Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #4
- Год: 2017
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Roger hockte sich hin und lächelte ein widerstrebendes Kleinkind an, das am Rock seiner Mutter hing. Es war nicht älter als zwei, trug noch ein Kittelchen, hatte weiche, wilde, blonde Locken, und sein dicker, kleiner Mund war in ängstlicher Ablehnung sämtlicher Vorgänge um ihn herum verzogen.
»Komm schon, Mann«, sagte Roger leise und streckte ihm einladend die Hand hin. Es kostete ihn keine Mühe mehr, seinen Akzent in Schach zu halten; sein übliches, gepflegtes Oxbridge hatte sich zu dem sanfteren Highlanddialekt verschliffen, mit dem er aufgewachsen war und den er jetzt benutzte, ohne bewusst darüber nachzudenken. »Deine Mama kann dich jetzt nicht hochheben; komm mit mir.«
Der Kleine schniefte voller Misstrauen und sah ihn finster an, gestattete ihm aber, die kleinen Schmutzfinger von den Rockschößen seiner Mutter abzupellen. Roger trug den kleinen Jungen über das Deck, gefolgt von der schweigenden Frau. Sie blickte zu ihm hoch, als er ihr die Leiter herunterhalf, ihre Augen gebannt auf die seinen gerichtet; ihr Gesicht verschwand in der Dunkelheit wie ein weißer Stein, den man in einen Brunnen wirft, und er wandte sich mit dem beklommenen Gefühl ab, als hätte er jemanden dem Ertrinken überlassen.
Als er sich wieder seiner Arbeit zuwandte, sah er eine junge Frau, die gerade über dem Kai auftauchte. Sie war das, was man ein Prachtmädchen nannte – nicht schön, aber lebhaft und hübsch gebaut, und sie hatte etwas an sich, das die Blicke auf sich zog.
Vielleicht war es nur ihre Haltung; aufrecht wie ein Lilienstengel inmitten der gekrümmten und durchhängenden Rücken um sie herum. Oder ihr Gesicht, in dem Anspannung und Unsicherheit zu sehen waren, das aber dennoch vor Neugier leuchtete. Sie war eine Wagemutige, dachte er, und sein Herz – das vom Anblick der vielen niedergeschlagenen Gesichter unter den Emigranten bedrückt war – wurde bei ihrem Anblick leichter.
Sie zögerte beim Anblick des Schiffes und der Menschenmenge, die es umgab. Ein hochgewachsener, blonder, junger Mann begleitete sie, ein Baby auf dem Arm. Er berührte beruhigend ihre Schulter, und als sie zu ihm aufblickte, erleuchtete ihrerseits ein Lächeln ihr Gesicht, als entzündete sich ein Streichholz. Während er sie beobachtete, spürte Roger einen leichten Stich von etwas, das hätte Neid sein können.
»Hey, MacKenzie!« Der Ruf des Bootsmanns riss ihn aus seinen Gedanken. Der Bootsmann deutete mit seinem Kopf nach hinten. »Da wartet noch Fracht – und die spaziert nicht von alleine an Bord!«
Als sie erst einmal eingeschifft und auf See waren, verlief die Reise einige Wochen lang störungsfrei. Das stürmische Wetter, das ihren Exodus aus Schottland begleitet hatte, flaute zu gutem Wind und rollendem Seegang ab, und als unmittelbare Wirkung wurde zwar die Mehrheit der Passagiere seekrank, doch auch dieses Problem ließ mit der Zeit nach. Der Gestank von Erbrochenem aus dem Zwischendeck legte sich und schwand zu einem Unterton in der Symphonie des Gestanks an Bord der Gloriana dahin.
Roger war mit einem ausgeprägten Geruchssinn zur Welt gekommen, ein Attribut, das er auf engem Raum als deutlichen Nachteil empfand. Doch auch die schärfste Nase gewöhnte sich mit der Zeit an alles, und innerhalb eines Tages nahm er nur noch die allerungewohntesten Gerüche wahr.
Glücklicherweise litt er nicht selbst an der Seekrankheit, obwohl seine Erfahrungen unter den Heringsfischern ihn gelehrt hatten, das Wetter ernst zu nehmen, ihn das beunruhigende Bewusstsein des Seemannes gelehrt hatte, dass sein Leben davon abhängen konnte, ob heute die Sonne schien.
Seine neuen Schiffskameraden waren nicht freundlich, doch sie waren ihm auch nicht feindlich gesinnt. Ob es sein »Teuchter«-Akzent von den Inseln war – denn die meisten Matrosen auf der Gloriana sprachen Englisch und kamen aus Dingwall oder Peterhead –, die seltsamen Ausdrücke, die er manchmal benutzte, oder einfach nur seine Körpergröße, sie betrachteten ihn aus einem gewissen, wachsamen Abstand. Keine offene Abneigung – seine Größe verhinderte das –, aber doch Abstand.
Ihre Kühle beunruhigte Roger nicht. Er war ganz zufrieden damit, seinen Gedanken überlassen zu sein, seinen Verstand weit abschweifen lassen zu können, während sein Körper die tägliche Runde der Dienste an Bord erledigte. Es gab genug, worüber er nachdenken konnte.
Er hatte sich nicht nach dem Ruf der Gloriana oder ihres Kapitäns erkundigt, bevor er sich verdingte; er wäre mit Kapitän Ahab gesegelt unter der einen Bedingung, dass der Herr nach North Carolina unterwegs war. Doch aus den Gesprächen der Besatzung schloss er, dass Bonnet als guter Kapitän bekannt war; hart, aber fair, und ein Mann, dessen Reisen immer Gewinn abwarfen. Für die Seeleute, von denen viele gegen eine Gewinnbeteiligung statt eines Lohns mitfuhren, war Letzteres ganz klar ein mehr als ausreichender Ausgleich für eventuelle kleine Defekte in seinem Charakter oder Verhalten.
Nicht, dass Roger irgendwelche offenen Beweise für solche Defekte gesehen hätte. Doch ihm fiel auf, dass Bonnet immer dastand, als habe man einen unsichtbaren Kreis um ihn herum gezogen, einen Kreis, den nur wenige zu betreten wagten. Nur der Erste Maat und der Bootsmann sprachen direkt mit dem Kapitän; die Besatzungsmitglieder hielten die Köpfe gesenkt, wenn er vorbeiging. Roger erinnerte sich an die kühlen, grünen Leopardenaugen, die ihn von oben bis unten betrachtet hatten; kein Wunder, dass niemand deren Aufmerksamkeit erregen wollte.
Doch die Passagiere interessierten ihn mehr als die Besatzung oder der Kapitän. Normalerweise war von ihnen nicht viel zu sehen, doch zweimal täglich durften sie kurz an Deck kommen, um ein wenig Luft zu schnappen, ihre Nachttöpfe über die Reling zu entleeren – denn die Schiffslatrinen waren so vielen Benutzern auch nicht annähernd gewachsen – und die kleinen Wasserrationen nach unten zu tragen, die jeder Familie sorgsam zugeteilt wurden. Roger freute sich auf ihr kurzes Auftauchen und versuchte, es so einzurichten, dass er so oft wie möglich an jenem Ende des Decks beschäftigt war, an dem sie ihren kurzen Freigang abhielten.
Sein Interesse war sowohl beruflicher als auch persönlicher Natur; ihre Anwesenheit weckte seinen Historikerinstinkt, und ihre einfachen Gespräche trösteten ihn in seiner Einsamkeit. Hier war die Saat des neuen Landes, das Erbe des alten. Was diese armen Emigranten wussten, was ihnen lieb und teuer war, das war es, was überdauern und überliefert werden würde.
Wenn man das schottische Kulturgut mit der Hand verlas, dachte er, dann würden solche Dinge wie das Rezept gegen Warzen wahrscheinlich nicht darin auftauchen, das eine ältere Frau gerade ihrer geduldigen Schwiegertochter vorpredigte (»Ich hab’s dir doch gesagt, Katie Mac, und warum du einfach so meine schöne, getrocknete Kröte dagelassen hast, obwohl du Platz für all den Unfug hattest, auf dem wir Tag und Nacht rumhocken und den wir uns unterm Hintern vorziehen …«), doch auch das würde bleiben, zusammen mit den Folksongs und den Gebeten, mit den gewebten Wollstoffen und den keltischen Mustern ihrer Kunst.
Er sah seine eigene Hand an; er erinnerte sich lebhaft daran, wie Mrs. Graham einmal eine große Warze an seinem Mittelfinger mit einer Substanz eingerieben hatte, von der sie sagte, dass es getrocknete Kröte war. Er grinste und rieb sich mit dem Daumen über die Stelle. Musste funktioniert haben; er hatte nie wieder eine bekommen.
»Sir«, sagte eine leise Stimme neben ihm. »Sir, dürfen wir hingehen und das Eisen anfassen?«
Er blickte herab und lächelte das kleine Mädchen an, das zwei noch kleinere Brüder an den Händen hielt.
»Aye, a leannan«, sagte er. »Geht nur; gebt aber auf die Männer acht.«
Sie nickte, und die drei trippelten davon. Sie blickten ängstlich um sich, um sicherzugehen, dass sie niemandem im Weg waren, bevor sie hochkrabbelten, um das Hufeisen zu berühren, das als Glücksbringer an den Mast genagelt war. Eisen bedeutete Schutz und Heilung; die Mütter schickten oft ihre kranken Kinder, damit sie es berührten.