometern pro Sekunde auf die Sonne zu. Die lange erwarteten, lange gefürchteten Besucher aus dem Weltall waren endlich eingetroffen …
Aber dreißig Tage lang, während er an den äußeren Planeten vorbeistürzte, tat der Eindringling weiter nichts, als die eintönige Folge von Impulsen auszustrahlen, die weiter nichts besagten als: »Ich bin hier!« Er unternahm keinen Versuch, die Signale zu beantworten, mit denen man ihn bombardierte, noch modifizierte er seinen kometengleichen Kurs. Wenn er sich nicht bis unmittelbar vor seiner Entdeckung mit wesentlich höherer Geschwindigkeit bewegt hatte, dann musste seine Reise von den Zentauren zweitausend Jahre gedauert haben. Einige waren darob erleichtert, weil es darauf hinwies, dass es sich bei dem Eindringling um eine unbemannte Robotsonde handelte. Andere dagegen fühlten sich enttäuscht und empfanden die Abwesenheit echter, lebendiger Extraterrestrier als eine Antiklimax.
Das gesamte Spektrum der Möglichkeiten wurde in allen Kommunikationsmedien, in jedem Parlament der Menschheit bis zur Erschöpfung diskutiert. Jeder Handlungsentwurf, den die utopische Literatur je benutzt hatte, wurde ausgegraben und feierlich analysiert — von der Ankunft wohlwollender Götter bis zur Invasion blutsaugerischer Vampire. Lloyds in London kassierte immense Prämienzahlungen von Leuten, die sich gegen jede denkbare Spielart der Zukunft versichern wollten — darin eingeschlossen einige, in denen ihnen die Auszahlung der Versicherungssumme nichts mehr genützt hätte.