Kerker und Ketten
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #2
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
»Jeder schießt jetzt, so schnell er kann«, befahl Michel und legte erneut an. Die Spanier waren überritten worden. Sie lagen auf der Erde, und manche von ihnen hatten tief klaffende Wunden im Schädel. Kein einziger schoß mehr. Sie dachten auch nicht daran, die Gewehre umzudrehen und mit den Kolben gegen die Feinde anzugehen. Es war niemand mehr da, der einen Befehl gab; denn Diego de Bajantes hatte mit sich selbst zu tun. Ein Messer war ihm in den Arm gedrungen.
Michel und seine Freunde schossen, was sie nur konnten. Marina und ihre Begleiter unterstellten sich ganz von selbst seiner umsichtigen Führung. Binnen kurzem hatten sie so viele Feinde getroffen, daß diese sich doch entschließen mußten, umzukehren. Wie die wilde Jagd ritten die überlebenden Araber davon. Michel reichte Ojo sein Gewehr und meinte:
»Lade die Flinten alle. Du, Carlos, sammelst die Schießeisen dort auf dem Schlachtfeld ein und lädst sie ebenfalls. Verstaut sie griffbereit hier in dieser Felsenspalte. Ich sehe nach den Verwundeten.«
Damit verließ er die Deckung und rannte zu den Soldaten hin. Als erstem zog er dem Leutnant das Messer aus dem Arm.
»Ihr seid mir ein schöner Kinderstubenstratege, Bajantes«, sagte er respektlos. »Wie kann man hier mit den ausgepumpten Leuten, die noch dazu mit Gewehren schießen mußten, deren
Handhabung unbekannt ist, eine Schlachtordnung aufbauen! Dabei ist das ganze Gelände geradezu klassisch für das Anlegen eines Hinterhalts geeignet.« »Was wißt Ihr schon vom Militär?«
»Leider eine ganze Menge«, lachte Michel. »Ihr seht ja, daß sich die Burschen aus dem Staub gemacht haben. Der Erfolg ist entscheidend, nicht der Befehl. Wenn Ihr Euch das nicht für die Zukunft hinter Eure grünen Ohren schreibt, so werdet Ihr es nie zu etwas bringen.« »Macht mir gefälligst keine Vorschriften, Senor. Ihr wißt ja nicht einmal, wie ein caballero eine Dame behandelt. Ihr seid ein Barbar.«
Michel maß ihn mit einem mitleidigen Blick. »Ich habe weder Lust noch Zeit, Euch die näheren Erklärungen für mein Benehmen zu geben, wenigstens jetzt nicht. Steht auf und gebt den gesunden Leuten Befehl, die verwundeten Kameraden in die Höhle zu bringen, damit ich sie dort verbinden kann. Im übrigen müssen wir uns auf einen weiteren Angriff gefaßt machen.« Sechs der Soldaten waren dem Angriff der Araber zum Opfer gefallen. Vier waren schwer, acht weitere leicht verwundet.
Michel half, so gut er konnte. Das war ohne jeglichen Verbandsstoff und ohne alle Medikamente nicht einfach.Seine Freunde halfen ihm, die Schwerverwundeten in die Berghöhle zu tragen, die sich an die Felsspalte anschloß. Dort bettete man sie auf schnell bereitete Lager aus dürren Ästen und verdorrten Zweigen.
Michel opferte Stück um Stück seiner Hemdfetzen und verband die Wunden so kunstgerecht wie möglich. Bei einigen stellte sich bereits Wundfieber ein.
Ohne Aufforderung half Marina bei der schwierigen Arbeit. Nach einer Weile gesellte sich auch der verkleidete Engländer hinzu.
»Ihr habt doch nichts dagegen, wenn ich mich ein wenig nützlich mache?« fragte er höflich. Michel Baum sah auf. Seine Augen ruhten forschend auf dem jungen Gesicht. Dann nickte er. »Helft mir Streifen machen. Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr Euern Burnus opfern würdet. Vermutlich habt Ihr sowieso europäische Kleidung drunter, nicht?« »Yes«, gab der junge Mann zu und machte sich an die Ausführung des Gebots. Michels Interesse für ihn war erwacht. »Sagt mir, Freund, wie kommt Ihr mit der Gräfin zusammen? Ich irre mich doch nicht, wenn ich annehme, daß Ihr zur Besatzung der »Trueno« gehört?«
»Nicht ganz. Die Kapitänin rettete mich«, meinte er lakonisch, wobei er Marina einen Blick zuwarf.
»Sie rettete Euch?« Michel ließ für einen Augenblick von der Arbeit ab. Dann fuhr er in halb zynischem, halb bitterem Ton fort. »Es ist das erstemal, daß ich so etwas höre« — und zu Marina gewandt in spanischer Sprache »— habt Ihr aus Euerm Seeräubergeschäft eine Lebensrettungsgesellschaft gemacht?«
Marina warf den Kopf zurück und blitzte ihn mit ihren dunklen Augen zornig an. Aber sie schwieg.
»Darf man Euern Namen erfahren?« fragte Michel den Engländer in seiner Sprache. Dieser nickte eilig.
»Gewiß. Verzeiht, daß ich vergaß, mich vorzustellen. Ich heiße Steve Hawbury und bin der Sohn von General Hawbury.«
»Ah!« Michel stieß einen Ruf der Verwunderung aus. »Der Sohn von Lord Robert Hawbury im britischen Kolonialamt?«
Jetzt war es an Steve, verwundert zu sein.
»Ja. Ihr kennt meinen Vater?« »No, nicht Euern Vater, aber Eure Schwester.«
Marina zuckte bei diesen Worten sichtlich zusammen. Michel Baum kannte die Schwester dieses Jungen? Woher? Blitzschnell fiel ihr ein, was sie mit Graf Eberstein vereinbart hatte, bevor sie ihn an der französischen Küste absetzte. Er sollte doch — — —
Sie fluchte innerlich. War dieser, ihr letzter Schachzug gegen den Silbador unnötig geworden durch die Bekanntschaft mit der Schwester Steve Hawburys? Hatte er sich in sie verliebt? Marina wäre keine Frau gewesen, hätte sie nicht hinter jeder Bekanntschaft des einzigen Mannes, dem ihr ganzer Haß und ihre ganze Liebe gehörten, mehr gewittert als Freundschaft. In Marina entfaltete sich die Eifersucht zu steigender Glut.
»Ihr kennt meine Schwester Isolde? Irrt Ihr Euch auch nicht? Es mag in England viele Hawburys geben.«
»Well, aber nur einen, der General im Kolonialamt ist. Dessen Tochter lernte ich unter---
wenig erfreulichen Umständen kennen, Umständen, die ich dieser Dame hier« — er machte eine Kopfbewegung zu Marina hin — »verdanke.« Steve begann zu fragen.
Michel berichtete alles, was er mit der Schwester des jungen Mannes gemeinsam erlebt hatte. »Teufel!« rief Steve, »so ist sie also die Gefangene des Daj von Algier! Sagt, Mr. Baum, gibt es denn keine Möglichkeit, sie zu befreien?« Michel schwieg. Dann nickte er.
»Ich will hoffen, daß es eine gibt. Sowie wir von hier fort können, reiten wir nach Algier. Dort wird es sich zeigen, ob noch eine Hoffnung besteht. Ich weiß nicht, wie weit der Krieg gegen die Spanier gediehen ist. Ich hoffe aber, daß Baba Ali noch nicht in seine Residenz zurückgekehrt ist, sonst---.«
»Was sonst?«
»Sonst müssen wir damit rechnen, daß Eure Schwester nicht mehr unter den Lebenden weilt. Der Daj vollstreckt eigenhändig die Urteile an geflohenen Sklavinnen.« Steve packte Michel am Arm und schüttelte ihn.
»Wir dürfen keine Minute verlieren, Sir, wir müssen noch heute Nacht reiten. Sagt mir, mit welchen Grausamkeiten bestraft der Daj aufgegriffene Sklaven?«
Michel wickelte das letzte Stück Tuch um die Wunde eines Soldaten. Dann stand er auf und sagte:
»Im Augenblick kann ich für die armen Teufel nichts weiter tun. Wir müssen abwarten, was die nächsten Stunden bringen. Kommt, Mr. Hawbury, beziehen wir draußen Posten, und dann erzähle ich Euch, was ich weiß.«