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Kerker und Ketten

Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:

Der Pfeifer und seine Freunde quälen sich in den Steinbrüchen von El Mengub. Schon haben sie den sicheren Tod vor Augen, da dürfen sie neue Hoffnung schöpfen: die Piratin Marina, in schmerzlicher Haßliebe an Michel Baum gekettet, versucht, die Gefangenen zu befreien. Doch bald wird sie selbst von Sklavenhändlern verschleppt, und nun ist es an Michel, sie zu suchen. Aber der Bej von Tunis hält ihn fest, und erst eine Palastrevolution schafft ganz neue Verhältnisse. Doch Marina bleibt verschwunden.
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
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Sekunden später standen die Sträflinge im Freien, und die beiden Toten wurden in die Zelle geworfen.

»Tut jetzt nur, was ich sage. Wir müssen die gesamte Wachmannschaft überwältigen und wenn irgend möglich Waffen erbeuten. Auch Pferde brauchen wir oder Kamele. Schleicht hinter mir her!«

Bis zum Wachturm waren es gut tausend Fuß am Ufer des Flusses entlang. Glücklicherweise sah man draußen keinen weiteren Posten.Aus einem Durchbruch im Turm schimmerte Licht. Michel sammelte seine Freunde um sich und gab seine Anweisungen:

»Ojo, du gehst mit mir. Auch Abu Hanufa begleitet mich. Deste übernimmt hier draußen die Aufsicht und sorgt dafür, daß alles still bleibt, ganz gleich, was drinnen passiert. Los!«

Sie drückten die schwere Steintür auf und standen an der Treppe, die in den Turm hinaufführte.

Schritt für Schritt legten sie vorsichtig zurück. Die Treppe aber war aus Holz, ein Knarren war nicht zu vermeiden. Oben erschien ein Janitschar in der Tür und fragte:

»Weshalb schleichst du so herauf, Halef? Deine Postenzeit ist doch noch gar nicht beendet.

Warum gibst du keine Antwort?«

Michel knuffte Abu Hanulfa in die Seite. Der antwortete daraufhin in undeutlichem Ton:

»Draußen stimmt etwas nicht. Ich habe Ali gesucht, habe ihn aber nicht gefunden.«

Der oben wurde mißtrauisch. Die Stimme klang ihm fremd.

»Sieh noch einmal nach. Ali muß an seinem Posten sein. Hier ist er nicht.«

In diesem Moment stürmte Michel voran. Die beiden anderen folgten ihm auf dem Fuße. Im Nu hatten sie den Mann in der Tür überrannt und drangen in die eigentliche Wachstube ein.

Acht Mann saßen da und starrten erschrocken auf die Fremdlinge. Bis sie erkannt hatten, wen sie vor sich hatten, vergingen kostbare Sekunden.

Ojo stürzte sich auf den, der ihm am nächsten war, riß ihm das Gewehr aus der Hand und schlug mit dem Kolben wie ein Wilder auf die anderen ein. Das war allerdings nicht vorgesehen, verfehlte aber, wie Michel feststellte, nicht seine Wirkung.

Um die Situation restlos zu verwirren, begann Michel zu pfeifen. Schauerlich klangen die Tonfolgen durch den Raum.

Wo Ojo hinschlug, sank jeweils ein Mann in die ewige Nacht. Auch Michel ging nicht gerade zart mit den Schindern um. Hier wäre jede Schonung fehl am Platze gewesen, denn sie konnte leicht das eigene Leben kosten.

In wenigen Minuten war die Arbeit getan. Man hatte acht schlechte Araberflinten erbeutet. Das machte, mit den beiden vorhin erbeuteten, zehn Gewehre für vierundvierzig Mann. Nicht viel, aber besser als gar nichts.

Michel, der seine Zeit im Steinbruch gut genutzt hatte und jetzt recht gut die arabische Sprache verstand, fragte den einzigen, der noch lebte, wo sich die Waffen befänden, wieviel Janitscharentruppen in El Mengub lägen und woher man Pferde bekommen könnte. Doch der Kerl biß die Lippen zusammen und sagte kein Wort. Michel setzte ihm drohend den Dolch auf die Brust.

»Allah verdamme dich, Giaur!« zischte der Bedrängte. »Laß das Schimpfen! Sprich, sonst bist du ein toter Mann!«

»Lieber lasse ich mir die Haut in Streifen vom Leibe schneiden, ehe ich ein Wort verrate, kelb ibn kelb.«

Michel lachte hart auf.

»Nun gut, fangen wir damit an. Abu Hanufa, zieh ihm das Hemd aus. Ich werde ihm die Haut abziehen.«

Der Araber bekam angstgeweitete Augen. Als ihm sein Landsmann das Hemd herunterriß und Michel das Messer ansetzte, nicht zu zart, damit er es auch spürte, fragte er ängstlich:»Willst du mir wirklich die Haut abziehen?«

»Bei Allah, was ich versprochen habe, halte ich. Ich werde nicht nur deine Haut abziehen, sondern ich werde dich dann in eine neue einnähen lassen, und zwar in eine Wildschweinhaut.«

Ein Ruck ging durch den Körper des Arabers.

»Allah w'Allah!« stöhnte er auf, warum willst du, daß ich als Unreiner vor Allah erscheine? Weißt du, daß du mich um den Genuß der Himmel und aller himmlischen Freuden bringst, wenn du das tust?«

Michel dauerte das Geschwätz zu lange.

»So rede!« sagte er kurz und ritzte die Haut des unter ihm Liegenden. Auf dessen Stirn perlte der Angstschweiß. Doch dann kamen zögernd seine Erklärungen. »Hier in El Mengub gibt es keine Garnison. Das Kommando der Wachen für den Steinbruch besteht aus sechzig Mann, die drüben in den Zelten liegen und dort mit Weib und Kind hausen. Zehn Mann haben jeweils eine Nacht und einen Tag lang Wachdienst. Wir lösen uns stets ab. Dort drüben sind auch die Pferde und die Kamele; die Waffen hat jeder Krieger bei sich.« »Feßle ihn, Diaz. Dann stellst du dich mit Abu Hanufa an den Durchbruch und sicherst mit den hier herumliegenden Gewehren unseren Angriff auf die Zelte. Ich will hoffen, daß alles gelingt. Lange haben wir nicht mehr Zeit, denn die Sonne geht bald auf. Ich möchte möglichst vermeiden, daß geschossen wird. Sonst erwacht die ganze Stadt, ehe wir auf und davon sind.« Diaz nickte, nahm die Gewehre auf, legte sie griffbereit und wies dem Kapitän der »Medina« schweigsam seinen Platz an. Der hatte begriffen, ohne daß Michel seine Erklärung auf arabisch wiederholte.

Die unten Zurückgebliebenen wurden inzwischen schon ungeduldig. Endlich erblickten sie Michel, als dieser aus dem Turm trat. Er gab rasch seine Anweisungen.

Die Sträflinge schlichen unter seiner Führung hinüber. Bald hatten sie die weidenden Pferde ausgemacht, und jetzt erst wurden ihnen die Schwierigkeiten klar: über die Hälfte der Soldaten konnte nicht reiten. Niemand hatte an diesen wichtigen Punkt gedacht.

Stimmen wurden laut.

Michel fuhr unter die Leute und befahl ihnen, den Mund zu halten. Das wichtigste seien im Augenblick nicht Pferde, sondern Waffen.

Ein Leutnant fühlte sich ausgerechnet in diesem Moment bemüßigt, seinen Rang geltend zu machen.

Er baute sich großartig vor Michel auf und meinte:

»Ich werde jetzt das Kommando über meine Leute übernehmen; denn zum Kriegführen scheint Ihr mir doch nicht der richtige Mann zu sein, Senor.« Michel holte aus und schlug ihn einfach nieder. Es ging jetzt ums Ganze. Wenn man nicht augenblicklich handelte, konnte es zu spät sein. Da!

Eine erschrockene Frauenstimme schrie auf. Im Zeltlager wurde es lebendig. Einige Krieger erschienen im Freien. Im Osten zeigten sich schon die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Und zu allem Unglück begann auch noch der Muezzin vom Minareh aus die Gläubigen zum Gebet aufzurufen. Das Lager erwachte.

»Drauf, companeros, dringt in die Zelte ein, nehmt ihnen die Waffen weg und sammelt euch dann bei den Pferden. Schont die Kinder und Frauen.«

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