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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)

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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
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Es war eine sorgfältig nach Daten und Orten sortierte Auflistung von Leichen, die man in der Umgebung von Steinkreisen gefunden hatte. Ihr Aussehen wurde beschrieben, und darunter waren jeweils ein paar Vermutungen notiert.

14. August 1931. Sur-le-Meine, Bretagne. Männliche Leiche, nicht identifiziert. Alter Mitte vierzig. Gefunden nahe der Nordseite eines Steinkreises. Todesursache nicht ersichtlich, aber Verbrennungen an Armen und Beinen. Kleidung nur als »Lumpen« beschrieben. Kein Foto.

Möglicher Grund für Fehlschlag: (1) männlich, (2) falsches Datum – 23 Tage nach dem letzten Sonnenfest.

2. April 1650. Castlerigg, Schottland. Frauenleiche, nicht identifiziert. Alter ungefähr fünfzehn. Beträchtliche Verstümmelungen, vielleicht von Wölfen vom Steinkreis weggezerrt. Kleidung nicht beschrieben.

Möglicher Grund für Fehlschlag: (1) falsches Datum – 28 Tage vor Sonnenfest, (2) mangelnde Vorbereitung.

5. Februar 1953. Callanish, Insel Lewis. Männliche Leiche, identifiziert als John McLeod, Hummerfischer, Alter 26. Diagnostizierte Todesursache massive Hirnblutungen, pathologische Untersuchung aufgrund des Erscheinungsbildes der Leiche – Verbrennungen zweiten Grades an Gesicht und Gliedmaßen und angesengtes Aussehen der Kleidung. Pathologe vermutet Tod durch Blitzschlag – möglich, aber nicht wahrscheinlich.

Möglicher Grund für Fehlschlag: (1) männlich, (2) sehr nah an Imbolc, aber vielleicht nicht nah genug? (3) unzulängliche Vorbereitung – Zeitungsfoto zeigt das Opfer mit offenem Hemd; verbrannte Stelle auf der Brust scheint die Form eines St.-Bridhe-Kreuzes zu haben, aber zu undeutlich, um es mit Sicherheit zu sagen.

1. Mai 1963. Tomnahurich, Schottland. Frauenleiche, identifiziert als Mary Walker Willis. Pathologische Untersuchung, Körper und Kleidung beträchtlich angesengt, Tod durch Herzversagen – Aortariss. Bericht merkt an, Miss Walkers Kleidung sei »merkwürdig«, keine Details.

Fehlschlag – diese hier hat gewusst, was sie tat, hat es aber nicht geschafft. Fehlschlag wahrscheinlich durch Mangel des richtigen Opfers.

Die Liste ging weiter, und Roger wurde mit jedem Namen eisiger zumute. Insgesamt hatte sie zweiundzwanzig gefunden, gemeldet in einem Zeitraum von der Mitte des siebzehnten bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts an Fundorten in ganz Schottland, Nordengland und der Bretagne, die sämtlich Spuren prähistorischer Bauten aufwiesen. Manche waren offensichtlich Unfälle gewesen, dachte er – Menschen, die völlig arglos in einen Steinkreis getreten waren und nicht die geringste Ahnung hatten, wie ihnen geschah.

Ein paar – nur zwei oder drei – schienen Bescheid gewusst zu haben; sie hatten sich dementsprechend gekleidet. Vielleicht hatten sie die Passage schon einmal gemacht und es erneut versucht – und diesmal hatte es nicht funktioniert. Sein Magen rollte sich zu einer kleinen, kalten Schnecke zusammen. Claire hatte recht gehabt – es war nicht ganz so, als ob man durch eine Drehtür geht.

Dann waren da Vermisste … diese hatten ihr eigenes Kapitel, ordentlich registriert nach Datum, Geschlecht und Alter und allen Anmerkungen über die Umstände, soweit sie überliefert waren. Ah – das war also die Bedeutung der Kreuze; wie viele Menschen im Umfeld eines jeden Festes verschwunden waren. Es gab mehr Vermisste als Tote, doch gab es dazu zwangsläufig weniger Daten. Die meisten waren mit Fragezeichen versehen – Roger vermutete, dass niemand sagen konnte, ob das Verschwinden eines Menschen in der Nähe eines Steinkreises notwendigerweise mit dem Kreis in Verbindung stand.

Er blätterte um und hielt inne. Er fühlte sich, als hätte man ihm in den Magen geboxt.

1. Mai 1946. Craigh na Dun, Inverness-shire, Schottland. Claire Randall, Alter 27, Hausfrau. Wurde zuletzt am frühen Morgen gesehen, hatte angekündigt, im Steinkreis nach Exemplaren seltener Pflanzen suchen zu wollen, war bei Anbruch der Dunkelheit nicht zurück. Auto wurde am Fuß des Hügels geparkt gefunden. Keine Spuren im Kreis, kein Anzeichen für ein Verbrechen.

Er blätterte vorsichtig um, als rechnete er damit, dass ihm die Seite um die Ohren flog. Also hatte Claire unfreiwillig einen Teil des Beweismaterials geliefert, das zu Gillian Edgars’ eigenem Experiment geführt hatte. Hatte Geillis auch die Berichte von Claires Rückkehr drei Jahre später gefunden?

Nein, offensichtlich nicht, folgerte er nach weiterem Herumblättern in diesem Kapitel – oder wenn, dann hatte sie es hier nicht festgehalten.

Fiona hatte ihm frischen Tee und einen Teller mit Ingwer-Nuss-Plätzchen gebracht, der unberührt dagestanden hatte, seit er angefangen hatte zu lesen. Mehr aus Pflichtgefühl denn Hunger nahm er sich ein Plätzchen und biss hinein, doch die scharf gewürzten Krümel blieben ihm im Hals stecken und brachten ihn zum Husten.

Das letzte Kapitel des Buches trug die Überschrift »Techniken und Vorbereitungen«. Es begann:

Hier liegt etwas, das älter ist als die Menschheit, und die Steine hüten seine Macht. In den alten Zaubersprüchen ist die Rede von den »Linien der Erde« und der Macht, die sie durchströmt. Ich bin mir sicher, dass der Zweck der Steine mit diesen Linien zu tun hat. Doch beeinflussen die Steine die Linien der Macht, oder sind sie nur Wegweiser?

Der Keksbissen schien sich dauerhaft in seinem Hals festgeklemmt zu haben, ganz gleich, wie viel Tee er trank. Er las immer schneller, überflog den Text, ließ ganze Seiten aus und lehnte sich schließlich zurück und schlug das Buch zu. Er würde den Rest später lesen – und das nicht nur einmal. Doch jetzt musste er hinaus an die frische Luft. Kein Wunder, dass das Buch Fiona verwirrt hatte.

Er ging schnell die Straße entlang zum Fluss und ignorierte den leichten Regen. Es war spät; eine Kirchenglocke schlug zum Abendgebet, und auf den Brücken setzte der allabendliche Fußgängerverkehr zu den Kneipen ein. Doch durch Glockenschlag, Stimmen und Schritte hörte er die letzten Worte, die er gelesen hatte. Sie klangen in seinem Ohr nach, als hätte sie direkt zu ihm gesprochen.

Soll ich dich küssen, Kind, soll ich dich küssen, Mann? Spüre die Zähne hinter meinen Lippen, wenn ich es tue. Ich könnte dich ebenso leicht umbringen, wie ich dich umarme. Der Geschmack der Macht ist der Geschmack des Blutes – Eisen in meinem Mund, Eisen in meiner Hand.

Ein Opfer ist erforderlich.

Kapitel 33

Mittsommernacht

20. Juni 1971

In der Mittsommernacht steht in Schottland die Sonne zusammen mit dem Mond am Himmel. Sommersonnenwende, das Fest der Litha, Alban Eilir. Fast Mitternacht, und das Licht war gedämpft und milchig weiß, doch trotzdem war es Licht.

Er spürte die Steine schon lange, bevor er sie sah. Claire und Geillis hatten recht gehabt, dachte er; das Datum spielte eine Rolle. Bei seinen früheren Besuchen waren sie unheimlich gewesen, aber stumm. Jetzt konnte er sie hören; nicht mit den Ohren, sondern mit der Haut – ein tiefes, dröhnendes Brummen wie die Basspfeife eines Dudelsacks.

Sie überquerten den Hügelkamm und blieben zehn Meter vor dem Kreis stehen. Unten lag das dunkle Tal, rätselhaft unter dem aufgehenden Mond.

Er hörte neben sich ein leises Einatmen, und ihm wurde klar, dass Fiona ernsthaft Angst hatte.

»Hör mal, du brauchst nicht hierzubleiben«, sagte er zu ihr. »Wenn du Angst hast, dann solltest du nach unten gehen; ich komme schon klar.«

»Ich habe doch keine Angst um mich, Dummkopf«, murmelte sie und schob ihre geballten Fäuste tiefer in die Taschen. Sie wandte sich ab und senkte den Kopf wie ein kleiner Stier, als sie den Pfad entlangblickte. »Na, dann komm.«

Über ihm raschelte es im Erlendickicht, und er erschauerte mit einem Mal. Kalte Übelkeit durchlief ihn, obwohl er so warm angezogen war. Seine Kleidung kam ihm plötzlich lächerlich vor; der langschößige Rock und das Wams aus dicker Wolle, die passende Kniehose und die gestrickten Strümpfe. Ein Theaterstück im College, hatte er dem Schneider gesagt, der ihm das Kostüm gefertigt hatte.

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