El Silbador
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #1
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
»Ja«, stammelte er, »eine solche Teufelin habe ich mir ins Haus geholt, trotz der Warnung meines Vaters. Seit zwei Jahren sitze ich nun in diesem verfluchten Kerker. Und ich habe kaum Hoffnung mehr, jemals wieder hinauszukommen.«
»Und die Dienerschaft?« fragte Michel, »hat sie sich niemals gefragt, wo Ihr geblieben sein könntet?«
Esteban zuckte die Schultern.
»Was ich im Lauf der Jahre aus meinem mürrischen Wärter herausholen konnte, war, daß die alten, treuen Diener kurze Zeit nach meinem Verschwinden samt und sonders entlassen worden sind. Hier auf dem Schloß kennt mich niemand mehr. Und mein Vater war schon zu jener Zeit nicht mehr zurechnungsfähig. Manchmal kommt mir der Gedanke, daß mein Vetter und meine Frau ihn langsam vergifteten, um den Anschein zu wahren, er sei eines natürlichen Todes gestorben.«
Michel dachte nach. Hatte nicht jener Diener, der sich Juan nannte, über den alten Grafen in ziemlich abfälliger Art gesprochen? Hatte er ihn nicht eine willenlose Puppe genannt? Er teilte diese seine Beobachtung dem Grafen mit. Dieser nickte nur trübsinnig.
»Das habe ich mir schon gedacht. Wahrscheinlich ist er heute so weit, daß er den falschen gar nicht mehr vom echten Sohn unterscheiden kann. Vielleicht hat er gar unter dem Einfluß meines Vetters ein Testament zu dessen Gunsten gemacht. So könnte Fernando, das ist der richtige Name meines Vetters, gar noch auf rechtliche, unanfechtbare Weise nach dem Tode meines Vaters in den Besitz des Schlosses kommen. Villaverde ist so abgelegen, daß sich kaum ein Mensch jemals um die Zustände hier kümmern würde. Zudem ist das Schloß kein Lehen, sondern uralter, einstmals käuflich erworbener Familienbesitz.«. Michel stand auf und schritt in der Zelle auf und ab.
»Wenn es mir gelänge, hier herauszukommen, so würde ich Euch bald zu Euerm Recht verholfen haben, Graf«, sagte er. Esteban lachte bitter auf.
»Es gibt keine Möglichkeit einer Flucht. Ich kenne die Gänge, die unter dem Schloß entlangführen, ganz genau. Ja, wenn wir die Wand der vierten Zelle durchbrechen könnten! Dort
führt ein Gang vorbei, der im Gebirge — weit draußen — endet. Doch sind die Felsmauern mindestens zwei Meter dick. Und wir haben nichts als unsere Fingernägel zum Durchbrechen des Gesteins. Weiß Gott, ein unzureichenderes Werkzeug gibt es nicht.«
Michel begann plötzlich, ganz in Gedanken, laut zu pfeifen. Es war eine Stelle aus der kleinen g-Moll-Fuge von Johann Sebastian Bach, die ihm noch vom letzten königlichen Konzert in Berlin her im Gedächtnis geblieben war. Der Graf erschrak zuerst, hörte dann aber andächtig zu.
Michel brach ebenso plötzlich ab, wie er begonnen hatte; denn es wurde ihm bewußt, daß er sich einer Unhöflichkeit dem Gast gegenüber schuldig gemacht hatte.
»Verzeiht, Don Esteban ... manchmal kommt es so über mich. Dann muß ich pfeifen. Es hat mir schon in vielen Situationen geholfen.« Esteban meinte verwundert:
»Ihr seid ja ein wahrer Künstler! Was war das, was Ihr gepfiffen habt? Ich bin wohl in der Musik bewandert, kann mich aber nicht erinnern, dieses Stück jemals vernommen zu haben.« »Das glaube ich Euch. Es stammt von einem bedeutenden deutschen Komponisten. Etwas ganz Modernes. Ich hörte es am Hofe Friedrichs II. von Preußen in einem Konzert. Es hat mich sehr ergriffen.«
»Ihr wart schon am Hof des kriegerischen Preußenkönigs?« fragte Don Esteban verwundert. »Nach Euren Worten von heute nachmittag hielt ich Euch für einen eingefleischten Anarchisten. Wie verträgt sich das miteinander?« Michel lachte.
»Ich bin kein Anarchist; denn ich lehne Recht und Gesetz nicht ab. Nur die willkürlichen Handhabungen dieser beiden obersten Grundsätze des menschlichen Staates kann ich nicht anerkennen. Entweder gilt das gleiche Recht für jedermann, oder es ist kein Recht. Mit dem Preußenkönig hat es seine eigene Bewandtnis. Er gibt sich wenigstens Mühe, in seinem Lande einen Rechtsstaat aufzubauen, was ihm zwar auch nicht gelingen wird; denn ein einzelner ist niemals dazu imstande. Aber der gute Wille ist da. Und das ist schon sehr viel. Sympathisch ist mir Friedrich II. dadurch geworden, daß sein erstes Amtsgeschäft nach seinem Regierungsantritt die Abschaffung der Prügelstrafe war. Das ist viel für Europa. Nun, trotz allem gibt es vorläufig auf der Welt nur zwei Länder, in denen der Anfang der menschlichen Freiheiten geschaffen wurde. Das sind die Schweiz und die neugegründeten Vereinigten Staaten von Nordamerika.« Der Graf fragte:
»So erkennt Ihr auch den Adel der Geburt nicht an?«
»Niemals. Was ist schon Geburt? Wieso maßt sich der eine Vorrechte vor dem anderen an?« »Ihr scheint ein rechter Hitzkopf zu sein. Dennoch muß ich sagen, daß es mir Freude macht, mit Euch zu sprechen. Es bringt Abwechslung in die Eintönigkeit des Gefangenendaseins.« Michel mußte lachen.
»Fürwahr, sonderbare Gespräche für zwei Menschen, die jeden Moment das Schicksal des armen Schäfers teilen können.«
»Ach so, ja, der Schäfer, was ist mit ihm? Hat er sich erholt von den fürchterlichen Schlägen?« »Wenn ihm nicht schnellste Hilfe zuteil wird, wird er nicht mehr lange am Leben bleiben. Er muß furchtbare Qualen leiden.«
»Diese Teufelin«, zischte der Graf. »Gott wird sie strafen.«»Gott?« fragte Michel. »Glaubt Ihr an Gott?« Hierauf wußte Don Esteban nichts zu erwidern. Eine solche Frage war ihm noch nie im Leben gestellt worden.
Der Morgen nahte bereits, als der Graf sich zurückzog. Michel hatte ihm versprochen, ihn in der kommenden Nacht aufzusuchen.
Als der Wächter kam und Brot und Wasser brachte, fand er den Gefangenen schlafend vor. Dabei war es schon heller Tag; und die Sonne stand hoch am Himmel. Graf Esteban de Villaverde y Bielsa hatte den gesunden Schlaf der Jugend schon seit Jahren verloren. Für ihn bedeutete das Tageslicht nutzlos verbrachte Zeit. Jetzt, da er einen Kameraden gefunden hatte, mehr denn je. Die Stunden schlichen dahin. Die Minuten waren wie Wasserperlen in einer Tropfsteinhöhle. Man hörte jede einzelne fallen und konnte den Fall doch nicht beschleunigen.
Nach Einbruch der Dunkelheit, auf die Esteban den ganzen Tag über verzweifelt gewartet hatte, wurde er immer aufgeregter. Auch jetzt verrannen die Minuten noch nicht schnell genug; denn der Erwartete erschien nicht.
Michel war bereits auf dem Wege zum Grafen, als er sich plötzlich auf den dritten Leidensgefährten besann, der eine Zelle weiter wahrscheinlich in gräßlichen Schmerzen den Tod erwartete.