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Kerker und Ketten

Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:

Der Pfeifer und seine Freunde quälen sich in den Steinbrüchen von El Mengub. Schon haben sie den sicheren Tod vor Augen, da dürfen sie neue Hoffnung schöpfen: die Piratin Marina, in schmerzlicher Haßliebe an Michel Baum gekettet, versucht, die Gefangenen zu befreien. Doch bald wird sie selbst von Sklavenhändlern verschleppt, und nun ist es an Michel, sie zu suchen. Aber der Bej von Tunis hält ihn fest, und erst eine Palastrevolution schafft ganz neue Verhältnisse. Doch Marina bleibt verschwunden.
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
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»Carlos, es bleibt uns nichts weiter übrig, als einen Ausfall zu Pferde zu machen und wie ein Ungewitter über die Janitscharen zu kommen. Sonst geht es uns allen an den Kragen. Sag Bescheid, daß sich die ändern zu den Pferden begeben sollen. Ich werde hier noch ein wenig schießen, damit wir nicht zu früh unsere Absicht verraten. Betet ein Vaterunser. Es könnte unter Umständen das letzte sein.« Deste nickte und gab die Botschaft weiter.

»Ihr bleibt natürlich hier, Marina«, befahl Michel. »Für Frauen ist ein Kavallerieangriff nicht das Geeignete«, versuchte er zu scherzen.

»Seit wann seid Ihr so besorgt um mich? Sagtet Ihr nicht oft, ich solle zur Hölle gehen? Nun, jetzt ist dazu die beste Gelegenheit.«

»Macht keine Dummheiten«, warnte Michel. »Ich möchte nicht, daß es nachher heißt, Ihr wärt durch meine Anweisung in den Tod gejagt worden.«

»Ich möchte den sehen, dessen Anweisung mich in meiner Handlungsweise beeinträchtigen würde. Ich reite mit.«

Michel zuckte die Achseln.

»Tut, was Ihr nicht lassen könnt!«

Marina war schon verschwunden.

Michel schoß noch einigemal Dann zog auch er sich zu den Pferden zurück. Marina, Hawbury, Guillermo, Ojo, Jardin, Deste, Porquez und die beiden Araber waren aufgesessen. Michel sprang in den Sattel.

Dann faßte er die Flinte beim Kolben, begann plötzlich zu pfeifen und ritt wie der Sturmwind los. Die anderen neun folgten ihm.

Sie fegten auf den dichtesten Haufen der zu Fuß Angreifenden zu.

Die Feinde hielten erschrocken inne, als sie die höllischen Triller hörten, die der Rasende an der Spitze der Reiter ausstieß. Sie stoben auseinander. Weiter ging der Sturmritt, dorthin, wo die Pferde der Gegner standen.

Man hatte sie erreicht und machte sich jetzt daran, sie auseinanderzutreiben. Da stieß Deste einen erschrockenen Ruf aus:

»Dort!---Eine ganz neue Janitscharenabteilung! Seht doch! Reguläre Kavallerie des Daj.«

Zum Fliehen war es zu spät.

Michel hatte dem einen der niedergeschlagenen Pferdewächter den Säbel entrissen. Eine unheimliche Wut packte ihn. Lieber tot als zurück in die Steinbrüche, dachte er. »Drauf!« schrie er und sprengte mit geschwungenem Säbel den anrückenden Reitern entgegen. Die anderen wurden unwillkürlich von ihm mitgerissen. Dicht hinter ihm ritt Marina. Neben ihm Ojo.

Es war Wahnsinn. Die heransprengende Abteilung war mindestens fünfundzwanzig Mann stark.

Fünfundzwanzig bis an die Zähne bewaffnete Janitscharen gegen zehn ausgehungerte, entkräftete Sträflinge, die nichts als ihre Gewehrkolben hatten.

Jetzt prallten sie aufeinander. Michel schlug um sich wie ein Rasender. Marina hatte dem ersten von seiner Hand Gefallenen den Säbel genommen und war dicht auf Michels Fersen. Da sah sie, wie einer der Reiter Raum zu gewinnen suchte, um sich an den »pfeifenden Teufel« heranzuarbeiten. Er hatte ihn sofort als den Gefährlichsten erkannt. Fuß um Fuß kam er dem ahnungslosen Michel näher.

Jetzt war er nur noch eine Elle außer Reichweite. Noch ein Stück.

»Miguel!« schrie Marina entsetzt auf. Es war das erstemal, daß sie ihn wieder bei seinem Vornamen nannte.

Aber er hörte nicht.

Da packte Marina den erbeuteten Säbel und stieß ihn ihrem eigenen Tier in die Hinterhand. Das Pferd bäumte sich auf und raste geradeaus, direkt auf den Janitscharen zu, der es auf Michel abgesehen hatte. Im allerletzten Augenblick, der Kerl hatte schon zugeschlagen, durchbohrte ihn die Waffe der Gräfin. Er sank aus dem Sattel, und der Hieb traf nur noch ganz leicht Michels Schulter.

Ojo hatte es gesehen. Sein geliebter Doktor war gerettet. Er wußte gar nicht, wie er je seine Dankbarkeit Marina gegenüber würde ausdrücken können.

Doch jetzt war Wichtigeres zu erwägen. Der Kampf spitzte sich immer mehr zu. Die Lage wurde nahezu unhaltbar.

Im Reiten legte er die Hände trichterförmig um den Mund und brüllte mit aller Stimmkraft: »Absetzen! - Flieht! - Rettet Euch!«

Einen Augenblick stutzten die Freunde. Dann erinnerten sie sich daran, daß sie sich im Fall der Gefahr verstreut nach Norden davonmachen sollten. Eine wilde Jagd begann.

Der Leutnant, der hinter seinem Stein die ganze Szene beobachtet hatte, merkte plötzlich, daß ihn die kühnen Reiter im Stich lassen mußten, um selbst dem sicheren Untergang zu entgehen. Er ballte drohend die Faust hinter ihnen her und fluchte: »Feige Hunde! — Lumpenpack, dreckiges!«

Da vorn ritt dieser Pfeifer, der Hund! In seiner Wut legte der Leutnant an, zielte kurz und drückte in dem Augenblick ab, als unvorhergesehen ein anderer seine Visierlinie kreuzte. Bajantes hatte gut getroffen. Der da vorn warf die Arme in die Luft und stürzte vom Pferd. Aber der Mörder sollte sich seines Erfolges nicht lange freuen. Die Reiter des Daj zogen es jetzt anscheinend vor, sich auf die in Deckung liegenden Soldaten zu stürzen, anstatt die Verfolgung aufzunehmen.

Sie waren wieder abgesessen und gingen nun sprungweise vor, indem sie geschickt jede Deckungsmöglichkeit ausnutzten.

Als der Teniente nur für den Bruchteil einer Sekunde seinen Kopf aus der Deckung nahm, um die Lage seiner Leute festzustellen, fiel er in sich zusammen. Der Mord war durch eine andere Kugel gesühnt. —

Die Flüchtenden ritten, bis sie vor Erschöpfung aus den Sätteln sanken. Zehn Meilen ungefähr hatten sie in wahnsinnigem Galopp zurückgelegt.

Als sie sich sammelten, fehlten zwei: Ojo und Deste.

»Hat sie jemand gesehen?« fragte Michel erschrocken.

Ein stummes Kopf schütteln war die Antwort.

Sie warteten Stunde um Stunde. Als die Dämmerung hereinbrach, sah man am Horizont einen Reiter auftauchen, der aber nur sehr langsam näherkam. Es war Ojo.

Michel atmete auf. Aber gleich fiel ein Schatten in das Glück. Als Ojo vom Pferd stieg, fragte der Pfeifer: »Wo ist Carlos?«

Ojo, der starke Ojo, weinte plötzlich wie ein Kind.

»Sein letzter Gruß galt Euch, Senor. Irgend eine verirrte Kugel muß ihn doch noch erwischt haben. »Grüß mir den Senor Doktor« hat er gesagt, »und richte ihm aus, daß ich nun nie wieder eine Blinddarmentzündung bekommen werde«. Dann war er tot.« Schweigen in der Runde.

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