Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Kapitel 54
Ein Empfang für Flora MacDonald
River Run Plantage, 6. August 1774
Was sagte man nur zu einer Ikone? Oder zum Ehemann einer Ikone?
»Oh, ich werde in Ohnmacht fallen, das weiß ich genau.« Rachel Campbell wedelte so fest mit ihrem Fächer, dass sie einen spürbaren Windhauch erzeugte. »Was soll ich nur zu ihr sagen?«
»›Guten Tag, Mrs. MacDonald‹?«, schlug ihr Mann vor, und ein schwaches Lächeln lauerte in seinem verwitterten Mundwinkel.
Rachel versetzte ihm einen kräftigen Hieb mit ihrem Fächer, was ihn zum Glucksen brachte, während er ihr auswich. Obwohl er fünfunddreißig Jahre älter war als sie, legte Farquard Campbell im Umgang mit seiner Frau eine unbeschwerte, neckische Art an den Tag, die nicht zu seinem üblichen würdevollen Verhalten passte.
»Ich werde in Ohnmacht fallen«, erklärte Rachel erneut. Ihr Entschluss, dies als gesellschaftliche Strategie anzuwenden, schien endgültig festzustehen.
»Nun, du musst natürlich tun, was dir Freude macht, a nighean, aber wenn du es tust, wird Mr. Fraser derjenige sein müssen, der dich vom Boden aufhebt; meine alten Glieder sind dieser Aufgabe kaum gewachsen.«
»Oh!« Rachel warf einen raschen Blick auf Jamie, der sie anlächelte, dann verbarg sie ihr errötendes Gesicht hinter ihrem Fächer. Sie hegte zwar eine unübersehbare Zuneigung zu ihrem Mann, machte aber kein Geheimnis aus ihrer Bewunderung für den meinen.
»Euer ergebener Diener, Madam«, versicherte Jamie ihr ernst.
Sie kicherte. Ich möchte der Frau ja nicht unrecht tun, aber sie kicherte definitiv. Ich fing Jamies Blick auf und verbarg mein Lächeln hinter meinem Fächer.
»Und was werdet Ihr zu ihr sagen, Mr. Fraser?«
Jamie spitzte die Lippen und blinzelte nachdenklich in die strahlende Sonne, die durch die Ulmen am Rand der großen Rasenfläche von River Run strömte.
»Oh, ich könnte vielleicht sagen, dass ich mich freue, dass sie diesmal schönes Wetter hat. Bei unserer letzten Begegnung hat es geregnet.«
Rachel stand der Mund offen, und ihr Fächer fiel zu Boden und landete hüpfend auf dem Rasen. Ihr Mann bückte sich, um ihn für sie aufzuheben, und stöhnte dabei, doch sie hatte keine Aufmerksamkeit für ihn übrig.
»Ihr seid ihr begegnet?«, rief sie mit vor Aufregung weit aufgerissenen Augen. »Wann denn? Wo? Mit dem Prin… mit ihm?«
»Äh, nein«, antwortete Jamie lächelnd. »Auf Skye. Ich war mit meinem Vater dort – es ging um Schafe. In Portree sind wir zufällig Hugh MacDonald of Armadale begegnet – Miss Floras Stiefvater, aye? Er hatte sie in den Ort mitgebracht, um ihr eine Freude zu machen.«
»Oh!« Rachel war verzaubert. »Und war sie so schön und anmutig, wie alle sagen?«
Jamie runzelte die Stirn und überlegte.
»Nun, nein«, erwiderte er. »Aber sie hatte damals eine schreckliche Grippe und hätte gewiss ohne die rote Nase sehr viel vorteilhafter ausgesehen. Anmutig? Nun, das würde ich eigentlich nicht sagen. Sie hat mir ein Pastetchen aus der Hand geschnappt und es gegessen.«
»Und wie alt seid ihr beide da gewesen?«, fragte ich, als ich sah, dass sich Rachels Mund zu einer Miene des Entsetzens verzog.
»Oh, sechs etwa«, erklärte er fröhlich. »Oder sieben. Ich würde mich wahrscheinlich kaum daran erinnern, wenn ich sie nicht vor das Schienbein getreten hätte, als sie mich bestohlen hat, und sie mich nicht an den Haaren gezogen hätte.«
Rachel, die sich jetzt ein wenig von ihrem Schreck erholte, bedrängte Jamie, noch weitere Erinnerungen zu erzählen, doch er wich ihren Bitten scherzhaft aus.
Natürlich war er vorbereitet zu dieser Gelegenheit erschienen; auf dem ganzen Gelände wurden Geschichten aus den Tagen vor Culloden ausgetauscht – lustige, bewunderungsvolle, sehnsuchtsvolle Geschichten. Merkwürdig, dass es Charles Stuarts Niederlage und seine schändliche Flucht waren, die eine Heldin aus Flora MacDonald machten und diese Exilschotten auf eine Weise einten, die sie niemals erreicht – und schon gar nicht aufrechterhalten – hätten, hätten sie tatsächlich gewonnen.
Mir kam plötzlich der Gedanke, dass Charlie wahrscheinlich noch am Leben war und sich still und leise in Rom zu Tode soff. Doch was die Wirklichkeit anging, so war er für diese Menschen, die ihn entweder geliebt oder gehasst hatten, längst gestorben. Der Bernstein der Zeit hatte ihn für ewig in jenem einen entscheidenden Augenblick seines Lebens eingeschlossen – Bliadha Tearlach. Das bedeutete »Charlies Jahr«, und selbst jetzt noch hörte ich oft, wie die Leute es so nannten.
Es war natürlich Floras Ankunft, die diese Nostalgiewelle hervorrief. Wie seltsam für sie, dachte ich mit einem Stich des Mitgefühls – und fragte mich zum ersten Mal, was ich wohl selbst zu ihr sagen würde.
Ich war schon öfter Berühmtheiten begegnet – nicht zuletzt dem Bonnie Prince selbst. Doch bis jetzt waren diese Begegnungen immer Teil ihres – und meines – normalen Lebens gewesen. Sie hatten jene entscheidenden Ereignisse, die sie berühmt machen würden, noch nicht erlebt, und noch waren sie einfach nur Menschen. Abgesehen von Louis – aber er war natürlich ein König. Es gibt eine geregelte Etikette für den Umgang mit Königen, denn ihnen nähert man sich nicht wie normalen Menschen. Nicht einmal, wenn –
Ich öffnete abrupt meinen Fächer, denn das Blut schoss mir heiß durch Gesicht und Körper. Ich atmete in tiefen Zügen und gab mir Mühe, nicht ganz so hektisch zu fächeln wie Rachel, obwohl ich es gern getan hätte.
Nicht ein einziges Mal hatte ich in all den Jahren, seit es geschehen war, an diese zwei oder drei Minuten körperlicher Intimität mit Louis von Frankreich zurückgedacht. Ganz bestimmt nicht bewusst, aber genauso wenig durch Zufall.
Und doch hatte mich die Erinnerung daran plötzlich gepackt, so plötzlich wie eine Hand, die aus der Menge kam, um meinen Arm zu ergreifen. Meinen Arm zu ergreifen, meine Röcke zu heben und auf eine Weise in mich einzudringen, die noch erschreckender und aufdringlicher war als das Erlebnis selbst.
Die Luft ringsum war von Rosenduft durchtränkt, und ich hörte das Ächzen des Korsetts, als sich Louis mit seinem Gewicht darauf stützte, hörte seinen Seufzer des Vergnügens. Das Zimmer war dunkel, nur von einer Kerze erhellt; diese flackerte am Rand meines Gesichtsfeldes und wurde dann ausgelöscht durch den Mann zwischen meinen …
»Himmel, Claire! Ist dir nicht gut?« Gott sei Dank war ich nicht hingefallen. Ich war rückwärts gegen die Außenmauer von Hector Camerons Mausoleum getaumelt, und Jamie, der das sah, hatte einen Satz nach vorn gemacht, um mich aufzufangen.
»Loslassen«, sagte ich atemlos, aber gebieterisch. »Lass mich los!«
Er hörte den Unterton des Schreckens in meiner Stimme und lockerte seinen Griff, konnte sich aber nicht dazu überwinden, mich ganz loszulassen, damit ich nicht doch noch hinfiel. Mit der Energie schierer Panik richtete ich mich auf und riss mich von ihm los.
Ich roch immer noch Rosen. Nicht den widerwärtigen Duft von Rosenöl – frische Rosen. Dann kam ich zu mir und begriff, dass ich neben einer riesigen gelben Heckenrose stand, die so gestutzt war, dass sie über den weißen Marmor des Mausoleums kletterte.
Es war beruhigend zu wissen, dass die Rosen echt waren, aber ich fühlte mich, als balancierte ich am Rand eines gewaltigen Abgrunds, allein, von jeder anderen Seele im Universum isoliert. Jamie stand so dicht bei mir, dass ich ihn hätte berühren können, und doch war es, als befände er sich in unermesslicher Ferne.
Dann berührte er mich und sagte beharrlich meinen Namen, und ebenso plötzlich, wie sie sich geöffnet hatte, schloss sich die Lücke zwischen uns, und ich fiel ihm geradezu in die Arme.
»Was ist denn, a nighean?«, flüsterte er und hielt mich an seiner Brust. »Was hat dir Angst gemacht?« Auch sein Herz hämmerte an meinem Ohr; ich hatte ihm ebenfalls einen Schrecken eingejagt.