Wir sind nur Menschen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:
Angela lachte schrill auf und bog sich nach hinten.»Das waren alles nur Einbildungen, das haben wir alles nicht gesagt, das ist alles vergessen! Nun warten die Wilden mit Curare an den Pfeilen, es warten die Schlangen und Spinnen mit ihren Giftzähnen und Stacheln! Und es wartet der Ruhm des Jahrhunderts, Herr Dr. Peter Perthes, der zweite Robert Koch. Dr. Perthes bekommt den Nobelpreis, Dr. Perthes fährt im Triumphzug durch New York — Dr. Perthes, der Retter der Menschheit. Hörst du nicht schon die Zeitungsjungen die Schlagzeilen ausrufen? Siehst du nicht schon die rot unterstrichenen, zentimeterdicken Überschriften? Dr. Perthes! Überall Dr. Perthes. Dr. Perthes. Dr. Perthes!«Sie schrie es fast:»Ich kann diesen Namen nicht mehr hören! Geh! Bitte Geh!«
Sie wandte sich ab. Peter stand im Zimmer, die Haare hingen ihm ins Gesicht. Mit einer müden Bewegung nahm er sein Jackett auf, zog es über und verließ stumm das Zimmer.
Als die Tür der Wohnung hinter ihm ins Schloß fiel, verspürte Angela den rasenden Wunsch, ihn zurückzurufen. Aber sie klammerte sich an der Sessellehne fest, biß die Lippen aufeinander, bis sie bluteten, und sank dann auf die Erde, wo sie wie eine heruntergestürzte Porzellanpuppe auf dem roten Teppich lag, weiß, starr, zerbrechlich.
Sie erwachte erst tief in der Nacht und stellte mit grenzenlosem Erstaunen fest, daß sie in den letzten Stunden ein anderer Mensch geworden war.
Kapitel 5
Zwei Wochen lang sahen sich Angela und Peter nicht.
_In dieser Zeit schloß er seine Vorbereitungen für die Expedition ab. Die Transportlisten für die Schiffslasten waren geschrieben, die empfindlichen Instrumente und Medikamente, die mit dem Flugzeug nach Bogota vorausgeschickt wurden, überprüfte er zum letztenmal zusammen mit Dr. Sacher. Es fehlte nichts. Bis ins kleinste durchdacht waren alle Pläne, selbst die Waffen fehlten nicht, die Peter mit in den unbekannten Urwald nehmen wollte: eine gute englische Büchse, zwei Pistolen, zwei Schrotgewehre, einen Drilling und eine Kiste mit Munition.»Ich hoffe, die Büchsen nie zu brauchen«, sagte Perthes zu Dr. Sacher, während er die Waffen auf den Listen abhakte.»Ich will kommen, um den Menschen zu helfen, nicht, um sie zu töten.«
«Sie werden dich danach nicht fragen!«Paul Sacher klappte den Schnellhefter zu und legte die Listen beiseite.»Es genügt, daß du ein Weißer bist, ein Weißer, der in ihr Land eindringt! Du bist ein Feind, schon deiner Hautfarbe wegen.«
«Jetzt redest du wie Angela. «Dr. Perthes wischte mit der Hand durch die Luft.»Als ob die Menschheit nur aus Mördern bestände!«
Paul Sacher setzte sich und schlug die Beine übereinander. Als er sprach, vermied er es, den Freund anzusehen.
«Was macht denn Angela?«
«Ich weiß es nicht.«
«Findest du, daß du dich ihr gegenüber richtig verhältst?«
«War es vielleicht richtig von ihr, mich einen Narren zu nennen und zu schreien: >Ich kann den Namen Dr. Perthes nicht mehr hö-ren!<?«
Paul Sacher schüttelte den Kopf.»Peter, du bist doch Arzt und kein Kind! Du weißt wie ich, wie lieb sie dich hat und daß ihr an jenem Abend einfach die Nerven durchgingen… aus Liebe zu dir! Aus Sorge, wenn du so willst, aus purer, nackter Angst, dich zu verlieren. In ihren Augen bist du eben ein Narr, weil du ein wildes, gefahrvolles Leben dem Glück an ihrer Seite vorziehst. In meinen Augen bist du das auch!«
«Danke!«Es klang hart, dieses Wort, und Dr. Sacher gab es auf, weiter darüber mit dem Freund zu sprechen. Er hatte eingesehen, daß es für Peter kein Zurück mehr gab, auch wenn er es jetzt noch plötzlich gewollt hätte. Die Schiffskarten, die Ausrüstung, die Flugkarten, die Behörden — alles war organisiert. Direktor von Barthey zählte die Tage bis zur Abfahrt, man suchte schon ein Gelände am Kölner Stadtrand, wo einmal die Fabrikationswerkstätte stehen sollte, 50.000 DM waren mit höchster Genehmigung in Devisen umgewechselt worden, die kolumbianische Ärzteschaft erwartete ihn
— es gab freilich kein Zurück mehr. Dr. Perthes hatte dem Schicksal die Hand gereicht, und es hatte den ganzen Menschen genommen.
Drei Tage später fuhr Peter Perthes nach Hamburg. Im Tropeninstitut ließ er sich untersuchen, obwohl er wußte, daß er tropentauglich war. Sein Herz war gut, die Lungen ohne Befund, Magen, Galle, Leber, die Zähne — alles war gesund. Er ließ sich gegen Cholera, Fleckfieber, Typhus und Malaria impfen; in kleinen Tropenpackungen nahm er die wertvollen Impfstoffe gegen Pocken, Pest und Lepra mit und versprach dem Chef des Tropeninstituts, einige neue Sera auszuprobieren. Er nahm aus den einzelnen Labors die Erprobungspräparate mit, hatte Konferenzen mit den verschiedensten Forschern und kehrte nach Köln zurück mit einem großen Koffer und einer noch größeren Tropenkiste aus Aluminium, voller Ampullen, Salben, Tropfen und Suppositorien, müde, abgespannt, aber vollgestopft mit Aufträgen und ehrenden Worten.
Von alledem erfuhr Angela Bender nichts. Sie hörte wohl hier und da im Gespräch mit Kollegen, daß Dr. Perthes in Hamburg sei, sie verließ aber sofort die Runde, wenn Näheres über Peter gesprochen wurde. Sie wollte nichts wissen, wollte nichts hören — nichts von dem, was ihr nachts den Schlaf raubte und was sie innerlich ausbrannte wie durch ein unlöschbares Feuer. Er fährt, dachte sie immer wieder, er fährt in die schrecklichen, tödlichen Wälder, und ich werde ihn ganz sicher nie, nie mehr wiedersehen.
Der einzige Trost war ihre Arbeit. An ihr riß sie sich empor, in ihr fand sie die Kraft, so zu sein, als wäre nichts in ihrem Leben auseinandergebrochen.
Dr. Bender verrichtete ihren ärztlichen Dienst in der Kinderstation der Lindenburg, äußerlich wie früher, freundlich, hübsch, eine nette Kollegin und eine gute Ärztin.
An den großen Laborfenstern ging sie nicht mehr vorbei. Und Paul Sacher besuchte sie nur, wenn Peter aus dem Hause war, aber wenn der Chirurg auch etwas ahnte, sie schwieg über das Vorgefallene und unterhielt sich mit ihm über dienstliche Fragen. Sie nahm sogar einen Teil ihres Jahresurlaubs und fuhr für vierzehn Tage an die Ostsee.
Peter Perthes litt sehr unter dieser Trennung, wenn er sich äußerlich auch nichts anmerken ließ und wie immer den frohen, geselligen Kollegen spielte. Es fiel zwar auf, daß er jetzt am Abend wieder genug Zeit hatte, den Ärzteskat zu besuchen — was er früher nie tat, mit der Ausrede, er müsse noch ins Labor und eine Versuchsreihe vollenden. Man merkte auch, daß er jetzt häufig mit Dr. Sacher und dem Chef zusammen war, man war aber so gut erzogen, nicht zu fragen; und auch selbst dann, als es sich nicht vermeiden ließ und sich Angela und Peter auf dem Flur der Chirurgischen Abteilung trafen und mit einem genickten Gruß aneinander vorbeigingen, übersah man dies schicklich und entschuldigte es mit einer jener Auseinandersetzungen, wie sie wohl in jeder Braut- und Ehezeit einmal vorkommen.
Die zwei Wochen, in denen Angela Bender im weißen Seesand von Grömitz lag und sich bräunen ließ, sogar im Kurhaus tanzte und sich alle Mühe auferlegte, das Erlebnis mit Peter Perthes zu vergessen, verbrachte er damit, seine Nährböden und Gifte tropenfest zu verpacken, einen Spezialkocher zu konstruieren, mit dem er Bakterien in kürzester Zeit vermehren konnte, und eine Destillationsanlage zu erfinden, die es ihm ermöglichte, Gifte in Sekundenschnelle in bestimmte Substanzen zu zerlegen. So war alles auf das beste und bis ins kleinste geordnet, als der Tag der Abreise immer näher rückte.
Angela Bender kam nach zehn Tagen schon aus Grömitz zurück. Es hielt sie nicht mehr unter lauter fröhlichen, unbeschwerten Menschen. Jeden Abend, wenn sie den Kalender betrachtete und die Wochen zählte bis zu jenem roten Strich, der den Tag der Abreise Peters bezeichnete, stürzten ihr die Tränen aus den Augen, und sie weinte, bis sie vor Erschöpfung einschlief Morgens lag sie dann wieder am Strand, baute sich eine kleine Sandburg, schwamm in die See hinaus und spielte Augenblicke lang mit dem wahnwitzigen Gedanken, sich einfach absinken zu lassen, unterzugehen in den schäumenden Wellen, und damit alles zu vergessen, was das Leben so schwer machte.