El Silbador
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #1
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
Michel zog sich an den Stäben seines Fenstergitters empor. Ein entsetzter Aufschrei entfuhr ihm, als er die Prügelszene vor Augen hatte.
Er ließ sich wieder herunter; denn seine Kräfte erlahmten schnell. Plötzlich flüsterte eine Stimme in seinem Rücken: »Erschreckt nicht, Senor.«
Michel fuhr trotz dieser gutgemeinten Mahnung herum. An der Stelle, wo bisher das geheimnisvolle Loch gewesen war, ragte der halbe Oberkörper eines Menschen aus dem Boden. Der Mann, der wie ein Geist aus der Erde herausschaute, legte die Finger auf die Lippen und sagte leise:
»Bitte, Senor, versucht so schnell wie möglich, Eurer Überraschung Herr zu werden. Faßt Euch, damit wir gleich zur Sache kommen können.« »Wer seid Ihr?«
»Ich bin Euer Nachbar, dessen Klopfzeichen Ihr nicht verstanden habt, sonst hättet Ihr den Gang bereits finden müssen. Unten im Loch ist ein Einschnitt. Wenn Ihr Eure Finger da hineingesteckt hättet, so hättet Ihr den großen Quaderstein, den Ihr hier jetzt aufgerichtet seht, mit Leichtigkeit zur Seite bewegen können. Aber freut Euch nicht zu früh. Der Gang hier führt leider nicht in die Freiheit. Er verbindet lediglich vierZellen miteinander. Niemand außer mir und meinem Vater kennt ihn.«
Michel hatte dem Fremden währenddessen ganz aus dem Loch herausgeholfen. Er hatte einen noch jungen Mann vor sich, der allerdings völlig abgezehrt war und einen verwilderten Eindruck machte. Der schwarze Bart, in den sich vereinzelte graue Fäden mischten, reichte ihm fast bis zur Brust. Er hatte keine Schuhe an, und nur ein paar stinkende Lappen hüllten seine Gestalt ein. Jetzt lächelte er.
»Ihr schaut mich so zweifelnd an. Ich weiß, ich mache keinen schönen Eindruck. Aber das ist wohl auch ein wenig zuviel verlangt nach zwei Jahren Gefangenschaft, in denen man nicht ein einzigesmal die Kleider wechseln durfte. Ich wundere mich, daß ich das überhaupt ausgehalten habe.«
»Zwei Jahre hält man Euch schon hier fest? Weshalb? Habt Ihr etwa auch den Grafen beleidigt?«
»Das wäre nicht gut möglich gewesen; denn der bin ich selbst.«
Michel wich einen Schritt zurück. Der Mann war offensichtlich schon wahnsinnig geworden in der langen Zeit seiner Gefangenschaft.
»Habt keine Angst, Senor«, sagte der Fremde ruhig, »ich bin nicht verrückt. Ich bin tatsächlich Graf Esteban de Villaverde y Bielsa. Und« — er deutete auf das Gitterfenster, durch das Michel soeben jene schaurige Szene im Schloßhof beobachtet hatte — »diese Furie von einem Weib, diese Marina ist in Wirklichkeit — — meine Frau. Aber das erzähle ich Euch später, wenn wir mehr Zeit haben«, sagte er beschwichtigend, als er Michels ungläubige Augen auf sich gerichtet sah. »Jetzt wollen wir nur schnell die Stunden festlegen, in denen wir uns ungestört treffen können. Am besten wird es nachts gehen. Nachts bekommen wir kein Essen. Die Wächter kümmern sich nicht um uns; denn sie wähnen uns in den Zellen vollkommen sicher. Damit haben sie, was eine Flucht nach draußen anbetrifft, auch nicht unrecht. Einen Weg hinaus gibt es hier nicht. Aber vielleicht können auf die Dauer wir zwei zusammen einen finden. Allein verzweifelt man so leicht. Wie seid Ihr übrigens in diese Situation gekommen?« Michel berichtete kurz.
Der richtige Graf de Villaverde y Bielsa nickte mit wissenden Augen und sagte: »Das ist typisch für sie. Nun, wir werden ...« Er unterbrach sich plötzlich.
Auf dem Gang hörte man Schritte. Wahrscheinlich brachten sie jetzt den halbtoten Pedro, um ihn ebenfalls in eine Zelle zu werfen.
»Ich muß verschwinden«, flüsterte der Graf. »Erwartet mich heute nacht.« Er stieg in das Loch. Als er verschwunden war, drehte sich der große Steinquader in seine ursprüngliche Lage zurück. Michel legte den kleinen Stein wieder auf seinen Platz. Alles war wie vorher.
Michel war keine Sekunde zu früh fertig geworden. Fast im gleichen Moment, als er aufstand, öffnete sich die Zellentür. Marina trat ein. Ihre Augen glänzten wie im Fieber. »Nun, wie fühlt Ihr Euch, Herr Anarchist?« fragte sie, während ein bösartiges Lachen um ihre Mundwinkel zuckte.
Michel setzte sich mit gelangweiltem Gesichtsausdruck auf den Rand seiner Pritsche und begann, ohne sieauch nur eines Blicks zu würdigen, zu pfeifen. Wütend trat sie nah an ihn heran. »Willst du nicht antworten, wenn dich eine Dame etwas fragt?« Michel sah auf. Spott zuckte um seine Lippen.
»Dame?« fragte er. »Bezeichnest du dich tatsächlich als Dame, Bestie?«
»Aaah!« schrie sie auf und schlug ihm die Faust ins Gesicht. »Warte, ich werde dich zähmen. Du wirst noch staunen, wie gut ich wilde Tiere bändigen kann.«
Michel hielt sie plötzlich gepackt. Und noch ehe ihn die begleitenden Lakaien daran hindern konnten, gab er ihr ein paar schallende Ohrfeigen. Alle fünf Finger seiner rechten Hand zeichneten sich als rot anlaufende Striemen auf ihren zarten Wangen ab. Dann stieß er sie zurück, direkt in die Arme der zuspringenden Leute.
Ihre Augen nahmen einen starren Ausdruck an. Die Lider zogen sich eng zusammen; aber sie sagte kein Wort, sondern verließ die Zelle. — Stunde um Stunde verrann.
Michel erwartete nun jeden Moment die Henkersknechte.
Doch nichts geschah. Der Wächter brachte das Essen zur selben Zeit wie immer.
Fast schien es, als sei sein Benehmen um eine Nuance höflicher als vorher.
»He, hombre«, fragte ihn Michel, »sag mir, was mit dem Schäfer Pedro geworden ist, wie es ihm geht.«
Der Posten verweilte einen Augenblick. Bevor er antwortete, kratzte er sich am Kopf.
»Das arme Schwein ist übel zugerichtet worden. Sie hat ihn ganz schön fertigmachen lassen.« Er schüttelte sich. »Habe nie gewußt, daß es solche Weiber gibt.«
Michel war nicht wenig überrascht über die Offenheit, mit der der Wächter seine Meinung kundtat. Sofort drängte sich ihm der Gedanke auf, den Mann zu einer gemeinsamen Flucht zu überreden. Dann ließ er diesen Gedanken jedoch sogleich wieder fallen. Mittlerweile war es stockfinster in der Zelle geworden. Kein Lichtstrahl drang mehr durch die Scheibe vor der vergitterten Luke.
Michels Erregung wuchs von Minute zu Minute. Warum kam der Graf de Villaverde y Bielsa nicht wieder durch den Gang?
Unruhig ging der Gefangene in seiner Zelle auf und ab. Was für ein Verhängnis hatte den echten Grafen in diese gräßliche Situation gebracht? Wer war diese Frau, die er noch gestern Madonna genannt hatte? War sie wirklich die Frau des gefangenen Esteban?
Michel blieb neben dem Stein auf dem Loch stehen und blickte erwartungsvoll auf die Erde. Die Zeit verrann. Der Leidensgenosse kam nicht. Da entschloß sich Michel, selbst den Weg durch den Gang zu wagen. Gedacht, getan.