Fahrstuhl zu den Sternen
- Автор: Кларк Артур Чарльз
- Год: 2014
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 978-3-641-11624-8
- Переводчик: Klaus Mahn
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Fahrstuhl zu den Sternen». Краткое содержание книги:
Schließlich bekam er einen Sitz in einer der Gondeln. Unter lautem Seilgeknarre setzte sich das Gefährt in Bewegung. Zum zweiten Mal empfand Morgan das eigentümliche Gefühl des Vorherschauens. Der Fahrstuhl, den er plante, würde Ladungen befördern, die die Kapazität dieses primitiven Systems, das wahrscheinlich noch aus dem zwanzigsten Jahrhundert stammte, um ein Zehntausendfaches übertreffen. Und dennoch war das Prinzip seiner Arbeitsweise im Grunde genommen dasselbe.
Außerhalb der schaukelnden Gondel war es noch immer völlig finster, außer wenn ein Abschnitt der Treppe ins Blickfeld kam. Sie war verlassen und leer, als ob die zahllosen Millionen, die im Lauf dreier Jahrtausende sich hier hinaufgemüht hatten, keine Nachfolger hinterlassen hätten. Dann aber fiel Morgan ein, dass die, die den Aufstieg zu Fuß unternahmen, schon viel weiter oben sein mussten, wenn sie ihre Verabredung mit der Morgendämmerung einzuhalten gedachten. Sie hatten die tieferen Abhänge des Berges schon vor Stunden hinter sich gelassen.
In vier Kilometern Höhe wurde in eine andere Seilbahn umgestiegen. Das ging ziemlich rasch. Auf dem kurzen Weg von der einen Gondel zur anderen war Morgan nun wirklich froh, dass er die Hülle mitgebracht hatte, und wickelte sich fest in den metalldurchwirkten Stoff. Auf dem Boden lag Frost, und das Atmen in der dünnen Luft machte merklich Mühe. Es überraschte ihn keineswegs, in der kleinen Seilbahnhalle Gestelle mit Sauerstoffzylindern zu sehen, säuberlich mit Gebrauchsanweisung etikettiert.
Jetzt endlich, als sie den letzten Teil der Strecke in Angriff nahmen, kam die erste Ahnung des sich nähernden Tages. Die Sterne im Osten schimmerten noch immer mit unvermindertem Glanz — Venus der bei weitem hellste unter ihnen —, aber ein paar dünne, hohe Wolken begannen im Widerschein des nahenden Morgengrauens schwach zu glimmen. Morgan sah ungeduldig auf die Uhr und fragte sich, ob er noch zur rechten Zeit kam. Aber der Sonnenaufgang war noch dreißig Minuten entfernt.
Einer der Fahrgäste wies plötzlich auf die Treppe, von der Abschnitte immer wieder in Sicht kamen, während sie im Zickzack den jetzt immer steiler werdenden Berghang hinaufführte. Sie war nicht mehr leer. Dutzende von Männern und Frauen mühten sich mit Anstrengung die endlose Treppenflucht empor. Es wurden ihrer von Minute zu Minute mehr. Wie lange, dachte Morgan, waren sie schon unterwegs? Zumindest die ganze Nacht, womöglich auch noch länger. Unter den Pilgern befanden sich nämlich viele ältere Personen, die den Aufstieg unmöglich in einem Tag bewältigt haben konnten. Es überraschte ihn, dass es noch so viele Gläubige gab.
Einen Augenblick später sah er den ersten Mönch — eine hochgewachsene, in safrangelbes Tuch gekleidete Gestalt, die sich mit gleichmäßig pendelndem Gang bewegte, weder nach rechts noch nach links blickte und die über ihr dahinschwebende Gondel völlig ignorierte. Auch den Elementen schenkte der Gelbgekleidete mit dem kahl rasierten Schädel keine Beachtung: Trotz des eisigen Windes trug er die rechte Schulter und den Arm entblößt.
Die Gondel bremste, als sie sich der Endstation näherte. Sie hielt an, um die Passagiere zu entladen, setzte sich dann jedoch alsbald wieder talwärts in Bewegung. Morgan schloss sich einer Menge von etwa zwei- bis dreihundert Menschen an, die frierend in einem aus der Westwand des Berges gehauenen, kleinen Amphitheater hockten. Sie starrten in die Dunkelheit hinaus; aber es gab nichts zu sehen außer dem leuchtenden Band, das im Zickzack hinunter in die Tiefe kletterte. Ein paar verspätete Kletterer auf dem obersten Abschnitt der Treppe rafften noch einmal alle Kräfte zusammen, um den wichtigen Augenblick nicht zu versäumen.
Morgan warf abermals einen Blick auf die Uhr: zehn Minuten noch. Er hatte sich niemals zuvor in einem solch großen Kreis schweigender Menschen befunden. Dies war der Ort, an dem sich kameraschleppende Touristen und ergebene Pilger wieder vereinten. Die Wetterbedingungen waren ausgezeichnet. Bald würden sie wissen, ob sie die Reise umsonst unternommen hatten oder nicht.
Aus der Richtung des Tempels, der, noch immer unsichtbar in der Finsternis, einhundert Meter höher auf dem Gipfel des Berges stand, ertönte ein feines Klingeln. Im selben Augenblick erloschen alle Lampen längs der vielfach gewundenen Treppe. Die Besucher erkannten jetzt, während sie dem durch den Berg verdeckten Sonnenaufgang den Rücken zuwandten, dass der erste matte Schimmer des jungen Tages bereits auf den Wolken weit unter ihnen lag. Aber die gewaltige Masse des Berges zögerte den Anbruch der Dämmerung weiter hinaus.
Sekunde um Sekunde wuchs die Helligkeit zu beiden Seiten des Sri Kanda, während die Sonne in die letzten Verstecke der Nacht zu scheinen begann. Und plötzlich erhob sich unter der geduldig wartenden Menge ein leises Gemurmel.
Vor einem Augenblick war noch nichts zu sehen gewesen — aber jetzt materialisierte es plötzlich, ein vollkommen symmetrisches, scharf gezeichnetes Dreieck aus tiefstem Blau, das sich halbwegs über Taprobane hinweg erstreckte. Der Berg hatte seine Verehrer nicht vergessen; da war er, sein berühmter Schatten, ausgebreitet auf den Wolken, ein Symbol, das jeder Pilger für sich interpretieren mochte.
In seiner geradlinigen Vollkommenheit erschien er fast wie ein festes Gebilde, eine umgeworfene Pyramide, denn als ein Erzeugnis von Licht und Dunkelheit. Während die Helligkeit zunahm und die ersten Sonnenstrahlen über die Flanken des Berges fielen, schien der Schatten infolge der Kontrastwirkung noch an Dichte und Tiefe zu gewinnen. Aber durch den dünnen Schleier der Wolken, der seine Existenz überhaupt erst ermöglichte, konnte Morgan bereits die Seen und Hügel und Wälder des erwachenden Landes in ihren Umrissen erkennen.
Obwohl die Spitze des Dreiecks mit hoher Geschwindigkeit auf ihn zuschoss, während die Sonne hinter dem Berg senkrecht in die Höhe stieg, war Morgan sich keiner Bewegung bewusst. Die Zeit war abgeschafft. Morgan erlebte einen der seltenen Augenblicke seines Daseins, in denen er dem Verstreichen der Minuten keine Beachtung schenkte. Der Schatten der Ewigkeit lag auf seiner Seele wie der des Berges auf den Wolken.
Er schwand jetzt rasch, während die letzten Reste der Dunkelheit vom Sonnenlicht aufgesogen wurden. Die geisterhafte, schimmernde Landschaft ganz unten erwachte zur Wirklichkeit. Auf dem halben Weg zum Horizont gab es plötzlich eine Lichtexplosion, als die Sonne auf die Ostfenster eines Gebäudes traf. Und noch weiter draußen, falls seine Augen ihn nicht täuschten, erkannte Morgan undeutlich das dunkle Band an der See, die die Insel umschlang.
Für Taprobane war ein neuer Tag gekommen.
Langsam löste sich die Schar der Besucher auf. Manche kehrten zur Bergstation der Seilbahn zurück, während andere, die sich kräftiger fühlten, die Treppe in Angriff nahmen. Sie bildeten sich ein, der Abstieg sei leichter als der Aufstieg. Die meisten von ihnen würden froh sein, wenn sie auf der Zwischenstation wieder in die Seilbahn steigen konnten; nur ganz wenige würden die Treppe bis zum Fuß des Berges gehen.
Morgan war der Einzige, der aufwärts stieg. Neugierige Blicke folgten ihm, als er die Stufen hinaufstieg, die zu dem Kloster auf dem Gipfel des Berges hinaufführten. Als er die glatt vermörtelte äußere Mauer erreichte, die jetzt unter den ersten direkten Strahlen der Sonne sanft zu leuchten begann, war er völlig außer Atem und lehnte sich ein paar Augenblicke lang an die schwere, hölzerne Tür, um sich auszuruhen.