Nach all den Jahrmilliarden
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 1982
- Язык: немецкий
- Год: Moewig
- ISBN: 3-8118-3601-3
- Переводчик: Andreas Brandhorst
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Nach all den Jahrmilliarden». Краткое содержание книги:
Eine Szene war in einer Stadt der Erhabenen aufgenommen. Das nehme ich jedenfalls an. Ich sah umherstreifende Gestalten, jene sechsgliedrigen Humanoiden mit den kuppelförmigen Köpfen, die uns von den Plakettendarstellungen her so vertraut sind. Ihre Haut war von satter, dunkelgrüner Farbe und von sich überlappenden, glänzenden Schuppen bedeckt, was vielleicht auf reptilartige Vorfahren hindeutet. Sie gingen nicht, sie glitten eher dahin, schienen fast zu schweben; ich kann nicht erklären, warum sie so anmutig wirkten.
Ihre Stadt bestand aus weit in den Himmel ragenden Pfeilern, die jeweils vielleicht fünfzig Meter voneinander entfernt waren — ich besaß keinen Vergleichsmaßstab. Weit oben war eine Art Netzwerk gespannt, das die Gipfel aller Pfeiler miteinander verband. Wie Spinnen von einem Spinnennetz baumelten Bauwerke von diesem Geflecht: Jedes schwang am Ende eines langen Kabels sanft hin und her, und jedes hing hoch über dem Boden und war unterschiedlich weit vom Netz darüber entfernt. Diese Schwebhäuser waren größtenteils tränenförmig, aber es gab auch sphärische und kubische und achteckige. Kleinere Kabel stellten die Verkehrsverbindungen zwischen den herabhängenden Gebäuden dar. Die Luft war voller Erhabener, die hinauf- oder hinunterglitten oder horizontal dahinschwebten, und sie hielten sich dabei an Kabeln fest, die sich von ganz allein zu bewegen schienen. Goldgrünes Sonnenlicht sickerte durch die obersten Schichten des Netzes, und es erweckte den Eindruck, als befände sich alles unterhalb des Meeresspiegels. Während ich zusah, brach die Nacht an, und plötzlich glänzte das Licht Tausender Sterne herunter. Jetzt begannen sich die Gebäude selbst zu bewegen: An ihren Kabeln glitten sie in die Höhe oder Tiefe, während Erhabenein großer Zahl von einem zum anderen wechselten. Ich habe fremdartige Bilder gesehen, Lorie, aber nichts so Fremdartiges wie dies hier. Jene großen und anmutigen Geschöpfe (irgendwie stelle ich sie mir viel größer als Menschen vor), jene herabhängenden Häuser, das gespenstische Tageslicht und der überwältigende Glanz der Sterne… all das vermischte sich zu etwas vollkommen Fremdartigem.
Der Aufnahmewinkel förderte diesen Eindruck noch. Ich hätte angenommen, daß in den rund vier Jahrhunderten, seit Edison seine erste Filmkamera montierte, alle Arten, eine bestimmte Szene zu filmen, ausprobiert worden sind. Aber wer auch immer diesen eine Milliarde Jahre alten Schnappschuß aufgenommen hat, er hat die Dinge auch nicht annähernd auf die Weise betrachtet wie ein moderner Kameramann von heute. Und deshalb hatten wir es mit sich ständig verändernden Blickwinkeln zu tun: einmal von oben, dann von unten, dann aus dem Zentrum der Stadt. Die Kamera glitt so frei durch jene seltsame Stadt, daß ich mich an der Laboratoriumsbank festklammern mußte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Wie in einem Traum gefangen, sah ich eine ganze Zeitlang zu, wie diese Geschöpfe ihren rätselhaften Beschäftigungen nachgingen, wie sie an ihren Kabeln hinauf- und hinunterglitten, sich voreinander verneigten, sich anmutig die Hände reichten und Geschenke austauschten (ich erkannte einige Inschriftsknoten, die den Besitzer wechselten), wie sie in Gespräche verwickelt waren, denen ich nicht zuhören konnte, da die Projektion ohne akustische Untermalung war. Dann drehte ich mich um und wandte mich der nächsten Sequenz zu.
Sie zeigte eine Szene im Innern eines der Schwebhäuser: ein großer, von rötlichem Licht erhellter Raum, dessen Wände mit einer lebendigen Substanz bedeckt zu sein schienen, mit etwas Weichem und Vibrierendem, das in unregelmäßigen Abständen anschwoll und zusammenschrumpfte, sich einmal aufblähte und spannte wie ein Trommelfell, sich dann kräuselte und wie ein Hautlappen wand.
Neun Erhabene befanden sich in diesem Raum. Zwei von ihnen hatten sich an in der Decke befestigten Kabeln festgeklammert und waren, soweit ich das feststellen konnte, wie in Trance erstarrt — oder vielleicht tot und ausgestopft. (Die Begräbnissitten von fremden Rassen entziehen sich jedem Verständnis. Ebenso wie die Begräbnissitten von Völkern, die gar nicht so fremdartig sind. Kannst du dir den Sinn erklären, warum man Tote in einen Kasten legt und diesen Kasten in die Erde eingräbt?) Drei der Erhabenen standen in einer dem Aufnahmepunkt gegenüberliegenden Ecke und waren mit etwas beschäftigt, bei dem es sich um einen seltsam anmutenden Volkstanz handeln konnte oder um eine Art Sex: Sie hatten sich mit dem Gesicht nach innen und gegenseitig eingehakten Armen im Kreis aufgestellt, preßten die Wangen aneinander und glitten mit langsamen und genau abgestimmten Bewegungen herum und herum und herum. Werde du daraus schlau. Ein anderer Erhabener beugte sich über eine Miniaturausführung einer Kugel, die derjenigen sehr ähnlich war, die uns unterhielt. Sie projizierte ein winziges Bild, aber wir konnten es nicht deutlich erkennen. Die anderen drei Erhabenen saßen in einer Bodenmulde, reichten einen flaschenartigen Behälter mit einer farbigen Flüssigkeit herum und tauchten dann und wann die Fingerspitzen hinein.
Die angrenzende Sequenz zeigte die Konstruktion eines der Schwebhäuser. Zunächst wurde vom Netz aus ein Kabel heruntergelassen. Dann spuckten Maschinen am Boden Strahlen aus — Kunststoff? — in die Luft. In der Mitte zwischen Netz und Boden hefteten sich die hochgestrahlten Materialien an das Kabel, als würden sie durch ein Magnetfeld davon angezogen, und dann nahm die Masse von ganz allein die Form eines eleganten, achteckigen Gebildes an. Alles geschah vollkommen automatisch, und es dauerte nur etwa sechs Minuten.
Bei der vierten Sequenz handelte es sich nur um ein abstraktes Muster, ein Auf- und Abspulen grüner und roter Formen, das so wechselhaft und verwirrend war, daß ich mich nicht näher darüber auslassen möchte.
Die fünfte Sequenz zeigte eine öde Landschaft: keine Bäume, kein Gras, verstreute, eisbedeckte Felsbrocken, kupferroter Himmel, eisengrauer Boden, die Sonne blaß und kraftlos. In mittlerer Entfernung befand sich eine weitere Dreiergruppe von Erhabenen, die Gesichter nach innen, die Arme ineinander gehakt, die Wangen aneinandergepreßt… der gleiche langsame Tanz.
Die sechste Sequenz präsentierte das Innere einer Art Höhle, deren Wände von großen, rohen Edelsteinen überkrustet waren, von funkelnden Kristallen Hunderter verschiedener Arten. Die Kamera spähte durch den Boden der Höhle, der offenbar aus Glas bestand, und enthüllte in einer unterirdischen Kammer gewaltige, pochende und hämmernde Maschinen: riesige, grüne, unaufhörlich pumpende Kolben, glänzende, schwarze Fließbänder, rotierende Turbinen. Erhabene mit gelben Gürteln (die einzige Bekleidung, die sie überhaupt zu tragen schienen) schritten durch die Gänge zwischen diesen Aggregaten und blieben gelegentlich stehen, um Kontrollpulte zu überprüfen.
Ich hatte eine volle Drehung ausgeführt, denn bei der angrenzenden Sequenz handelte es sich wieder um das Bild der Stadt, das sich nicht sonderlich verändert hatte. Der Raum mit den neun Erhabenen aber war verschwunden, und dafür sah ich nun die Nahaufnahme eines einzelnen Erhabenen, der einen Inschriftsknoten in Händen hielt. Die Kamera holte den Ausschnitt mit der Inschrift näher heran, und eine ganze Zeitlang veränderte sich dieses Bild nicht, so daß man erkennen konnte, wie sich die Inschrift mehrmals veränderte.
Die Sequenz daneben zeigte nicht mehr den Bau des Schwebhauses. Sie präsentierte nun…
Aber warum damit fortfahren? Eine volle Stunde lang betrachtete ich diese Szenen, und alle waren faszinierend, alle verwirrend. Ich könnte mit der Multiplizierung der Rätsel weitermachen, indem ich alles aufliste, aber inzwischen hast du sicher eine Vorstellung davon, wie fremdartig und seltsam dieses Volk ist, wie hochentwickelt seine Zivilisation und wie wenig wir davon verstehen.
Eine seltsame Sache. Für gewöhnlich entdeckt man durch die Archäologie Verwandtschaften mit uralten Vorfahren. „Wie sehr uns die alten Ägypter doch ähnelten!“ würde ein Ägyptologe sagen. „Sie logen und betrogen, sie gingen fremd und frisierten ihre Steuern. Alle unsere eigenen speziellen kleinen Sünden gab es auch bei ihnen! Selbst die Untertanen des Pharao hatten ihre Schwächen und Ambitionen, ihre Hoffnungen und Träume.“ Und so weiter und so fort. Setz die Sumerer an die Stelle der Ägypter oder die Cro-Magnon-Höhlenmaler an die der Sumerer, und die Experten werden es dir weiter vorbeten: Je mehr wir über sie herausfinden, desto deutlicher wird, daß jene Menschen aus fernster Vergangenheit nur einfache und schlichte Leute waren.