Wir sind nur Menschen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:
Aber dann riß sie sich empor, ließ sich mit der Brandung ans flache Ufer tragen und lag wieder in der Sonne, braun, schmal und schön — eine Frau, die das Leben liebte, weil sie trotz allem noch einen Funken Hoffnung hatte, daß einmal alles gut werden könnte.
Aber irgendeine Empfindung, ein Gedanke in ihr verstand, was ihre Liebe nicht begreifen wollte oder konnte. Sie fuhr nach Lübeck und kaufte sich alle Bücher über Toxikologie, deren sie habhaft werden konnte, sie schrieb an das Tropeninstitut und ließ sich eine Literaturaufstellung schicken, nach der sie bei Fachverlagen die Werke bestellte. Plötzlich war ein unbändiges Interesse in ihr erwacht, in diese geheimnisvolle Welt der Gifte einzudringen, der sich Peter verschrieben hatte und für die er sein persönliches Glück zu opfern bereit war.
So las sie in den warmen Grömitzer Nächten viel über die Zauberwelt der Kristalle und Alkaloide, der chemischen Gifte und der Toxika der Natur. Sie studierte mit heißen Wangen die Berichte der Forscher aus allen Gegenden der Welt, wo das Gift im Kampf gegen den Feind noch eine Rolle spielte… aus Südamerika, aus Borneo, aus Sumatra, aus dem Kongobecken, aus Birma und Thailand. Und Angela Bender empfand zum erstenmal, welch ein großes Vorhaben Peter hinaus in die Welt und fort von ihrer Liebe trieb.
Mit diesen Gedanken und Empfindungen fuhr sie nach Köln zurück, ein wenig nach innen gekehrt, ein wenig reuevoll. Nur der Haß gegenüber dem Schicksal überlagerte ihre einsichtigen Gedanken, der Haß, der ihr kurzes Glück zerstören wollte.
Niemand wußte von ihrer Rückkehr. Sie verbarg sich in ihrer Wohnung, ging nur des Abends kurz aus und öffnete ihre Praxis erst nach vierzehn Tagen. In den vier einsamen Nächten in der stillen Wohnung — auch das Mädchen hatte Urlaub bekommen — überfiel sie das Bewußtsein der Verlassenheit mit doppelter Deutlichkeit.
Sie fühlte, daß sie etwas Grundlegendes falsch gemacht hatte, als sie Peter aus der Wohnung wies, daß sie anders hätte handeln müssen, um ihn zu halten. Sie versuchte an den langen einsamen Abenden selbstquälerisch, allein unter der Tischlampe sitzend, lesend oder in eine dunkle Ecke starrend, Verständnis für Peters Lage zu gewinnen.
Er ist ein Mann, der eine große Tat vor sich hat, sagte sie sich. Er hat ein Ziel, das größer ist als ich, der kleine Mensch an seiner Seite. Er gehört allen — und ich wollte ihn für mich allein haben. Ich war eine Egoistin. aber welche liebende Frau wäre das nicht? Ich hätte zu ihm sagen sollen: Ja, Peter, es ist gut, daß du fährst. Du willst hinaus in die Gefahr, gut, ich gehöre zu dir, also nimm mich mit! Ich will mit in den Urwald, oder ich will in Bogota auf dich warten, aber ich will dabeisein, bei dir sein, in der Nähe sein, wenn du mich brauchen solltest.
Sie stand auf und wanderte erregt im Zimmer auf und ab. Das wäre ein Weg, grübelte sie. Ich müßte mit ihm fahren — und wenn er nicht will, heimlich!
Sie warf die Locken aus der Stirn und ging zum Telefon. Herr von Barthey war nicht wenig erstaunt, als Angela Bender ihn anrief. Ihr Verlangen aber brachte ihn völlig aus seiner Ruhe.
«Unmöglich«, sagte er dann fest.»Ganz abgesehen davon, daß das Wahnsinn wäre, Sie in diese Fieberhölle zu schicken. Es geht auch technisch nicht. Sie brauchen einen Paß, Sie brauchen Visa, was mindestens vier bis sechs Wochen dauert! Dann eine Tropentauglichkeitsuntersuchung, Impfungen, Ausreiseerlaubnisse, Einreiseerlaubnisse, Devisengenehmigungen. beste Frau Doktor, es ist ganz aussichtslos!«
Sie legte den Hörer wort- und grußlos auf und sank in ihren Sessel zurück.
Soll ich zu ihm gehen und ihn um Verzeihung bitten? überlegte sie. Aber was nützt das alles! Er wird mir verzeihen, wir werden ei-nen schönen Abend verleben — und er wird doch fahren! Dort im Kalender ist der rote Strich, der Strich, der mein Leben vernichtet. An diesem Tag wird in Bremerhaven eine Schiffssirene heulen, eine Bordkapelle wird >Muß i denn.< oder >In der Heimat, da gibt's ein Wiedersehn< spielen, und dann wird der Schiffskiel durch das Wasser rauschen — die Glocken werden läuten — volle Fahrt voraus — nach Südamerika! Hinweg aus meinem Leben, mein lieber, lieber Peter.
Ich muß es ertragen, das war ihr einziger Entschluß nach allen Überlegungen. Fänden wir jetzt, kurz vor dem Abschied, wieder zusammen, dann würde die Trennung noch schwerer sein. So haben wir beide die Bitterkeit des Streites noch in uns und können leichter vergessen.
Vergessen? Gab es das überhaupt? Kann eine Liebe vergessen werden? Kann man einen Menschen einfach aus seinem Gedächtnis streichen, einen Menschen, der einmal dieses Gedächtnis mit seinem Ich so vollkommen ausfüllte, daß es nichts außer ihm gab?
Sie ging zu Bett — vier Nächte lang — und fand keinen Ausweg. Sie zermarterte sich, sie rang mit ihrem Stolz und ihrem Gefühl, mit ihrer Vernunft und ihrer Pflicht.
Als sie nach zwei Wochen, äußerlich erholt, erfrischt und braungebrannt, wieder in der Lindenburg erschien und Dr. Sacher begrüßte, war alles so, wie es vor der Reise an die Ostsee gewesen war. Sie ging Peter Perthes immer noch aus dem Weg, er arbeitete in seinem Labor oder saß des Abends bei Professor Window und spielte Schach, bis er vor Müdigkeit den Bauern mit dem Springer verwechselte.
Am 7. August 1950, es war ein Montag, bekam Peter Perthes seine Schiffskarten aus Hamburg. Die Ausreise war auf Mittwoch, den 16. August, morgens um 5.30 Uhr, festgesetzt. Die Würfel waren gefallen. Es gab kein Zurück mehr.
Herr von Barthey verständigte telegrafisch seine Geschäftsfreunde in Bogota, damit sie Dr. Perthes nach seiner Fahrt durch den Panamakanal in dem Hafen von Buenaventura erwarteten, dem einzigen Hafen in Kolumbien, von dem eine Eisenbahn quer durch die Cordillera zur Hauptstadt Bogota führt.
Professor Window reiste nach Bonn und besprach dort einen staatlichen Auftrag für Dr. Perthes, vom Kaiser-Wilhelm-Institut lief eine Anfrage ein, das Tropenkrankenhaus in Hamburg schickte eine Liste von Tropengiftfällen, die man zur Zeit noch nicht klären konnte. Eine kurze Pressenotiz unterrichtete die Welt darüber, daß ein Dr. Perthes aus Köln zur Erforschung neuer medizinischer Wege in die Urwälder Kolumbiens fahre. Die Meldung ging im politischen Geschehen unter, man las sie kaum oder vergaß sie sofort.
In diesen Tagen erlebte Angela Bender eine neue Beschämung. Dr. Perthes schickte seinen Labordiener zu ihr und bat um Herausgabe seiner Wäsche, seiner Anzüge. Er schickte keine Zeile mit, nicht einen Gruß, nichts. Er ließ seinen Wunsch mündlich bestellen, als wolle er damit ausdrücken, daß das Band nun endgültig gerissen und nie mehr zu flicken sei.
Mit unbewegter Miene packte Frau Dr. Bender Peters Sachen ein. Auch sie legte keinen Gruß bei. Nicht einen Wunsch für die Fahrt, nicht die Bitte: Komm gesund wieder, gesund und erfolgreich.
Als der Labordiener mit dem Paket für Peter Perthes wegging, wußte sie, daß sie eine Zukunft begraben und verloren hatte. Und es war nichts in ihr als Bitterkeit, als Traurigkeit über die eigene Feigheit und den dummen Stolz, einen Mann nicht um Verzeihung bitten zu können.
In der Frühe des 16. August 1950 lief die >Argentinia< aus Bremerhaven aus. Die kleinen Schlepper ließen zum Abschied ihre grellen Sirenen ertönen, die >Argentinia< antwortete dumpf, am Pier standen Menschen und winkten dem scheidenden Ozeanriesen nach. Die weißen Tücher flatterten, und es sah aus der Ferne aus, als schneie es dicke Flocken auf den Hafenkai. Die großen Schrauben des Dampfers wühlten das brackige Hafenwasser auf und schoben den Eisenkoloß ins freie Meer hinaus. Unermüdlich spielte die Bordkapelle, laut und ab und zu falsch.