Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #5
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Jemmy rülpste klangvoll und spuckte ein wenig Milch. Brianna hatte sich ein altes Leinenhandtuch über die Schulter gelegt und wischte ihm damit zielsicher das Kinn ab. Er war jetzt ruhiger, hatte seinen Ausdruck verärgerter Orientierungslosigkeit verloren und konzentrierte sich gebannt auf irgendetwas jenseits der Schulter seiner Mutter. Ich folgte der Blickrichtung seiner klaren, blauen Augen und sah den Schatten eines Spinnennetzes hoch oben in der Ecke des Fensters. Ein Windstoß rüttelte den Fensterrahmen, und ein winziger Fleck bewegte sich ganz sacht im Zentrum des Netzes.
»Ja«, sagte Brianna leise. »Ich wünsche mir seinen Tod. Aber noch viel mehr wünsche ich mir, dass Pa und Roger am Leben bleiben.«
Kapitel 38
Traumzeit
Roger war fort gewesen, um – wie beim gathering vereinbart – auf der Hochzeit von Joel MacLeods Neffen zu singen, und er war mit frischer Beute nach Hause gekommen. Jetzt konnte er es nicht abwarten, sie zu Papier zu bringen, bevor sie ihm entwischte.
Er ließ seine schmutzigen Stiefel in der Küche stehen, nahm eine Tasse Tee und ein Rosinentörtchen von Mrs. Bug entgegen und begab sich ohne Verzug in das Studierzimmer. Dort saß Jamie und schrieb Briefe; er blickte auf und nahm sein Kommen mit einem geistesabwesenden Murmeln zur Kenntnis, machte sich aber kommentarlos wieder an seine Arbeit, eine kleine Falte zwischen den dichten Augenbrauen, während seine Hand, die sich steif und ungeschickt um den Federkiel klammerte, die Buchstaben formte.
In Jamies Studierzimmer stand ein kleines Bücherregal mit drei Brettern, das die gesamte Bibliothek von Fraser’s Ridge enthielt. Die ernsten Werke nahmen das obere Brett ein: ein Band mit lateinischen Gedichten, Caesars Gallischer Krieg, die Selbstbetrachtungen des Marc Aurel, ein paar andere Klassiker, Dr. Brickells Naturgeschichte North Carolinas, eine Leihgabe des Gouverneurs, die Jamie nie zurückgegeben hatte, und ein viel benutztes Mathematikbuch, auf dessen Vorsatzblatt in holpriger Handschrift Ian Murray Junior stand.
Das mittlere Brett war der leichteren Lektüre überlassen: eine kleine Auswahl von Abenteuerromanen, etwas zerfleddert vom häufigen Gebrauch, darunter Robinson Crusoe, Tom Jones in sieben kleinen, in Leder gebundenen Bänden, Roderick Random in vier Bänden und Sir Henry Richardsons monströses Werk Pamela in zwei gigantischen Oktavbänden – deren erster mit diversen Lesezeichen verziert war, von einem zerfledderten, trockenen Ahornblatt bis hin zu einem zusammengefalteten Tüchlein. Sie markierten die Stellen, an denen die verschiedenen Leser stecken geblieben waren, bevor sie entweder vorübergehend oder endgültig aufgaben. Ein Exemplar von Don Quichote auf Spanisch, angenagt, aber sehr viel weniger abgenutzt, da Jamie der Einzige war, der es lesen konnte.
Das untere Brett enthielt ein Exemplar von Dr. Sam. Johnsons Wörterbuch, Jamies Notiz- und Geschäftsbücher, mehrere Bücher mit Briannas Zeichnungen und das schmale, in Buckram gebundene Tagebuch, in dem Roger die Texte unbekannter Lieder und Gedichte festhielt, die er bei ceilidhs oder an den Kaminfeuern aufschnappte.
Er stellte einen Stuhl an die andere Seite des Tisches, den Jamie als Schreibtisch benutzte und schnitt sich sorgfältig einen neuen Federkiel für sein Vorhaben zurecht; er wollte, dass seine Aufzeichnungen lesbar waren. Er wusste nicht genau, wozu seine Sammlung einmal nützlich sein würde, doch die instinktive Wertschätzung, die jeder Gelehrte für das geschriebene Wort hegt, war tief in ihm verwurzelt. Vielleicht diente das Buch nur seinem persönlichen Vergnügen und Gebrauch, doch er genoss das Gefühl, dass er vielleicht der Nachwelt etwas hinterließ, und er achtete darauf, deutlich zu schreiben und die Umstände zu dokumentieren, unter denen er das jeweilige Lied gehört hatte.
Das Studierzimmer war friedvoll, nur Jamie seufzte gelegentlich, wenn er innehielt, um sich die verkrampfte Hand zu massieren. Nach einiger Zeit kam Mr. Bug an die Tür, und nach kurzer Unterredung stellte Jamie seinen Federkiel beiseite und ging mit dem Faktor nach draußen. Roger nickte vage, als sie sich von ihm verabschiedeten, denn sein Verstand war voll und ganz in die Mühe vertieft, sich an den Text zu erinnern und ihn niederzuschreiben.
Als er eine Viertelstunde später fertig war, war sein Kopf angenehm leer, und er lehnte sich zurück und dehnte seine schmerzenden Schultern. Er wartete ein wenig, bis die Tinte gründlich getrocknet war und er das Buch wegstellen konnte, und ging währenddessen zum Regal, um eines von Briannas Zeichenbüchern vom unteren Brett zu ziehen.
Es würde ihr nichts ausmachen, wenn er einen Blick darauf warf; sie hatte ihm gesagt, dass er sich die Zeichnungen gern ansehen durfte. Von sich aus zeigte sie ihm nur dann und wann eine Zeichnung, mit der sie besonders zufrieden war oder die sie speziell für ihn angefertigt hatte.
Er blätterte die Seiten des Notizbuches durch und verspürte dabei jene Mischung aus Neugier und Respekt, die man empfindet, wenn man an ein Geheimnis rührt, während er nach kleinen Einblicken in die Arbeitsweise ihres Verstandes Ausschau hielt.
Dieses Buch enthielt viele Porträtentwürfe des Babys, eine Kreisstudie.
Beim Anblick einer kleinen Zeichnung hielt er inne, weil ihn die Erinnerung einholte. Die Zeichnung zeigte Jemmy im Schlaf, mit dem Rücken zum Betrachter, und sein kleiner, kräftiger Körper war zu einem Komma zusammengerollt. Neben ihm lag Adso, der Kater, ganz genauso zusammengerollt, sein Kinn auf Jemmys fetten, kleinen Fuß gestützt, und aus seinen Schlitzaugen sprach komatöse Seligkeit. Er konnte sich noch gut daran erinnern.
Sie zeichnete Jemmy oft – beinahe jeden Tag –, aber nur selten sein ganzes Gesicht.
»Babys haben gar keine richtigen Gesichter«, hatte sie zu ihm gesagt und einen stirnrunzelnden Blick auf ihren Nachwuchs geworfen, der emsig auf dem Lederriemen von Jamies Pulverhorn herumkaute.
»Oh, aye? Und was hat er da vorn an seinem Kopf?« Er hatte zusammen mit dem Baby und der Katze flach auf dem Boden gelegen und grinsend zu ihr aufgesehen, was es ihr noch leichter machte, ihn von oben herab zu betrachten.
»Ich meine, genau genommen. Natürlich haben sie Gesichter, aber sie sehen alle gleich aus.«
»Nur ein besonders schlauer Vater erkennt sein eigenes Kind, was?«, scherzte er und bedauerte es augenblicklich, als er den Schatten in ihren Augen sah. Er zog so schnell vorbei wie eine Sommerwolke, aber er war dennoch da gewesen.
Er beugte sich über Jemmy und wackelte mit dem Finger. Das Baby griff danach, dann zögerte es, zwischen der alten und der neuen Attraktion hin- und hergerissen, entschied sich schließlich für die Neue und fing an, mit Feuereifer auf dem Finger zu kauen.
»Jedenfalls nicht vom künstlerischen Standpunkt aus.« Sie fuhr mit der Klinge ihres Taschenmessers schräg über die Spitze des Kohlestiftes, um ihn anzuspitzen. »Sie haben keine Knochen – keine sichtbaren, meine ich. Und es sind die Knochen, die die Struktur eines Gesichtes zum Vorschein bringen; ohne Knochen ist da nicht sehr viel.«
Ob Knochen oder nicht, sie hatte ein bemerkenswertes Talent dafür, Ausdrucksnuancen einzufangen. Er lächelte über eine Zeichnung; Jemmys Gesicht trug den gebannten, unverwechselbaren Ausdruck eines Säuglings, der sich mit aller Kraft auf die Produktion einer wahrhaft Furcht erregenden Windel konzentriert.
Abgesehen von den Bildern, die Jemmy zeigten, gab es noch mehrere Seiten, die wie Konstruktionsentwürfe aussahen. Da ihn diese nicht besonders interessierten, bückte er sich und stellte das Skizzenbuch zurück, um ein anderes herauszuziehen.