Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
Bei einer seiner Wendungen zeigte der Hai sein weit aufgerissenes Maul auf Höhe des Schandecks, und Surcouf nahm ein Ei aus dem Proviantkorb, den der Gastgeber ihm als Geschenk mitgegeben hatte, und warf es mit aller Kraft in den offenen Rachen. Das Wurfgeschoss glitt in den Schlund des Riesenfischs wie ein appetitliches Hors-d’œuvre, das der Hai sich offenbar schmecken ließ, denn daraufhin klappte er seinen Kiefer zu, tauchte ab und verschwand in der Tiefe.
Als die Gefahr vorbei war, lachten alle über das Scharmützel und ganz besonders über das Geschoss, das dem Vielfraß[5] das Maul gestopft hatte, und sie nahmen sich vor, ihm bei der nächsten Begegnung ein veritables Omelett zu servieren.[6]
Surcouf hatte sein viertes Gefecht hinter sich, seit er die Île de France verlassen hatte, und seine Mannschaft war auf siebzig Mann geschrumpft. Er beschloss, sofern René einverstanden war, zur Île de France zurückzufahren.
René konnte sich nichts Besseres wünschen.
Am 26. Mai überquerten die Revenant und die Runner of New York den Äquator und kehrten in die nördliche Hemisphäre zurück.
Am 20. Juni riefen die Männer im Ausguck beim ersten Tageslicht: »Land in Sicht!«
Als die Sonne den Horizont erreichte, wurden die Gebirge in der Ferne sichtbar, und am nächsten Tag befanden sich die Schiffe zur gleichen Stunde zwischen Flacq und der Île d’Ambre.
Dann sahen sie die Bucht, vor der die Saint-Géran gekentert war, und da keine englischen Schiffe die Zufahrt zur Insel erschwerten, lenkte Surcouf seine kleine Flotte zur Île Plate und manövrierte sie zwischen ihr und dem Point-de-Mire hindurch. Sobald er diese Untiefen hinter sich hatte, nahm er Kurs auf die Pavillons-Anlegestelle.
Auf Höhe der Baie du Tombeau kam der Lotse an Bord und erklärte ihm, dass aufgrund des bevorstehenden Krieges zwischen Frankreich und England keine englischen Schiffe vor der Insel kreuzten.
Surcouf, René und ihre zwei Prisenschiffe konnten also ungehindert in den Hafen von Port-Louis einfahren und am Quai Chien-de-Plomb vor Anker gehen.
84
Besuch beim Gouverneur
Für die ganze Île de France bedeutete die Rückkehr Surcoufs und Renés mit so gewaltigen Prisen einen Freudentag.
Unter allen französischen Kolonien ist die Île de France die dem Mutterland vielleicht am engsten verhaftete. Ein französischer Dichter – er dichtet in Prosa, doch das tat auch Chateaubriand – hatte ihr mit seinem Roman Paul und Virginie einen poetischen und literarischen Firnis verliehen, der sie doppelt zur Tochter der Metropole Paris machte. Ihre wackeren, abenteuerlustigen, einfallsreichen und liebevollen Siedler waren voller Bewunderung für die großen Ereignisse, die wir in Frankreich erlebt, und die großen Kriege, die wir geführt hatten. Sie liebten uns nicht nur des Nutzens wegen, den ihnen Schiffe und Waren brachten, die wir bei ihnen verkauften, sondern auch, weil es ihre Wesensart ist, alles Großartige zu lieben und zu bewundern.
Seit nunmehr sechzig Jahren heißt die Île de France Mauritius und gehört zu England. Seit sechzig Jahren sind drei Generationen vergangen, und noch heute ist die Île de France in ihrem Herzen ebenso französisch, wie sie es war, als das Lilienbanner oder die Trikolore über Port Louis und Port Bourbon flatterten.
Nun denn, heute, da die Namen all jener bretonischen und normannischen Helden fast ganz aus unserem Gedächtnis geschwunden sind und wir uns nur undeutlich an einen Surcouf, einen Cousinerie, einen L’Hermite, einen Hénon oder Le Gonidec erinnern, gibt es in ganz Port Louis kein einziges Kind, das nicht ihre Name auswendig aufsagen und ihre Taten berichten könnte – Taten, neben denen die der Flibustiere im Golf von Mexiko verblassen müssen. Und im Unglück fanden unsere Seeleute auf der Île de France ebenso warmherzige Aufnahme wie im Glück. Wie oft räumte ihnen nicht auf ihre bloße Unterschrift der bekannte Bankier Monsieur Rondeau die Möglichkeit ein, ihren Verlust wettzumachen und ihre Schiffe für zweihunderttausend oder sogar zweihundertfünfzigtausend Francs ausbessern zu lassen?
Zweifellos waren unsere wackeren Seeleute untereinander von größter Solidarität, und wenn einer seine Verpflichtungen nicht erfüllen konnte, kamen ihm zehn andere zu Hilfe.
René, der den Seemannsstand so eingehend erkundet hatte, der jeder Gefahr die Stirn bot und der wusste, welch ausgezeichneten Rat für seine Laufbahn Monsieur Fouché ihm gegeben hatte, wusste auch, dass er mit dem höchsten Lob seiner Vorgesetzten zum Leutnant auf einem Kriegsschiff der kaiserlichen Marine ernannt worden wäre, wenn er nur die Hälfte dessen, was er als erster Offizier bei Surcouf oder als Kapitän seiner eigenen kleinen Slup vollbracht hatte, als erster Offizier an Bord eines Schiffs der französischen Kriegsmarine geleistet hätte.
Doch was er geleistet hatte, hatte er vor den Augen eines Mannes getan, dessen Herz nicht einmal der Schatten eines Neidgefühls streifte. Surcouf, dem die Leitung einer Fregatte angeboten worden war, kannten und schätzten alle Offiziere der französischen Marine. Eine Empfehlung aus seinem Mund konnte René den Weg auf jedes Schiff ebnen; René musste lediglich nach Europa zurückkehren und unter einem der herausragenden Kapitäne Dienst tun, die Schiffe wie die Tonnant, die Redoutable, Bucentaure, Fougueux, L’Achille oder die Téméraire befehligten. Dafür würde er eine Empfehlung Surcoufs benötigen, die dieser ihm sicherlich nicht verweigern würde.
Surcouf war mit General Decaen, dem Gouverneur der Île de France, bekannt; er besuchte ihn und bat ihn um eine Audienz am nächsten Tag für einen seiner tapfersten Offiziere, der nach Frankreich zurückkehren wollte, um an den Kämpfen teilzunehmen, die sich auf die Meere Spaniens und des Nordens verlagerten. Er erzählte dem Gouverneur mit aller Begeisterung, die ihm zu Gebote stand, wie René sich beim Kapern der Standard geschlagen hatte und dass er seinen Anteil an der Prise geopfert hatte, um zwei junge Französinnen, deren Vater an Bord ebendieses Schiffes umgekommen war, nach Birma zu bringen.
Birma, in verschiedene Königreiche unterteilt, war nicht nur in Europa so gut wie unbekannt, sondern auch auf der Île de France, obwohl es sich lohnte, dieses Land zu kennen, das fast als Einziges dem Druck Englands widerstanden hatte.
General Decaen erwiderte, er werde sich glücklich schätzen, den tapferen Mann zu empfangen, den Surcouf ihm empfahl.
Am nächsten Tag fand sich René zur vereinbarten Stunde bei dem Gouverneur ein; er nannte dem Türsteher seinen Namen, doch dieser zögerte, ihn einzulassen. Das Zögern entging René nicht, und er fragte den Türsteher nach dem Grund.
»Sind Sie wirklich der erste Offizier Monsieur Surcoufs und der Kapitän der Runner of New York?«
»Der bin ich allerdings.«
Das Zögern des guten Mannes war umso begreiflicher, als die Uniform bei Korsaren nicht obligatorisch war und René sich nach der Mode der Zeit gekleidet hatte, mit jener angeborenen Eleganz, die er nicht ablegen konnte, selbst wenn er sich bemüht hätte, die Klasse zu verbergen, in der er geboren und aufgewachsen war. Da er sich nicht weiter Gedanken um sein Auftreten auf der Île de France gemacht hatte, war er so gekleidet, als wollte er die Gräfin von Sourdis oder Madame Récamier besuchen.
General Decaen, dem ein Monsieur René, erster Offizier bei Surcouf, angekündigt wurde, erwartete einen Seebären, einen vierschrötigen Kerl mit borstigem Haupthaar, ungepflegtem Kinn- und Backenbart und in einer Aufmachung, die eher malerisch als elegant war. Stattdessen sah er einen schönen jungen Mann mit blassem Teint, sanftem Blick, lockigem Haar, tadellosen Handschuhen und mit dem Anflug eines Schnurrbarts.
5
Das ist der bildhafte Spitzname der Matrosen für den Haifisch.
6
M. Ch. Cunat (Histoire de Robert Surcouf).