Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
General Decaen hatte sich erhoben, als Monsieur René angekündigt wurde, doch als er ihn erblickte, blieb er sprachlos stehen.
René hingegen trat mit der Ungezwungenheit eines Mannes von Welt auf ihn zu, der es gewohnt ist, in den vornehmsten Salons zu verkehren, und begrüßte den General mit vollendeter Anmut.
»Monsieur«, sagte der General voller Erstaunen, »sind Sie der Mann, von dem unser wackerer Korsar Surcouf mir gestern erzählt hat?«
»Du lieber Himmel«, sagte René, »General, Sie machen mir Angst. Wenn er Ihnen etwas anderes vorgegaukelt hat als einen schlichten Burschen von vier- bis fünfundzwanzig Jahren, der in seinem Gewerbe nicht sonderlich kundig ist, da er es erst seit einem Jahr ausübt, ziehe ich mich jederzeit gerne zurück und räume ein, dass ich das Interesse nicht verdiene, das mir auf seine Empfehlung hin entgegenzubringen Sie die Güte hatten.«
»Nein, Monsieur«, erwiderte der General, »meine Verwunderung hat nichts Kränkendes, sondern ist die wortlose Anerkennung, die ich Ihnen als Mann und als Weltmann zolle. Bisher war ich des Glaubens, Korsar könne nur sein, wer mit jedem Wort einen Fluch äußert, seinen Hut schief trägt und mit gespreizten Beinen geht, als wäre er keinen festen Boden unter den Füßen gewohnt; verzeihen Sie mir, dass ich mich so geirrt habe, und sagen Sie mir, welchem Glücksfall ich die Ehre Ihres Besuchs verdanke.«
»General«, sagte René, »Sie können mir einen großen Gefallen erweisen; Sie können mir zu einem ehrenvollen und geziemenden Tod verhelfen.«
»Sie wollen sterben, Monsieur«, sagte der General, der ein Lächeln unterdrücken musste, »in Ihrem Alter, mit Ihrem Vermögen, Ihrer Eleganz, mit den Erfolgen, die Sie in der vornehmen Welt zweifellos bereits hatten und noch haben werden! Sie belieben zu scherzen...«
»Fragen Sie Surcouf, ob ich im Angesicht des Gegners nicht mit allen Kräften den Tod suche.«
»Monsieur, Surcouf hat mir die unglaublichsten Dinge von Ihrem Mut, Ihrer Gewandtheit und Ihrer Kraft berichtet; und deshalb bezweifelte ich, als ich Sie sah, dass Sie derjenige seien, von dem man mir erzählt hatte, denn Surcouf hat mir nicht nur von Ihrem Mut angesichts menschlicher Gegner berichtet, sondern von einem noch weit selteneren Mut, dem angesichts wilder Tiere. Wenn man ihm Glauben schenken will, haben Sie in Ihren jungen Jahren Taten vollbracht, die den zwölf Taten des Herakles in nichts nachstehen.«
»Mein Verdienst ist denkbar gering, General; wer den Tod nicht nur nicht fürchtet, sondern es als größtes Glück sähe, ihn zu finden, ist so gut wie unbesiegbar, sieht man von einer unberechenbaren Kugel ab. Zudem hatte ich nur mit Tigern zu tun, und der Tiger ist zwar grausam, aber feige. Jedes Mal wenn ich mich einer dieser Raubkatzen gegenübersah, habe ich sie mit dem Blick fixiert, bis sie den Blick senken musste. Ob Mensch oder Tier, wer den Blick senken muss, ist der Besiegte.«
»Wahrhaftig, Monsieur«, sagte der General, »ich bin entzückt, Sie kennenzulernen, und wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen, mit mir zu speisen, werde ich Sie mit Madame Decaen bekannt machen und Sie bitten, meinem Sohn die Hand zu geben und ihm einige Ihrer Jagdabenteuer zu erzählen.«
»Ich nehme Ihre Einladung mit Vergnügen an, General; einem armen Teufel von Matrosen widerfährt selten genug die Ehre, mit einem Mann Ihres Ranges zu tun zu haben.«
»Armer Teufel von einem Matrosen«, wiederholte der General lachend, »der als Prisenanteil den Betrag von fünfhunderttausend Francs erhält! Erlauben Sie mir zu sagen, dass Sie zumindest in finanzieller Hinsicht alles andere als ein armer Teufel sind.«
»Das erinnert mich an etwas, was ich Ihnen zu sagen vergaß, General, dass ich nämlich das Gewerbe des Korsaren nur als Liebhaberei ausübe und deshalb meine Prisenanteile auf wohltätige Zwecke zu verwenden pflege. Von meinen fünhunderttausend Francs überlasse ich meinen Kameraden vierhunderttausend; gestatten Sie mir, Ihnen die verbliebenen hunderttausend zu überantworten, damit Sie sie an notleidende Franzosen verteilen, die in ihre Heimat zurückkehren wollen, oder an verarmte Seemannswitwen. Gestatten Sie es?«
Und bevor der General Zeit gehabt hätte zu antworten, beugte René sich über einen Tisch, ergriff ein Blatt Papier und schrieb mit überaus aristokratischer Handschrift folgende Notiz von ziemlich aristokratischem Geist:
Monsieur Rondeau, Bankier
Rue du Gouvernement in Port Louis
Monsieur, haben Sie die Güte, auf bloßes Vorlegen dieser Zahlungsanweisung Monsieur General Decaen, Gouverneur der Île de France, den Betrag von hunderttausend Francs auszuzahlen. Er weiß, wozu das Geld zu verwenden ist.
Port Louis, 23. Juni 1805.
General Decaen nahm den Zettel und las ihn.
»Aber bevor ich von diesem Schreiben Gebrauch mache, sollte ich den Verkauf Ihrer Prise abwarten.«
»Das ist unnötig, General«, erwiderte René gelassen, »ich habe bei Monsieur Rondeau Kredit für einen Betrag in dreifacher Höhe dessen, was ich ihn an Sie auszuzahlen bitte.«
»Dann seien Sie so gut, ihn vorher benachrichtigen zu lassen.«
»Das ist nicht nötig; die Auszahlung erfolgt auf bloße Vorlage des Schreibens, und Monsieur Rondeau wurde von meinem Pariser Bankier Monsieur Perrégaux ein Doppel meiner Unterschrift übermittelt.«
»Haben Sie seit Ihrer Rückkehr Monsieur Rondeau gesehen oder ihm ihre Ankunft mitteilen lassen?«
»Ich habe nicht die Ehre, ihn zu kennen, General.«
»Würden Sie ihn gern kennenlernen?«
»Mit größtem Vergnügen, General; er gilt als äußerst liebenswürdiger Mann.«
»Das ist er. Würden Sie gerne heute mit ihm zusammen bei mir speisen?«
»General, wenn er zu Ihren Freunden zählt, wüsste ich nicht, was dagegen spräche.«
In diesem Augenblick trat Madame Decaen ein, und René erhob sich.
»Madame«, sagte der General, »darf ich Ihnen Monsieur René vorstellen, den ersten Offizier Kapitän Surcoufs, der so nobel gekämpft und dabei wahrscheinlich unserem Freund aus Saint-Malo die Freiheit und das Leben gerettet hat? Er erweist uns die Ehre, heute mit seinem Bankier Monsieur Rondeau bei uns zu speisen, auf den er mir einen Wechsel über hunderttausend Francs ausgestellt hat, die ich auf Almosen für verarmte Franzosen und Seemannswitwen verwenden soll. Dieser frommen Aufgabe werden Sie nachkommen, Madame; danken Sie Monsieur René und lassen Sie ihn Ihre Hand küssen.«
Madame Decaen reichte René voller Verblüffung die Hand; René neigte sich über die Hand, berührte sie mit der Fingerspitze und gleichzeitig mit den Lippen, trat einen Schritt zurück und verneigte sich zugleich zum Abschied.
»Aber Monsieur«, sagte der General, »Sie vergessen, dass Sie mich um etwas bitten wollten!«
»Oh«, sagte René, »nun, da ich die Ehre haben werde, Sie später am Tag wiederzusehen, gestatten Sie mir, Sie einstweilen nicht länger aufzuhalten.«
Er verneigte sich vor dem General, der vor Verblüffung sprachlos war, vor Madame Decaen, die noch verblüffter war als ihr Ehemann, und ging, während die beiden einander ratlos anblickten und in den Augen des anderen nach der Erklärung dieses befremdlichen Rätsels suchten.
General Decaen folgte René auf dem Fuß zu Surcouf, den er einlud, mit seinem ersten Offizier und dem Bankier Monsieur Rondeau bei ihm zu speisen.
Der General hatte vergessen, René die Essenszeit zu nennen: zwischen halb vier und vier Uhr nachmittags.
Kaum war General Decaen gegangen, suchte Surcouf René in seiner Kabine auf. »Was ist geschehen, lieber Freund?«, fragte er ihn. »Der Gouverneur hat mich soeben mit dir und Rondeau zum Essen eingeladen.«