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Kerker und Ketten

Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:

Der Pfeifer und seine Freunde quälen sich in den Steinbrüchen von El Mengub. Schon haben sie den sicheren Tod vor Augen, da dürfen sie neue Hoffnung schöpfen: die Piratin Marina, in schmerzlicher Haßliebe an Michel Baum gekettet, versucht, die Gefangenen zu befreien. Doch bald wird sie selbst von Sklavenhändlern verschleppt, und nun ist es an Michel, sie zu suchen. Aber der Bej von Tunis hält ihn fest, und erst eine Palastrevolution schafft ganz neue Verhältnisse. Doch Marina bleibt verschwunden.
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
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Da — da — endlich war das Würgen aus ihrem Hals verschwunden. Mit Entsetzen vernahm sie, daß sich die beiden oben wieder entfernen wollten, um sie woanders zu suchen.

Ein Schrei kam über ihre Lippen. Im letzten Augenblick hatte sie die Schwäche überwunden.

»Hallo!« rief verhalten eine Männerstimme, »Miss Hawbury — seid Ihr da unten?«

»Ja — ja. Ich konnte nur keinen Ton herausbringen vor Überraschung. Sagt, wer seid Ihr?«

»Michel Baum. Ihr werdet mich doch noch kennen?«

»O Gott, ich danke Dir! — Aber ich kann nicht durch das Fenster kriechen; denn es ist viel zu schmal, um einen Menschen hindurchzulassen; außerdem bin ich an Armen und Beinen gefesselt.«

»Keine Angst«, erwiderte der Sprecher. »Wir holen Euch in den nächsten Stunden heraus. Wir mußten nur erst einmal feststellen, wo Ihr Euch befindet. Das war nicht so einfach. Hoffentlich bemerkt man die anderen eingeschlagenen Scheiben nicht zu früh. Habt noch eine Weile Geduld. Bis später.«

Isolde sank auf ihren schmutzigen Strohhaufen zurück. Ihr Herz hämmerte. Es drohte bei jedem weiteren Schlag zu zerspringen. Hoffentlich kamen sie zur Zeit! Hoffentlich schafften sie es noch! Sie hatte keinen anderen Gedanken.

Vielleicht holte man sie noch vor der Zeit ab? Vielleicht war alle Mühe der Männer vergebens?

— O Gott — o Gott! - Hilf mir doch!

Sie zitterte am ganzen Leibe. Der Schweiß trat ihr aus allen Poren. Schüttelfrost packte sie. Nach einer Stunde etwa ging die Tür auf. Voller Hoffnung ruhten ihre Blicke auf der eintretenden Gestalt.

Da entrang sich ein Schrei höchster Verzweiflung ihren Lippen. Der Ankömmling war Hussejn, der Wesir. Sie wußte, daß er sie jetzt zum Daj führen würde. Und dann kam der gräßliche Augenblick. Dann kam der Schlag in den Nacken — und dann kam — »Nun? Du räudige Hündin, du verfluchte Christensau, jetzt ist es soweit. Gleich werden die Wächter kommen und dich vor den Daj bringen. Dann wird man dir zeigen, wie man mit ungetreuen Sklaven in Al-Dschesair umgeht.«

Seine Augen loderten vor Wut; denn er dachte an sein Gespräch mit dem Daj nach dessen Rückkehr. Der Fürst hatte ihn nach den Sklaven gefragt. Und als der Wesir schilderte, was geschehen war, hatte ihn sein Freund und Herr angeschrien und in die Dschehenna gewünscht. Erst als Hussejn berichtete, daß er wenigstens die Hauptmissetäterin gefangen hatte, beruhigte sich Baba Ali etwas.

Er fragte allerdings mit nicht geringem Spott, was er mit der Hauptschuldigen beginnen solle, wenn diejenigen, denen er den Bau der Gewehre übertragen habe, endgültig entkommen wären. Darauf wußte Hussejn nichts zu sagen. Er stürmte in das Verlies, um seine Wut über die, wie er meinte, ungerechtfertigten Vorwürfe an dem wehrlosen Mädchen auszulassen. Der Daj hatte keineswegs befohlen, die Sklavin bereits jetzt zur Hinrichtung zu bringen. Ganz im Gegenteil, er erwog in Gedanken bereits, wie man das weiße Mädchen wieder in Dienst nehmen könnte. Isidolada, so nannte Baba Ali sie, weil er ihren Namen nicht richtig auszusprechen vermochte, hatte ihm wertvolles Wissen über das Abendland vermittelt, so daß er auch nicht einen Augenblick daran dachte, sie hinzurichten. Baba Ali haßte zwar die Europäer, soweit sie als Feinde in sein Land kamen, er war aber viel zu klug, um ihre Fortschrittlichkeit nicht anzuerkennen. Sein geheimstes Bestreben war, die Verhältnisse in Algier langsam den europäischen anzugleichen.

Der Daj kannte zwar den Koran in- und auswendig wie kaum ein anderer. Aber ihm war es ziemlich gleichgültig, was für Seligkeiten der Prophet nach dem Tode versprach. Sein Ziel war es, den Widerstand der Alten, Unbelehrbaren, Unduldsamen langsam zu brechen. Die Truppen standen hinter ihm. Er würde den eingefleischten Muslimun den Fortschritt eben aufzwingen, wenn es nicht anders ging. Eines jedoch wußte der Daj nicht, nämlich daß sein Vertrauter und Freund, Hussejn, zu jenen unbelehrbaren Dogmatikern zählte, für die es nur Mohammed gab und sonst nichts auf der Welt...

»So«, sagte Hussejn zu der zitternden Isolde, »jetzt werde ich die Wächter rufen. Dann wird dein Kopf abgesägt, schön langsam« — er schien sich an diesem Gedanken geradezu zu berauschen

— »vielleicht fangen wir auch mit den Händen an, damit du nicht so schnell stirbst.« Er ging hinaus und rief die Wächter.

Zwei Männer kamen und blieben in der Tür stehen.

»Packt sie, die Unverschleierte, die mit frechem Gesicht jedem Mann ihre Züge zeigt, obwohl der Prophet befohlen hat, daß eine Frau einen Schleier tragen muß.«

Die Männer schienen ihn nicht richtig verstanden zu haben; denn sie rührten sich nicht von der Stelle.

»Was steht ihr da herum, ihr Faulpelze, ihr Hundesöhne, ihr Bastarde! Ich werde euch die Kurbatsch zu schmecken geben, ihr verfluchten Lumpen!«

Der eine der Wächter trat jetzt vor, wandte sich aber dem Wesir zu und nicht der Gefangenen. Hussejn starrte ihn verwundert an. Sein Gesicht war dunkelrot vor Zorn. Er hob die Hand und wollte unbeherrscht nach dem Mann schlagen. Dieser aber war schneller. Er griff nach der Hand, hielt sie fest, holte aus und gab dem Wesir ein paar schallende Ohrfeigen. Dann boxte er ihn in eine Ecke, bis er auf die feuchten Steine niedersank. Ehe er sich's versehen hatte, war er geknebelt.

Der andere machte sich daran, die staunende Isolde von ihren Fesseln zu befreien. »Steht auf, Miss Hawbury! Könnt Ihr gehen?« »Mr. Baum?!« schrie sie mit freudigem Schreck.

»Wir haben jetzt keine Zeit zu Unterhaltungen. Unser dritter Mann steht draußen vor dem Verlieseingang und hält die Wächter in Schach. Kommt schnell!«

»Soll ich ihn fesseln, Senor Doktor?« fragte Ojo auf spanisch und zeigte auf den Wesir.

»Ja, leg ihn in Ketten, so fest, daß seine Leute Mühe haben, ihn wieder freizubekommen.«

Ojo ließ sich das nicht zweimal sagen. Mit grimmiger Miene faßte er den Wesir, hob ihn wie ein Kind auf die Arme, schaffte ihn dorthin, wo soeben noch das wehrlose Mädchen gelegen hatte, und befestigte die schweren Eisenringe um seine Handgelenke.

Hussejn atmete schwer. Seine Adern schwollen an. Er bäumte sich auf in ohnmächtiger Wut; aber es nützte ihm nichts. Die Eisenketten hielten, und der Knebel ließ ihm kaum genügend Luft zum Atmen. Wie glühende Dolche stachen seine Augen hinter den Flüchtenden her. Er leistete den erbittertsten Schwur seines Lebens.

Die Zellentür wurde zugeschlagen. Der Schlüssel drehte sich im Schloß. Hussejn, der Haßerfüllte, war gefangen.

Und draußen feierte man das größte Siegesfest, solange er denken konnte. Vielleicht würde es Stunden dauern, bis man ihn hier unten fand. —

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