Kerker und Ketten
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #2
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
Dreimal hatte Isolde versucht, ihren Peinigern des Nachts zu entwischen. Einmal war sie gelaufen, bis sie mitten in der Wüste zusammenbrach. Der Mädchenhändler grinste, als man sie wiederbrachte, schien aber die Lust verloren zu haben, sie bis in die Türkei oder noch weiter mitzunehmen. So ließ er sie, als die Karawane einen Abstecher nach Algier machte, dem dortigen Daj zu einem billigen Preise als Sklavin.
Dann kam die Haremszeit. Aber sie hatte großes Glück; denn Baba Ali heiratete sie nicht. Er machte sie nicht zu einer seiner zahlreichen Frauen, sondern ließ sie nur tanzen. Da er ihre Kenntnisse schätzte, eroberte sie sich bald eine gewisse Vertrauensstellung bei ihm. So blieb sie unangetastet und entging dem Los, das so viele andere weiße Frauen vor ihr in der gleichen Situation geteilt hatten.
Dann kam die Flucht. Und die Wiederergreifung. Aber der Daj war bereits mit seinen Truppen unterwegs, um die Spanier aus dem Land zu werfen; und da sie dem Daj persönlich gehörte, hatte nur er das Recht, sie zu richten. So wartete sie nun auf seine Wiederkehr. Nach ihrer Schätzung mußte es bereits November sein; denn oft schlug der Regen stundenlang gegen die winzige, schmutzige Scheibe, die ihr Kellerloch von der Außenwelt trennte.
Würde Baba Ali ihr den Genickschlag versetzen? Würde er es fertigbringen, ihr den Kopf abzuschlagen? Oder würde er sie jetzt in seinen Harem zwingen?
Isolde stöhnte auf unter der Last ihrer Ketten. Mühsam veränderte sie ihre Lage. Die Glieder schmerzten fürchterlich.
Ein Schlüssel drehte sich im Türschloß.
Isolde sammelte sich. Eine fiebrige Spannung ergriff Besitz von ihr. Sonst pflegte der Wächter Essen und Wasserkrug oben durch die kleine Klappe zu schieben. Es war das erstemal, daß jemand die Tür öffnete. Das konnte nur bedeuten, daß Baba Ali von seinem Feldzug zurückgekehrt war.
Sie begann plötzlich zu zittern. Ihre Augen weiteten sich. Mit starrem Blick hafteten sie auf der Tür, die jetzt quietschend zurückschwang. Ein kurzer Schrei entfloh ihren Lippen. Der Eintretende war Hussejn, der Wesir und Leibdiener des Daj.
»Salam«, verneigte er sich spöttisch. Ein Flimmern lag in seinen schwarzen Augen. »Wie geht es der Dame aus dem mächtigen England? Fühlst du dich wohl? Bei Allah, du solltest stolz darauf sein, einst so großen Einfluß auf den Daj gehabt zu haben. Ist er doch ein siegreicher Feldherr und ein großer Fürst, der soeben die Spanier vernichtend aufs Haupt geschlagen hat. Allah ist mächtig, und wer an ihn glaubt und dem Propheten gehorcht, der wird siegen.« Er stand da mit verschränkten Armen. Isolde zog es vor, zu schweigen. »Hast du irgend einen Wunsch?« fragte er mit zynischem Lächeln.
»Nein, ich würde mir lieber die Zunge abbeißen, als einen Menschen wie dich um etwas bitten.« Hussejn ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
»Wir erwarten jeden Tag die Rückkehr des Daj und seiner siegreichen Heere.«
Er machte eine Pause, um die Wirkung seiner Worte zu beobachten.
Isolde antwortete nicht. Aber sie konnte nicht verhindern, daß sich ihr Herz vor plötzlich aufsteigender Angst zusammenkrampfte. Ohne es zu wollen, drängte sich ihr die Frage auf:
»Ist denn keine Gnade möglich?«
Hussejn war ziemlich überrascht. Aber das Grinsen auf seinen Zügen verstärkte sich nur. »Ich glaube nicht, daß man dir Gnade zubilligt. Der Daj wird sehr streng sein; denn durch deine Schuld sind uns auch die anderen wertvollen Gefangenen entflohen.« »Aber ihr habt sie doch ebenso wiederbekommen wie mich.«
»Wir hatten sie«, antwortete Hussejn finster, »aber gerade vor einigen Stunden erreichte mich die Nachricht, daß sie aus den Steinbrüchen von El Mengub entkommen sind. Sie haben sogar viele unserer Leute verwundet und getötet; denn sie sind gewaltsam ausgebrochen. Ich nehme an, daß der Fürst schreckliche Rache üben wird an demjenigen, durch dessen Schuld sie überhaupt erst in die Steinbrüche versetzt werden mußten — und dieser Schuldige bist du.« »Nein«, rief Isolde Hawbury, »du warst es doch, der veranlaßt hat, daß sie so schnell wie möglich fortgebracht wurden. Du hast sie in die Steinbrüche geschickt, aus denen es im allgemeinen keine Wiederkehr mehr gibt! Das werde ich Baba Ali berichten. Du allein bist schuldig; denn deine Grausamkeit kennt keine Grenzen.«
Hussejn zog die dunklen Augen zu einem engen Schlitz zusammen. Ein Lächeln spielte um seine Lippen.
»Was glaubst du wohl, bei Allah, wem der Daj mehr Glauben schenken wird, mir, seinem Stellvertreter, oder dir, einer entlaufenen Sklavin, he? Du mußt verrückt sein, wenn du solche Gedanken hegst. Die Gefangenschaft scheint dir den Verstand verwirrt zu haben. Du wirst gar nicht dazu kommen, überhaupt den Mund aufzutun; denn ich werde den Daj veranlassen, mit dem Krummsäbel in der Hand auf dich zu warten. Du bist eine ungläubige, stinkende Kröte. Ihr
Weißen seid alle stinkende Kröten. Ihr wollt Land und Macht und glaubt, eure Lehre, die vor Falschheit trieft wie die der Juden, sei stärker als die unsere.«
Seine Worte waren voller Haß. Man spürte, daß es ihm nicht nur eine Genugtuung war, eine Weiße vor sich im Staub zu sehen, sondern daß er aus politischen Erwägungen heraus einen Haß in sich nährte, der alles versengte, was nicht arabisch und mohammedanisch war. Isolde kämpfte mühsam ihre Tränen zurück. Aber sie enthielt sich jeden weiteren Wortes. Sein Triumph durfte nicht vollkommen werden. Sie würde ihm beweisen, daß auch eine Europäerin hart zu sein vermochte.