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El Silbador

Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:

In Spanien nennt man ihn El Silbador — der Pfeifer, denn Michel Baum beherrscht die Kunst des Pfeifens vollendet. Nicht selten verdankt er dieser Kunst Rettung aus Not und Gefahr. Unbändiger Freiheitsdrang ist es, der ihm das Leben in der geknechteten Heimat unerträglich macht; unbändiger Freiheitsdrang treibt ihn von Abenteuer zu Abenteuer. Eine Schar ungleicher Gefährten, darunter die zwielichtige Gräfin Marina und der treue Riese Ojo, sammeln sich um ihn.
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
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Michel kniete neben dem Loch. Sein Arm fuhr langsam und suchend hinein bis zur Achsel. Sorgfältig tasteten seine Hände Zentimeter für Zentimeter der Wandung ab. Da war der Einschnitt. Er drückte seine Finger hinein. Ein Knirschen wurde hörbar, und gleich darauf drehte sich der große Quaderstein halb um seine eigene Achse.

Michel steckte zuerst die Beine in die Finsternis. Am oberen Rand hielt er sich fest, um nicht abzustürzen. Aber er war noch nicht bis zur Hälfte seines Körpers in den Boden gesunken, als seine Füße Wider-stand fanden. Vorsichtig tastete er sich weiter. Er merkte, daß er auf der obersten Stufe einer Treppe stand.

Drei, vier solche Stufen kamen noch. Dann war die Treppe zu Ende. In gebückter Haltung konnte er weitergehen. Den Einstieg in seiner Zelle hatte er durch einfachen Druck gegen das untere Ende des Quadersteins wieder verschlossen.

Mit ausgestreckten Händen, die er wie Fühler gebrauchte, arbeitete er sich Schritt für Schritt voran. Ewig lang erschien ihm der Gang. Die tiefe Dunkelheit erschwerte das Unternehmen beträchtlich.

Da, jetzt stießen seine an den Wänden entlanggleitenden Hände auf einen tiefen Mauereinbruch. Mit Erleichterung stellte er fest, daß er eine Treppe vor sich hatte. Hier mußte der Aufgang in die Zelle des Grafen sein. Bald stieß er mit dem Kopf gegen Steine. Aha, der drehbare Quader! Er stemmte sich kräftig dagegen. Sekunden später stand er in der Zelle.

Von der Pritsche her drang ein schmerzliches Stöhnen an sein Ohr. Was mochte dem Grafen fehlen? War er plötzlich erkrankt?

»Don Esteban«, flüsterte Michel und trat dicht an des anderen Lager. »Was ist mit Euch? Warum seid Ihr nicht gekommen?«

Michel beugte sein Ohr tief hinunter in die Nähe des unzusammenhängende Worte stammelnden Mundes. Wie erstaunte er, als er folgendes vernahm:

»Oh... El Silbador ist gekommen, um mich zu rächen. Oh .. . seid Ihr es wirklich, Don Silbador? — Ihr habt mir ja versprochen, daß Ihr dem Majordomo alles doppelt und dreifach heimzahlen

werdet, wenn mir etwas geschieht. Oh ... oh......mein armer Leib ...oh!«

Da wußte Michel, wen er vor sich hatte. Auf der Pritsche lag Pedro, der Schäfer, und phantasierte. Wahrscheinlich hatte sich bereits das Wundfieber eingestellt. Und Michel, der Arzt, mußte untätig zusehen, wie ein Patient wahrscheinlich in den nächsten Tagen ohne Hilfe und Trost sterben würde. Dabei hätte es nur weniger Medikamente bedurft, um ihn zu retten. Michel zog sich aus der Zelle zurück.

Welch ein Unglück, daß man den Grafen aus seiner Nähe fortgebracht hatte! Kaum hatte er einen Nachbarn gefunden, hatte er ihn auch schon wieder verloren. Das Schicksal machte zuweilen wunderbare Winkelzüge.

Unter solcherlei Gedanken hatte Michel seine eigene Zelle wieder erreicht. Er wollte sich gerade anschicken, den Gang zu verschließen, als von seiner Pritsche her jemand sagte: »Nun, Senor, Ihr wart selbst auf Entdeckungsfahrt, wie ich sehe. Ich nehme an, daß Ihr meine Worte bestätigt gefunden habt. Es führt von hier aus tatsächlich kein Weg in die Freiheit.« »Diablo«, entfuhr es Michel. »Seid Ihr es wirklich, Graf?«

»Natürlich bin ich es. Ich habe Euch doch versprochen, Euch nach Einbruch der Dunkelheit aufzusuchen.«

»Und ich komme soeben aus Eurer Zelle«, meinte Michel verwundert. »So müssen wir aneinander vorbeigegangen sein, ohne daß wir es bemerkt haben. Was haltet Ihr von dem Zustand Pedros?«

Jetzt war es an dem Grafen, erstaunt zu fragen: »Welchen Pedro meint Ihr?«

»Denjenigen, der in Eurer Zelle liegt, den sie heute nachmittag halb zu Tode geprügelt haben.« De Villaverde fuhr auf.

»In meiner Zelle?« fragte er. »In meiner Zelle wohnt außer mir niemand.« »Scherzt nicht, Don Esteban. Ich komme doch direkt von dort und habe den Mann selbst im Fieber sprechen gehört. Ich träume nicht. Dazu erheischt die ganze Situation, in der wir stecken, viel zu sehr unsere ganze Aufmerksamkeit.«

»Santa Maria«, sagte der Graf. »Ich gebe Euch mein Wort, daß sie den Gebundenen nicht zu mir gelegt haben. Die einzige Möglichkeit ist, daß Ihr auf Eurem Erkundungsgang eine Zelle übersprungen habt. Der Gang verbindet vier Zellen. So mögt Ihr in der dritten gewesen sein. Auf welcher Seite des Ganges lag denn der Aufgang, wenn Ihr von hier aus kommt?« »Rechts«, erwiderte Michel.

»Muy bien, der meine führt aber links ab. Nun, es schadet nichts. Jetzt sind wir ja endlich beisammen.«

Bald saßen die beiden nebeneinander auf der Pritsche. Der Graf de Villaverde y Bielsa begann seine Geschichte.

»Es sind vier Jahre her. Da lernte ich in Valadolid die Condesa Marina de Varga kennen. Die de Vargas sind ein altes Adelsgeschlecht, aber seit der Zeit der Inquisition verarmt. Irgendwann einmal muß sich in diese Familie maurisches Blut gemischt haben; denn die Wildheit und Schönheit der de Vargas war nicht allein von spanischer Art. Ich verliebte mich in Marina und erhielt binnen kurzem auch das Jawort ihrer Eltern, obwohl unser Adel jünger ist. Mein Vater warnte mich und flehte mich an, diese Liebe aus meinem Herzen zu reißen. Allein, auch Ihr wißt, Senor, wie unvernünftig die Jugend ist, wenn es sich um Dinge des Gefühls handelt. Wir heirateten. Und ich glaubte zwei Jahre lang, bereits hier unten auf Erden einer überirdischen Seligkeit teilhaftig geworden zu sein. Eines Tages plötzlich erkrankte mein Vater. Es war eigentlich keine richtige Krankheit. Er vergaß auf einmal alles, konnte sich oftmals der einfachsten Dinge nicht mehr erinnern und sank in verhältnismäßig kurzer Zeit in völlige geistige Umnachtung. Kurz zuvor hatten wir Besuch erhalten. Mein Vetter, ein Mann, der mir auf den ersten Blick sehr ähnlich sah, kam, um eine Zeitlang hier zu jagen. Er war ein kühner Jäger und ein kräftiger Mann, dessen geistiger Horizont zwar ein wenig beschränkt, dessen körperliche Vorzüge jedoch die meinen bei weitem in den Schatten stellten. Die Folgen dieses Besuches waren furchtbar. Meine Frau, die früher kein Gewehr angefaßt hatte, entwickelte einen Jagdeifer, den ich mir zunächst nicht zu erklären vermochte. Ich war nicht mißtrauisch. Im Gegenteil, ich gönnte ihr die Abwechslung nur zu gern, denn ich war mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt, die mir wenig Zeit ließen, mich um sie zu kümmern. Ihr müßt wissen, daß ich schon seit Jahren mit der Entwicklung eines Gewehrs beschäftigt bin, mit dem man mehrmals hintereinander schießen kann, ohne laden zu müssen. Kurz, bevor ich hier in meinem eigenen Verließ eingesperrt wurde, standen die Vorarbeiten dicht vor dem Abschluß. Das nur nebenbei. — Eines Nachts — ich kam spät aus meinem Arbeitszimmer und mußte an dem Schlafgemach meiner Frau vorbeigehen — hörte ich Stimmen und lautes Lachen. Erstaunt ob der späten Fröhlichkeit, öffnete ich die Tür und fand Marina in den Armen meines Vetters.Beide schienen betrunken zu sein. Fast hätte mich der Schlag getroffen; aber mein Stolz verbot mir, die Fassung zu verlieren. Da die Ehebrecher nicht einmal Notiz von mir nahmen, obwohl ich keine zehn Schritte von ihnen entfernt stand, hielt ich es für das beste, mich zurückzuziehen. Trotz des inneren Wehs entschloß ich mich in der folgenden, schlaflosen Nacht, mein geliebtes Weib aus dem Haus zu werfen. Was blieb mir auch anderes übrig? Nun, es sollte nicht so weit kommen. Gegen Morgen, ich war endlich in einen unruhigen Schlummer gefallen, drangen die beiden in mein Schlafzimmer ein, fesselten und knebelten mich und warfen mich ins Schloßverließ.« Der Graf atmete schwer. Die Erinnerung an jene Nacht drückte ihn nieder und raubte ihm beinahe die Fassung.

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