Kerker und Ketten
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #2
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
Steve folgte sofort. Marina war zwar nicht aufgefordert worden, schloß sich aber mit einer sonderbaren Selbstverständlichkeit den beiden Männern an. Es verbat sich auch niemand ihre Begleitung.
10
Die Sonne war inzwischen höher gestiegen. Es mußte bald Mittag sein.
Weiter draußen im Gelände hatte man zwei Posten aufgestellt, die sofort das Nahen eines Feindes zu melden hatten.
Michel und Hawbury ließen sich mit Marina hinter der Hecke nieder, von der aus sie vorhin auf die Angreifer gefeuert hatten.
»Well«, eröffnete Michel die Unterhaltung. »Die Strafe für entflohene Sklavinnen ist ein Krummsäbel ins Genick. Wenn sie ihn überlebt, so wird sie zumindest für alle Zeiten ein steifes Genick behalten, das heißt, natürlich nur, solange sie nicht in Behandlung europäischer Ärzte ist. Aber ich fürchte, sie wird den Schlag nicht ohne weiteres überleben. Ja, ich bin ehrlich, ich fürchte das Schlimmste.«
»Mein Gott«, jammerte Steve, »und Ihr, der Ihr dies wißt, sitzt hier so ruhig, als ginge Euch das überhaupt nichts an. Dabei war doch sie es, die Euch rettete!« Michel sah ihn lange an. Dann antwortete er bedächtig:
»Ihr habt eine schlechte Meinung von mir, Mr. Hawbury, wenn Ihr annehmt, ich hätte vergessen, was Eure Schwester für mich getan hat. Natürlich nicht. Nur hatten wir ja leider das Pech, monatelang hier im Steinbruch eingesperrt zu sein, wie« — er blickte wieder zu Marina hin — »Ihr ja wohl bei Euern Nachforschungen nach uns erfahren haben werdet, nicht wahr?« Die Gräfin bejahte, enthielt sich aber jeder weiteren Äußerung.
»Versteht mich nicht falsch«, meinte Steve gequält, »ich will Euch ja nicht verurteilen. Nur, warum sitzen wir hier jetzt noch in aller Ruhe und warten auf die Araber, anstatt schnellstens die Flucht zu ergreifen und nach Algier zu reiten! Dort werden sich sicherlich Möglichkeiten zur Befreiung meiner Schwester bieten, wenn sie noch am Leben ist. Ihr müßt wissen, ich spreche ganz gut arabisch, denn ich war ja nicht umsonst jahrelang auf der Kolonialschule.« Michel schüttelte den Kopf.
»Das nützt alles nichts. Erstens können wir die Verwundeten hier nicht im Stich lassen. Zweitens haben wir keine Lebensmittel und keine Wasserschläuche, die wir aber unbedingt brauchen, wenn wir die Salzsümpfe durchqueren wollen. Drittens möchte ich, bevor wir reiten, wissen, wie der Krieg gegen die Spanier steht und ob der Daj schon zurückgekehrt ist. Man kann sich nicht Hals über Kopf in ein Abenteuer stürzen ohne jede Voraussetzung. Sonst können wir uns nur wenig Erfolg davon versprechen und geraten in Gefahr, selbst dabei umzukommen. Davon hättet weder Ihr noch Eure Schwester etwas.« »Aber sobald die Möglichkeit besteht, reiten wir!«
»Ja, natürlich. Das Schicksal Eurer Schwester, die ein sehr tapferes Mädchen ist, liegt mir am Herzen. Außerdem habe ich noch eine andere Sache in Algier auszufechten, die auf keinen Fall allzulangen Aufschub duldet.«
»Well, Mr. Baum. Dann gestattet, daß ich jetzt einmal nach unseren Sachen sehe. Ich bin zu nervös, um hier in Ruhe sitzen zu können.«
»Geht ruhig. Aber gebt auch ein wenig mit acht, daß wir nicht von einem Angriff überrascht werden.«
Steve Hawbury entfernte sich. Marina und Michel waren allein. Michel starrte schweigsam über die Hecke. Ihm war dieses Zusammensein unangenehm.
»Euer Pferd habe ich übrigens immer gut versorgt«, brach Marina unvermittelt die lastende Stille. »Es hat noch immer den Verschlag auf dem Schiff inne, in den Ihr es selbst gebracht habt.«
»Hm---Das arme Tier tut mir leid. Es wurde bestimmt nicht geboren, um monatelang auf See herumzuschwimmen. Es ist Tierquälerei, es über Gebühr lange an Bord zu behalten.« Was Marina auch immer sagen mochte, sie erhielt stets eine negative Antwort. »Meine Piraten plündern übrigens die Schiffe nur noch aus und lassen sie dann weiterfahren, ohne die Menschen zu ermorden«, begann sie wieder.
»Aha! Und bei solch einer Plünderung habt Ihr wohl auch den jungen Hawbury mitgenommen, wie? Also doch keine Lebensrettungsgesellschaft.« »Ihr seid furchtbar!« brach es aus Marina heraus. Michel blickte spöttisch zu ihr hin.
»Erwartet Ihr vielleicht, daß ich »Hosianna« rufe, wenn Ihr nicht mehr mordet, sondern nur noch plündert? Nein, für solche Abstufung menschlicher Gefühle habe ich keinen Sinn. Ihr seid nicht anders geworden, seit wir uns zuletzt sahen.« Sie ballte die Fäuste.
»Ich kann es mir selbst kaum noch verzeihen, daß ich so verrückt war, Euch aus den Steinbrüchen zu retten.«
»Verrückt mögt Ihr immerhin sein. Aber sprecht Ihr wirklich von Errettung? Darf ich mir die Frage erlauben, wodurch wir in diese Situation gekommen sind? Mein Ziel war nicht Algier. Das wißt Ihr so gut wie ich.«
Sie kniff die Augen zusammen. Sollte sie ihren Trumpf bereits jetzt ausspielen? Eigentlich wollte sie damit noch bis zu einer günstigeren Gelegenheit warten. Sie hatte ursprünglich vorgehabt, ihm das Ergebnis ihrer Abrede mit Eberstein aus einer ruhigeren Perspektive heraus beizubringen, so, als wäre es eine unabwendbare Tatsache, für die nicht sie die Verantwortung trug. Sollte sie vielleicht diesen Moment dazu benutzen?
Ihre Hände wurden kalt. Sie sammelte sich. In plauderndem Ton begann sie:
»Ich bin eigentlich nicht gekommen, um Euch zu befreien, sondern um Euch eine Nachricht des Grafen Eberstein zu überbringen, der nun schon seit langem wieder in Deutschland ist.«
»Eberstein?« fuhr Michel auf. »Was wißt Ihr von ihm?«
»Ich begegnete der »Quebec« im Atlantik wieder. Leider wart Ihr nicht mehr darauf, sonst hätte ich mir die Mühe sparen können. — Bueno, ich versorgte das Schiff mit besseren Segeln«, log sie, »füllte die Wasserfässer auf und schickte es zurück nach Deutschland.« »Könnt Ihr mir nicht eine glaubhaftere Geschichte erzählen?« »Sie ist wahr.«
»Gott, Ihr solltet mich doch nun lange genug kennen, um zu wissen, daß ich aus Euerm Munde kein noch so schönes Märchen wahr finde.«
Hohn lag auf ihrem Gesicht. Ihre Augen bildeten einen schmalen Spalt.
»Dann werde ich Euch jetzt eine Geschichte erzählen, deren Echtheit Euch so echt vorkommen wird, daß sie gar nicht echter sein könnte.«
Michel horchte auf. Da war ein anderer Ton in ihrer Stimme, der alte Ton, den er so lange vermißt hatte, der Ton der Gräfin de Villaverde y Bielsa.
»Bien«, fuhr sie fort, »es ist eine Liebesgeschichte, wie Ihr sie nicht alle Tage hört. Sie wird Euch interessieren.«