Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Ute starrte mich an. Wut und Abneigung standen ihr deutlich ins Gesicht geschrieben, wurden jedoch von unterschwelligem Entsetzen gedämpft.
»Ihr seid wahnsinnig«, sagte sie und nickte. »Ich verstehe.« Jetzt klang sie beinahe ruhig. »Also schön.«
Sie wandte sich Jamie zu und zwirbelte dabei mechanisch ihr wirres blondes Haar hoch, um es unter ihre gigantische Haube zu stecken. Deren Spitzenkante war halb abgerissen und hing ihr in einer absurden Schlaufe über dem Auge.
»Sie hat also den Verstand verloren. Das sehe ich ein … aber dennoch, mein Sohn – mein Sohn! – ist fort. Also.« Sie stand keuchend da, betrachtete mich kopfschüttelnd und wandte sich dann erneut Jamie zu.
»Salem steht Euch nicht mehr offen«, sagte sie knapp. »Meine Familie, jeder, der uns kennt – sie werden keinen Handel mehr mit Euch treiben. Und auch sonst niemand, dem ich von ihrer Bosheit erzählen kann.« Ihr Blick wanderte wieder zu mir zurück, ein eisig kaltes Blau, und ihre Lippen verzogen sich unter der Spitzenschlaufe zu einem Hohnlächeln.
»Ihr seid Gemiedene«, sagte sie. »Ihr existiert nicht mehr.« Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging, so dass Ian und Rollo gezwungen waren, ihr hastig aus dem Weg zu gehen. Ihre Schritte hallten auf der Treppe wider, ein schwerfälliger, gemessener Gang wie das Schlagen einer Totenglocke.
Ich sah, wie sich Jamies Schultern Stück für Stück entspannten. Er war immer noch im Nachthemd – er hatte eine feuchte Stelle zwischen den Schulterblättern – und hatte immer noch die Pistole in der Hand.
Unten knallte die Haustür zu. Alle standen wie vom Donner gerührt schweigend da.
»Du hättest doch nicht wirklich auf sie geschossen, oder?«, fragte ich und räusperte mich.
»Was?« Er wandte sich um und starrte mich an. Dann sah er meine Blickrichtung und betrachtete die Pistole in seiner Hand, als fragte er sich, woher sie gekommen war.
»Oh«, sagte er. »Nein«, und schüttelte den Kopf, während er den Arm ausstreckte, um sie wieder auf den Schrank zu legen. »Ich hatte ganz vergessen, dass ich sie in der Hand hatte. Obwohl ich das verrückte Weibsstück weiß Gott gern erschossen hätte«, fügte er hinzu. »Geht es dir gut, Sassenach?«
Er beugte sich zu mir nieder, um mich anzusehen, und sein Blick war sanft vor Sorge.
»Ja. Ich weiß nicht, was – aber es ist alles gut. Jetzt ist es fort.«
»Ah«, sagte er leise, wandte den Blick ab und senkte die Wimpern, um seine Augen zu verbergen. Hatte er es also auch gespürt? Sich plötzlich … zurückversetzt gefühlt? Ich wusste, dass es ihm schon einmal so gegangen war; erinnerte mich daran, wie ich eines Nachts in Paris aufgewacht war und ihn an das offene Fenster gelehnt gesehen hatte, die Hände so fest gegen den Rahmen gepresst, dass sich seine Armmuskeln im Mondschein deutlich abzeichneten.
»Es ist alles gut«, wiederholte ich und berührte ihn, und er lächelte mich kurz und schüchtern an.
»Du hättest sie beißen sollen«, sagte Ian gerade streng zu Rollo. »Sie hat doch einen Hintern, der so groß ist wie ein Tabakfass – wie konntest du den verfehlen?«
»Wahrscheinlich hatte er Angst, sich zu vergiften«, sagte ich und trat aus meiner Ecke. »Glaubst du, sie hat es ernst gemeint – oder nein, sie hat es mit Sicherheit ernst gemeint. Aber glaubst du, sie kann es tun? Dafür sorgen, dass niemand mehr mit uns handelt, meine ich?«
»Sie kann dafür sorgen, dass Robin nicht mehr mit uns handelt«, sagte Jamie, und seine Miene nahm wieder einen gewissen Ingrimm an. »Was den Rest angeht … Wir werden sehen.«
Ian schüttelte stirnrunzelnd den Kopf und rieb sich vorsichtig mit den Fingerknöcheln der Faust über den Oberschenkel.
»Ich wusste doch, dass ich Manfred besser den Hals gebrochen hätte«, sagte er voll aufrichtigem Bedauern. »Wir hätten Frau Ute sagen können, dass er von einem Felsen gestürzt ist, und hätten uns eine Menge Ärger erspart.«
»Manfred?« Beim Klang des leisen Stimmchens fuhren wir herum wie ein Mann, um festzustellen, wer da gesprochen hatte.
Lizzie stand in der Tür, dünn und bleich wie ein hungriges Gespenst mit riesigen, vom Fieber noch glasigen Augen.
»Was ist denn mit Manfred?«, sagte sie. Sie schwankte gefährlich und streckte die Hand aus, um sich am Türrahmen abzustützen und nicht hinzufallen. »Was ist ihm zugestoßen?«
»Geschlechtskrank und abgehauen«, erklärte Ian wortkarg und richtete sich auf. »Ich hoffe, du hast ihm nicht deine Jungfräulichkeit geschenkt.«
Am Ende gelang es Ute McGillivray doch nicht, ihre Drohung vollständig in die Tat umzusetzen – doch sie richtete auch so genug Schaden an. Manfreds dramatisches Verschwinden, die Lösung seiner Verlobung mit Lizzie und der Grund für diesen Schritt verursachten einen fürchterlichen Skandal, der sich von Hillsboro und Salisbury, wo er hin und wieder als wandernder Büchsenmacher gearbeitet hatte, bis nach Salem und High Point herumsprach.
Infolge von Utes Bemühungen war die Geschichte jedoch noch verworrener als bei solchen Gerüchten üblich; die einen sagten, er hätte die Syphilis, andere, ich hätte ihn aufgrund eines erfundenen Streits mit seinen Eltern böswilliger- und fälschlicherweise beschuldigt, sie zu haben. Andere waren mir wohler gesinnt. Sie glaubten zwar nicht, dass Manfred die Krankheit hatte, sagten aber, ich hätte mich zweifellos geirrt.
Diejenigen, die es glaubten, dass er die Krankheit hatte, waren geteilter Meinung, wie er darangekommen war; die eine Hälfte war überzeugt, er hätte sie von irgendeiner Hure, und ein Großteil der anderen spekulierte, dass er sie von der armen Lizzie hatte, deren Ruf schrecklich litt – bis Ian, Jamie, die Beardsley-Zwillinge und sogar Roger es übernahmen, ihre Ehre mit den Fäusten zu verteidigen. Zwar hörten die Leute an diesem Punkt nicht auf zu reden – aber sie hörten auf zu reden, wenn einer ihrer ritterlichen Verteidiger in Hörweite war.
Utes zahlreiche Verwandte in und um Wachovia, Salem, Bethabara und Bethania glaubten natürlich ihre Version der Geschichte und zerrissen sich fleißig die Mäuler. Salem stellte den Handel mit uns zwar nicht vollständig ein – aber viele einzelne Einwohner taten es. Und immer öfter machte ich die verstörende Erfahrung, einen Herrnhuter Bruder zu grüßen, den ich gut kannte, und dann mit ansehen zu müssen, wie er versteinert schweigend durch mich hindurchsah oder mir den Rücken zuwandte. So oft, dass ich nicht länger nach Salem ging.
Nachdem Lizzie ihre anfängliche Kränkung überwunden hatte, schien das abrupte Ende ihrer Verlobung sie gar nicht sehr zu bestürzen. Sie war verwundert, verwirrt, und Manfred – so sagte sie – tat ihr leid, aber sie war nicht untröstlich über seinen Verlust. Und da sie Fraser’s Ridge nur noch selten verließ, hörte sie nicht, was die Leute über sie sagten. Was ihr zu schaffen machte, war der Verlust der McGillivrays – vor allem Utes.
»Versteht Ihr, Ma’am«, sagte sie sehnsüchtig zu mir, »ich habe doch nie eine Mutter gehabt, denn meine Mutter ist bei meiner Geburt gestorben. Und dann hat Mutti – sie hat mich gebeten, sie so zu nennen, als ich gesagt habe, ich würde Manfred heiraten – gesagt, ich wäre ihre Tochter, genau wie Hilde und Inge und Senga. Sie hat mich bemuttert und mich eingeschüchtert und ausgelacht, genau wie sie es mit ihnen macht. Und es war … einfach so schön, so eine große Familie zu haben. Und jetzt habe ich sie verloren.«
Robin, der sehr an ihr gehangen hatte, hatte ihr einen kurzen, bedauernden Brief geschickt, den er mit Hilfe des guten Ronnie Sinclair zu uns geschmuggelt hatte. Aber weder Ute noch ihre Töchter hatten sie nach Manfreds Verschwinden besucht oder auch nur ein Wort von sich hören lassen.
Doch es war Joseph Wemyss, den die ganze Angelegenheit am deutlichsten mitnahm. Er sagte nichts, und es war klar, dass er es für Lizzie nicht noch schlimmer machen wollte – aber er welkte dahin wie eine Blume, die keinen Regen mehr abbekommt. Abgesehen von seinem Mitgefühl mit Lizzie und seiner Sorge um den Schaden, den ihr Ruf nahm, fehlten auch ihm die McGillivrays; fehlten ihm das Glück und die Geborgenheit, die er empfunden hatte, als er sich nach so vielen Jahren der Einsamkeit plötzlich als Teil einer großen, quicklebendigen Familie wiederfand.