Wir sind nur Menschen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:
An der Reling stand Dr. Peter Perthes und blickte zurück auf die langsam im Frühsonnenglast versinkende Heimat. Die hohen Kräne des Hafens wurden zu Spielzeugen, die Trockendocks zu schwimmenden Seifenschalen, die Kais versanken in einem Flimmern der Luft, durch die nur noch das Flattern der Taschentücher wie irrende Punkte herüberleuchtete.
Im freien Wasser verließ dann der Lotse den Dampfer und stieg über auf einen der kleinen Schlepper. Die Stahltrossen wurden gehievt, noch einmal tönte das Sirenenkonzert über das rauschende Meer — dann zog die >Argentinia< ihren schlanken weißen Leib durch das in der Sonne leuchtende Meer, dem Süden entgegen.
Dr. Perthes lehnte noch immer an der Reling und blickte auf die versinkende Küste Deutschlands. Auf einmal kam er sich verlassen und ausgestoßen vor, einsam wie ein Flüchtender, der eine schlechte Tat begangen hat und die Heimat zurückläßt. Ich komme wieder, dachte er dann, und stand immer noch an der Reling, bis der allerletzte helle, kaum noch wahrnehmbare Streifen der Küste am Horizont versank. Ich komme bestimmt zurück und löse mein Wort ein, dachte er immer wieder.
Kreischende Möwen umgaukelten das Schiff und hofften auf zugeworfenes Futter. Über die Küchenabfälle, die am Heck ins Meer geschüttet wurden, fielen sie her und rissen sich gegenseitig die Beute aus den Schnäbeln.
Langsam wandte sich Dr. Perthes ab und ging im Schaukelgang zu seiner Kabine. Ein Steward, der ihm mit einem Tablett entgegeneilte, bot hohe Gläser mit Orangensaft an. Er nahm ein Glas und setzte sich in einen der herumstehenden Liegestühle. Ein kühler Wind wehte jetzt von der offenen See her. Die Schraube des Ozeanriesen wühlte die Wellen zu weißer Gischt auf, die hoch am Heck emporgeiferten. Aus den Gesellschaftsräumen drang leises Stimmengewirr.
Kurs Südwest! Dort hinten, zwei Monate entfernt, lag Südamerika. Kolumbien! Die Urwälder von Azaneni.
Peter Perthes schloß die Augen. Er lauschte hingegeben auf das Rauschen des Meeres.
An diesem Tag, am 16. August 1950, dem Tag der Abfahrt des Dr. Peter Perthes, meldete sich Dr. Angela Bender krank. Die Kinderstation übernahm eine ältere, etwas mufflige Kollegin aus einer ber-gischen Kleinstadt. An Professor Window schrieb sie, daß er sie bis auf weiteres von ihren Verpflichtungen in der Lindenburg entbinden möchte, selbstredend ohne Gehaltsansprüche. Sie fühle sich unwohl und wolle zu Freunden nach Bayern fahren.
Es wurde das Ende von Angela Benders Kölner Praxis, denn sie kam nicht mehr zurück. Die Kollegin übernahm auch die Privatpraxis, die Wohnung, das Mädchen. es wurde alles brieflich geregelt.
Sosehr sich auch Dr. Paul Sacher um sie bemühte, sie in Hof in Bayern besuchte, ihr sogar den ersten Kartengruß Peters in die Hand spielte — eine Ansicht des Hafens von Las Palmas bei einem Landgang auf den Kanarischen Inseln: >Versuche auch, Angela von mir zu grüßen< —, sie blieb bei ihrem festen Entschluß, nicht mehr an den Ort zurückzukehren, an dem sie einmal glücklich gewesen war. Alles — ob in der Lindenburg, in der Praxis am Stadtwald, in den Lokalen oder Theatern — erinnerte sie an Peter — es wäre ein ewiges Erinnern gewesen, ein beständiger Schmerz, dem sie sich nicht gewachsen fühlte. So zog sie sich zurück, weit weg von den ragenden Domtürmen am Rhein, und versuchte, sich ein Leben aufzubauen, in dem es keinen Dr. Perthes gab.
Natürlich blieb ein kleiner Stachel in ihrem Herzen zurück. Über ihn kam sie nicht hinweg, denn sie fühlte wohl, daß sie damals in ihrer Erregung einen großen Fehler gemacht hatte.
Als Peter von Bremerhaven abfuhr, fand sie in ihrer Wohnung, vom Labordiener gebracht, einen Brief vor. Sie erkannte auf dem Umschlag Peters steile Handschrift. Sie nahm den Brief von ihrem Schreibtisch auf, als sei er etwas, was man kaum anfassen dürfe. Sie ging damit in die Küche, zündete den Gasherd an und ließ den Brief ungelesen aufflammen. Dann legte sie das brennende Papier auf die Emailplatte des Herdes und beobachtete, wie das Schreiben zu einem Häuflein grauweißer Asche verbrannte. Diese kehrte sie säu-
berlich zusammen und warf sie in den Aschenkasten, mit einer Geste, die ein Abschluß war.
Heute, in der Stille des bayerischen Landhauses, auf dem Holzbalkon sitzend und auf die Wiesen hinabblickend, hätte sie gern gewußt, was seine letzten Worte waren. Ob sie Verzeihen suchten? Ob sie um Verständnis warben oder bloß eine Höflichkeit darstellten, an der man bei einem solchen Abschied nicht vorbeikommt? Ihre übereilte Handlung kam ihr jetzt dumm und kindisch vor. Aber sie war nun einmal geschehen, das Band, von dem sie glaubte, es sei aus Gold und könne nie im Sturm des Lebens zerschleißen, war gerissen. Immer aber, trotz der aufbrausenden Enttäuschung, fand sie an den Abenden zurück zu ihren Büchern, die sie aus Lübeck mitgebracht hatte. Dann saß sie unter der kleinen Tischlampe und studierte Toxikologie, stellte Formelgleichungen an und entwickelte theoretisch nach einem Handbuch Antitoxika, die schon vorhanden waren. Regelrechte Übungen waren das, Studien bekannter Gifte, ein Vertiefen in die Rätsel der winzigen Kristalle, die einen Menschen in kürzester Zeit zu Boden werfen können.
Schaudernd hatte sie oft die Wirkung der Gifte erlebt. Sie konnte es oft nicht verstehen, daß so etwas möglich war, sie rang um ihr Verstehen, wie klein der Mensch doch ist, wenn er durch mikroskopisch große Kristalle das Leben lassen muß. Und sie fand den Weg, den sie im Innern suchte, aber den der äußere Frauenstolz verdeckt hatte: Sie erkannte nun die Größe dieser Forschung und die Notwendigkeit, ihr Opfer zu bringen.
Sie lebte gerade einen Monat lang in Hof, als sie die Gewißheit bekam, daß sie Peter Perthes nie verlieren konnte, daß ein Vergessen unmöglich wurde. Der alte Landarzt, der Angela gründlich und väterlich untersuchte, klopfte ihr danach begütigend auf die Schulter und sah sie über die Brillengläser an. Dann stellte er seine Diagnose.
«Sie werden nicht die letzte sein, die vor einer solch schweren Prüfung steht«, sagte er leise.»Die Liebe kommt von Gott. Und der Kollege Dr. Perthes wird einmal stolz sein, wenn er nach Hause zurückkehrt und den Sinn seines Lebens vermehrt sieht. «Er schob die Brille hoch.»Nur, beste Frau Kollegin, Sie müssen es ihm schreiben.«
Angela Bender schüttelte den Kopf. Jetzt gerade nicht, dachte sie und erschrak zugleich innerlich über diesen Trotz. Jetzt werde ich beweisen, daß die Liebe einer Frau größer, reiner und duldender ist als die eines Mannes. Ich werde mein Kind großziehen, ich werde aus ihm einen ganzen Menschen machen, ich ganz allein. Und ich werde ihm die Unrast seines Vaters nehmen, vom ersten Lallen an werde ich ihm den Haß auf die Fremde lehren. Es wird mein Kind sein.
Sie schloß die Augen. Der alte Landarzt schien zu ahnen, was in der jungen Frau vorging, und schwieg. Er schrieb weiter auf seiner Karteikarte und vermied es, die Kollegin anzusehen oder gar anzusprechen.
Als Dr. Bender aufstand und sich verabschiedete, drückte er ihr fest die Hand.»Wenn Sie Hilfe brauchen — ich bin immer für Sie da. «Und als er spürte, daß sie zögerte, meinte er noch:»Bei jedem Menschen kommt einmal die Stunde, wo er glaubt, er könne eine Last nicht mehr weiter ertragen. Dann ist die Stunde gekommen, wo er einen anderen Menschen braucht, der ihn zurück auf den rechten Weg führt, der ihn stützt und leitet.«
Er sah ihr nach, wie sie über die Wiese, die vor seinem Haus lag, ging: federnd, leicht, schmal und ein wenig nach vorn gebeugt. Sie überquerte den Feldweg und wandte sich dem Wald zu, der gleich einer dunklen Wand die Felder begrenzte. Die Sonne sank.
Ich werde nach Köln schreiben, dachte der alte Arzt und schüttelte den Kopf, als könne er die heutige Jugend nicht mehr verstehen. Dort wird man wissen, was man zu tun hat.