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Joe unter den Piraten

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Joe unter den Piraten
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»Quarantäne-Station. Auf den Dampfern aus China werden oft Pocken eingeschleppt. Die Kranken müssen erst auf die Station, bis die Ärzte sie gesund schreiben. Dann erst können sie an Land gehen. Ich kann dir sagen, die sind sehr streng. Zum Beispiel. . .«

Platsch! Hätte Frisco Kid, statt ins Wasser zu springen, seinen Satz beendet, wäre Joe vermutlich viel Ärger erspart geblieben. Aber er beendete ihn nicht, und Joe sprang ihm nach.

»Paß auf!« schlug Frisco Kid eine halbe Stunde später vor, als sie am Wasserstag hingen und gerade an Bord zurückklettern wollten. »Wir fangen uns jetzt ein paar Fische zum Abendessen, und dann legen wir uns in die Falle und holen den Schlaf nach, den wir letzte Nacht nicht gekriegt haben. Klar?«

Um die Wette kletterten sie an Deck, aber Joe rutschte wieder von der Bordkante ab. Als er schließlich oben stand, hatte Frisco Kid schon zwei Angelleinen mit schweren Bleigewichten und großen Haken und einen Fischeimer mit gesalzenen Sardinen herangeschleppt. »Köder«, sagte er. »Immer eine ganze Sardine aufspießen. Die Biester da unten sind nicht verwöhnt. Scheint ihnen besonderen Spaß zu machen, Haken, Köder und die halbe Leine noch dazu zu verschlingen. Wer nicht den ersten Fisch fängt, muß nachher alle ausnehmen.« Beide Senkbleie stiegen gleichzeitig in die See hinab, und siebzig Fuß Leine zischten hinter ihnen her, bevor sie zur Ruhe kamen. Aber in dem Augenblick, in dem Joes Blei den Grund berührte, merkte er an dem verzweifelten Zucken, daß ein Fisch angebissen hatte. Als er sich an das Einholen machte, warf er einen Blick zu Frisco Kid hinüber und sah, daß auch dem offensichtlich schuppige Beute an den Haken gegangen war. Es begann ein aufregender Wettkampf. Länge um Länge schössen die nassen Leinen an Deck. Aber Frisco Kid hatte mehr Erfahrung. Sein Fisch zappelte als erster im Ruderstand. Joe war nur eine Sekunde später mit einem dreipfündigen Kabeljau. Er war außer sich vor Freude: ein ganz herrlicher Fisch - der größte, den er jemals selber gefangen oder auch nur an einer Angel gesehen hatte. Wieder gingen die Leinen über Bord, und wieder kamen sie mit zwei Burschen hoch, die sich mit den vorherigen durchaus messen konnten. Es war ein königlicher Sport. Joe hätte am liebsten weitergemacht und die ganze Bucht leergefischt, hätte Frisco Kid ihn nicht zum Aufhören bewegt.

»Das reicht für drei Mahlzeiten«, sagte er. »Was wir jetzt noch fangen, verdirbt uns nur. Und außerdem: Je mehr du fängst, desto mehr mußt du saubermachen. Fang lieber gleich an. Ich hau' mich hin!«

XII.

JOE VERSUCHT ZU ENTWISCHEN

Joe hatte nichts dagegen. Er war sogar froh, daß er nicht den ersten Fisch gefangen hatte, denn das paßte gut in einen Plan, der ihm während des Schwimmens eingefallen war. Er warf den letzten ausgenommenen Fisch in einen Eimer mit Wasser und blickte sich nach allen Seiten um. Die Quarantäne-Station war eine knappe halbe Meile entfernt, und er konnte den Wachposten sehen, der am Strand auf und ab marschierte. Joe ging in die Kajüte. Er horchte auf die schweren Atemzüge der Schläfer. Um sein Kleiderbündel zu holen, hätte er so dicht an Frisco Kid vorbeigehen müssen, daß er beschloß, es zurückzulassen. Er kehrte an Deck zurück, zog vorsichtig das Beiboot längsseits, kletterte mit zwei Riemen hinein und stieß sich ab. Er hielt auf die Quarantäne-Station zu. Anfangs ruderte er sehr sachte, da er fürchtete, bei übergroßer Hast Lärm zu machen. Aber allmählich setzte er die Ruder kraftvoller ein, bis er schließlich mit regelmäßigen, kraftvollen Schlägen dahinschoß. Als er etwa die Hälfte der Strecke hinter sich hatte blickte er auf. Nun mußte seine Flucht gelingen. Denn selbst wenn man ihn jetzt entdeckte, wäre es der Blender unmöglich, Segel zu setzen und ihn einzuholen, bevor er landete und sich in den Schutz des Mannes begab, der dort drüben die Uniform der amerikanischen Armee trug Vom Ufer her hörte er einen Schuß, aber sein Rücken war der Abschußstelle zugekehrt, und er machte sich nicht die Mühe, den Kopf zu wenden. Ein zweiter Knall folgte, und eine Kugel schlug knapp einen Meter neben dem einen Ruderblatt ins Wasser. Diesmal drehte Joe sich um. Der Soldat am Strand hob gerade sein Gewehr zum dritten Schuß auf ihn.

Joe saß in einer blödsinnigen Klemme. Wenige Minuten zähes Rudern, und er wäre am Ufer und in Sicherheit. Aber an diesem Ufer stand aus unerfindlichen Gründen ein Soldat der Vereinigten Staaten, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, auf ihn zu schießen. Als Joe ihn zum dritten Mal anlegen sah, stemmte er sich mit aller Gewalt in die Riemen. Das Boot kam zum Stillstand. Der Soldat setzte sein Gewehr ab und beobachtete ihn gespannt. »Ich will an Land!« rief Joe ihm zu. »Es ist sehr wichtig!« Der Mann in Uniform schüttelte den Kopf. »Aber es ist wirklich wichtig! Sie müssen mich an Land lassen!«

Joe blickte rasch zur Blender zurück. Augenscheinlich hatten die Schüsse Franzosen-Pete aufgeweckt, denn das Großsegel war gesetzt. Gerade in diesem Augenblick wurde der Anker gelichtet. Der Klüver fing den Wind. »Landen verboten!« rief der Soldat. »Pocken!« »Ich muß an Land!« schrie Joe. Er unterdrückte ein Schluchzen und wollte weiterrudern.

»Dann schieß ich auf dich«, war die ermutigende Antwort. Und schon ging das Gewehr wieder in Anschlag. Blitzschnell dachte Joe nach. Die Insel war groß. Vielleicht waren weiter an der Küste entlang keine Soldaten. Wenn es ihm nur erst einmal gelang, an Land zu kommen - ob und wie schnell sie ihn erwischten, war ihm dann ziemlich gleichgültig. Natürlich konnte er die Pocken bekommen, aber selbst das war ihm lieber, als zu den Piraten zurückzukehren. Er drehte das Boot halb nach rechts und legte sich mit aller Anstrengung in die Riemen. Die Bucht war recht groß und der nächste Landvorsprung, um den er herumrudern mußte, ein gutes Ende entfernt. Hätte er mehr seemännische Erfahrung gehabt, dann wäre er in entgegengesetzter Richtung auf die gegenüberliegende Landzunge zugerudert. Denn dann hätten seine Verfolger gegen den Wind segeln müssen. Nun aber hatte die Blender den Wind genau von achtern, und sie kam bald näher. Dennoch war der Ausgang des Rennens eine ganze Weile unbestimmt. Die Brise war leicht und nicht sehr stetig, so daß manchmal Joe und dann wieder die anderen einen Vorsprung gewannen. Einmal frischte es auf, und die Schaluppe kam bis auf hundert Meter heran. Aber dann flaute der Wind plötzlich wieder ab, und das mächtige Großsegel der Blender schlappte müßig hin und her. »Ah! Klauen die Boot, nickt warr?« brüllte Franzosen-Pete zu Joe hinüber. Dann rannte er in die Kajüte und kam mit einer seiner Flinten zurück. »Ick kriesch dir! Komm zurick, schnähl, schnähl, oder ick schieß dir!« Aber er wußte genau, daß der Soldat sie vom Ufer aus beobachtete, und wagte daher nicht zu schießen; nicht einmal über Joes Kopf hinweg.

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