El Silbador
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #1
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
»Unsinn«, herrschte ihn der Majordomo an, »erzähl mir keine Märchen. Den Silbador hat noch kein Sterblicher zu sehen bekommen.«
Plötzlich horchte er erschrocken auf. Michel hatte zu pfeifen begonnen. Schauer liefen den Zuhörern über den
Rücken bei den teuflischen Trillern, die er seinem Mund entlockte. Es hallte schrecklich wider in dieser echoreichen Gegend.
Die beiden Lakaien blickten angstvoll auf ihren Herrn und Gebieter. Der Majordomo aber war nicht der Mann, der sich leicht aus der Fassung bringen ließ. Gerade diesem Kerl, von dem die Leute solche Wunderdinge erzählten, der sich jedoch bei näherem Hinsehen als ein ganz normaler Mensch entpuppte, wollte er zeigen, wer hier auf villaverdischem Grund und Boden etwas zu sagen hatte.
»Juan!« schrie er den Knappen an. »Warum schlägst du diesen Ziegenhirten nicht, wie ich es dir befohlen habe? Los, schlag zu, sonst kommst du zu Hause selber auf den Bock.« Juan standen Schweißperlen auf der Stirn. Angstvoll blickte er von seinem Herrn zu dem Fremden und wieder zurück. Als er jedoch Don Manuels wutverzerrtes Gesicht sah, holte er abermals aus.
Da war Michel heran. Mit unglaublicher Geschicklichkeit hielt er seinen Degen der Peitsche entgegen, die glatt durchschnitten wurde. Jetzt begann Don Manuel zu kochen. Er riß seinen Degen aus der Scheide, sprang vom Pferd und zückte ihn gegen den Silbador. »Du wagst es, Kerl, meinen Knappen an der Ausführung meines Befehls zu hindern!« schrie er. »Na, warte, ich werde dir den Garaus machen.« Wie ein Wilder stürzte er sich auf Michel. Er war nicht der schlechteste Fechter. Doch es währte nicht lange, bis seine Waffe im spärlichen Grase lag und Michels Degenspitze auf seiner Brust ruhte. »Nun, soll ich ein bißchen mehr zudrücken?«Don Manuel war leichenblaß. Die Schande schnürte ihm die Kehle zu. Wenn das der Graf erfuhr, so war es um sein Ansehen geschehen. Aber es sollte noch schlimmer kommen.
Rrritsch, machte die Degenspitze. Hemd und Weste waren bis über den Gürtel aufgeschlitzt. Rrritsch, jetzt fiel auch die Hose.
Zwei, dreimal machte es noch rrritsch, und der Majordomo des Grafen de Villaverde y Bielsa stand nackt inmitten seiner drei Untergebenen.
»He«, sagte Michel mit ehrlicher Verwunderung. »Du bist ja noch fetter als ich dachte.«
Juan konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Pedro aber dachte bereits an die Folgen, die das ganze Abenteuer auch für ihn haben konnte. Eilig hob er den Umhang auf und brachte ihn dem Majordomo. Dieser bedeckte hastig seine Blöße.
Michel ließ seinen Degen ein paarmal durch die Luft zischen.
»Noch jemand da, der zuviel anhat?« fragte er die beiden Lakaien.
Der Majordomo kletterte mühselig auf sein Pferd. Die Dämmerung machte jetzt einer tiefen Finsternis Platz.
»Es ist Nacht«, sagte Michel, »da kannst du laufen, Majordomo. Gib mir dein Pferd. Ich will zum Schloß reiten, um deinen Herrn zu besuchen.«
Mit einem schnellen Griff packte er den zappelnden Haushofmeister und riß ihn wieder vom Pferde.
»Auf, Ihr komischen Lakaien, zeigt mir den Weg nach Villaverde«, und als diese zögerten, »los, vorwärts, ich will dem Grafen nicht um Mitternacht meine Aufwartung machen.«
Die beiden Reiter setzten sich in Bewegung.
Michel folgte, ohne sich weiter um den Majordomo zu kümmern.
»Fürchte dich nicht, Pedro«, rief er dem zurückbleibenden Schäfer noch zu. »Ich komme wieder. Wenn der ehrenwerte Don Manuel seine Wut an dir ausläßt, so bekommt er alles doppelt und dreifach heimgezahlt.«
Don Manuel knirschte mit den Zähnen. Sonst vernahm man keinen Laut aus seinem Mund.
Schloß Villaverde lag in einem herrlichen Park. Die weiße Fassade erstrahlte im silbernen Glanz des Nachtgestirns.
»Ihr müßt hier absteigen, Don Silbador«, sagte Juan höflich. »Der Graf liebt es, seine Gäste zu empfangen, nachdem sie sich vom Staub der Reise gereinigt haben.« Michel sann einen Augenblick nach. Dann meinte er:
»Melde mich sofort. Ich will meine Zeit nicht versäumen. Sonst kommt mir der verdammte Majordomo zuvor und gibt dem Grafen einen unwahren Bericht.«
Juan schwieg einen Augenblick und betrachtete den Fremden mit erstaunten Augen.
»Ihr meint, der Majordomo hätte es nötig, den Grafen zu belügen? Das zeigt, daß Ihr die
Verhältnisse noch nicht ganz kennt. Der Majordomo bekommt vom jungen Grafen immer recht.
Der alte ist sowieso nur noch eine Puppe, die ja sagt, wenn man ihr auf den Bauch drückt.«
Michel mußte über den Vergleich lachen.
»Viel Respekt scheinst du nicht vor deiner Herrschaft zu haben. Na, mir ist es gleich, wer hier das Zepter führt. Mag es sein, wie du gesagt hast, ich störe mich nicht daran. Melde mich jetzt dem Grafen. Ich setze mich so lange auf die Freitreppe dort.« Damit schritt er hinüber zum Schloßaufgang.
Juan pfiff einem Pferdeknecht. Dann ging er, seinen Auftrag auszurichten. Michel sah träumerisch in den Mond. Vor seinem geistigen Auge tauchte der trauliche Tabakladen seines Vaters auf. Wohl verspürte er auch ein bißchen Sehnsucht nach seiner treuen Charlotte. Und Bitterkeit überfiel ihn, wenn er daran dachte, daß er jetzt längst als angesehener Arzt in Kassel eine Praxis haben könnte.
Seine Gedanken wurden von einer barschen Stimme unterbrochen.
»Bist du der Mann, den man hier den Pfeifer nennt?« Neben ihm stand plötzlich ein noch junger, in kostbare Gewänder gehüllter Mann, der sich lässig ein Lorgnon vor die Augen hielt und den Ankömmling von oben bis unten musterte. Michel gab sitzenbleibend den Blick zurück und fragte ruhig:
»Willst du dich nicht wenigstens vorstellen, wenn du ein Gespräch mit mir eröffnest?« Der andere war erst ein wenig verblüfft. Dann aber lachte er amüsiert und meinte zu der ihn begleitenden Dame:
»Fürwahr, ein origineller Bursche, Marina, findest du nicht auch?«
Michel erhob sich sofort, als er der Dame ansichtig wurde, und machte eine vollendete Verbeugung.
»Entschuldigt, Madonna, ich habe Euch nicht sogleich bemerkt.«
Die mit Madonna Angesprochene, eine sehr schöne Frau, neigte leicht den Kopf.
Der vornehm gekleidete Mann fragte:
»Was willst du also von mir, hombre?«
Michel stellte sich erstaunt.
»Von dir? Gar nichts. Ich möchte den Grafen de Villaverde y Bielsa sprechen. Du kannst mich bei ihm melden.«
Juan, der die Szene aus der Nähe beobachtete, riß die Augen auf vor Staunen. Dann zog er sich immer weiter zurück; denn er befürchtete einen Wutausbruch des Mannes, der neben Dona Marina stand.