Oblomow
- Автор: Гончаров Иван Александрович
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Oblomow». Краткое содержание книги:
»Verloren!« flüsterte er mechanisch. »Was werde ich Oljga sagen?«
Oblomow hatte die letzten Worte gehört, wollte etwas sagen, konnte aber nicht. Er streckte beide Arme zu Andrej hin, und sie umfaßten sich schweigend und fest, wie man sich vor dem Kampfe und vor dem Tode umarmt. Diese Umarmung erstickte ihre Worte, ihre Tränen und Gefühle ...
»Vergiß meinen Andrej nicht, wenn ich nicht mehr da bin ...!« waren Oblomows letzte Worte, die er mit erloschener Stimme sagte.
Andrej trat schweigend und langsam hinaus, ging langsam und sinnend über den Hof und stieg in den Wagen, während Oblomow sich auf das Sofa setzte, seine Ellbogen auf den Tisch stützte und sich das Gesicht mit den Händen bedeckte.
Nein, ich werde deinen Andrej nicht vergessen, dachte Stolz traurig, während er über den Hof schritt, du bist verloren, Ilja! Man braucht dir nicht zu sagen, daß dein Oblomowka nicht mehr in der Wildnis liegt, daß auch dein Nest an die Reihe gekommen ist und auch dort die Sonne strahlt. Ich werde dir nicht sagen, daß dein Gut nach vier Jahren eine Bahnstation sein wird, daß deine Bauern alle dazugehörigen Arbeiten verrichten werden und daß dein Getreide per Eisenbahn zum Hafen transportiert werden wird. Und dann ... die Schulen, die Aufklärung, und ferner ... Nein, du wirst dich vor dem Morgenrot des neuen Glückes fürchten, deine ungeübten Augen werden schmerzen. Ich aber werde deinen Andrej dorthin führen, wohin du nicht gelangen konntest ... und ich werde mit ihm zusammen unsere Jugendträume zur Erfüllung bringen. »Leb wohl, altes Oblomowka!« sagte er, zum letzten Male auf die Fenster des kleinen Hauses zurückblickend. »Du hast ausgelebt!«
»Was ist dort?« fragte Oljga mit starkem Herzklopfen.
»Nichts!« antwortete Andrej trocken und lakonisch.
»Lebt er und geht es ihm gut?«
»Ja«, antwortete Andrej ungern.
»Warum bist du so schnell zurückgekehrt? Warum hast du mich nicht hereingerufen und hast auch ihn nicht mitgebracht? Laß mich zu ihm!«
»Das geht nicht!«
»Was geht denn dort vor?« fragte Oljga erschrocken. »Hat sich denn ein Abgrund aufgetan? Willst du mir es nicht sagen?«
Er schwieg.
»Was geht denn dort vor?«
»Dort herrscht Oblomowerei!« antwortete Andrej düster und beantwortete die ferneren Fragen Oljgas bis zum Hause hin mit düsterem Schweigen.
Zehntes Kapitel
Es waren fünf Jahre vergangen. Auch auf der Wiborgskajastraße hatte sich vieles verändert: die leere Straße, die zum Hause der Pschenizina führte, war mit Landhäusern verbaut, zwischen denen sich ein langes, steinernes Staatsgebäude ausstreckte, das die Sonnenstrahlen daran hinderte, lustig in die Fenster des stillen Obdaches der Trägheit und Ruhe zu scheinen. Auch das Häuschen selbst war ein wenig gealtert und sah nachlässig und schmutzig aus, wie ein unrasierter und ungewaschener Mensch. Die Farbe war verblaßt, die Dachrinnen waren teilweise zerbrochen; infolgedessen befanden sich auf dem Hofe große Pfützen, über die wie früher ein schmales Brett gelegt war. Wenn jemand auf den Hof trat, zerrte die alte Arapka nicht mehr an der Kette, sondern bellte heiser und träge, ohne ihre Hütte zu verlassen. Und welche Veränderungen waren im Innern des Hauses vorgegangen! Dort herrschte eine fremde Frau und spielten fremde Kinder. Dort erschien ab und zu das rote Säufergesicht des streitsüchtigen Tarantjew, aber der sanfte, bescheidene Alexejew läßt sich dort nicht mehr blicken. Weder Sachar noch Anissja sind zu sehen. Die neue, dicke Köchin herrscht in der Küche und erfüllt ungern und ungenau die stillen Befehle Agafja Matwejewnas, und Akulina wäscht mit dem in den Gürtel gesteckten Kleidersaum die Tröge und Töpfe; derselbe schläfrige Hausbesorger beendet seine Tage müßig in demselben Schlafpelz in seiner Ecke. An dem Gitterzaun huscht zu den bestimmten Stunden des frühen Morgens und der Mittagszeit wieder die Gestalt des Bruders mit einem Paket unter dem Arm und Sommer und Winter in Gummigaloschen vorüber.
Was ist aus Oblomow geworden? Wo ist er? Seine irdische Hülle ruht auf dem nahen Friedhof, unter einer bescheidenen Urne, an einem stillen Ort zwischen Gebüsch. Die von einer Freundeshand gepflanzten Fliederzweige schlummern über dem Grabe, und darüber duftet friedlich der Wermut. Es schien, daß der Engel der Stille selbst seinen Schlaf bewachte. So wachsam das liebende Auge der Frau jeden Augenblick seines Lebens auch behütet hatte, wurde die Maschine seines Lebens durch die ewige Ruhe und Stille und durch das träge Hinkriechen der Tage doch aufgehalten. Ilja Iljitsch schien ohne Schmerzen und ohne Qualen verschieden zu sein, wie eine Uhr, welche stehenbleibt, weil man sie aufzuziehen vergessen hat. Niemand sah seine letzten Augenblicke und hörte seinen letzten Seufzer. Der Schlaganfall wiederholte sich nach einem Jahre und ging wieder glücklich vorüber; aber Ilja Iljitsch wurde bleich und schwach, begann wenig zu essen, ging selten im Garten spazieren, wurde immer schweigsamer und sinnender und weinte sogar manchmal. Er ahnte den nahen Tod und fürchtete ihn. Er fühlte sich ein paarmal unwohl, doch das verging. Eines Morgens brachte ihm Agafja Matwejewna wie gewöhnlich den Kaffee und traf ihn auf seinem Sterbelager ebensosanft ruhend an, wie er im Schlafe aussah, nur sein Kopf war ein wenig vom Kissen herabgeglitten, und er hatte die Hand krampfhaft ans Herz gepreßt, wo sich offenbar der Schmerz konzentrierte und das Blut zu zirkulieren aufgehört hatte.
Agafja Matwejewna war schon seit drei Jahren Witwe; während der Zeit hatte ihr Leben seinen ursprünglichen Gang wieder aufgenommen. Der Bruder hatte sich in verschiedene Spekulationen eingelassen, verlor aber dabei sein ganzes Geld, und es gelang ihm durch List und Unterwürfigkeit, seinen früheren Posten als Sekretär in der Kanzlei, »in der man die Bauern eintrug«, wiederzubekommen; jetzt ging er wie früher zu Fuß ins Amt und brachte Zwanzig-, Fünfundzwanzig- und Fünfzigkopekenstücke mit, die er in einen wohlverwahrten Koffer einfüllte. Die Wirtschaft wurde ebenso ordinär und einfach, aber auch ebenso reichlich geführt wie früher, vor Oblomows Zeit. Die Hauptrolle im Hause spielte die Frau des Bruders, Irina Pantelejewna, das heißt, sie nahm sich das Recht, spät aufzustehen, dreimal am Tage Kaffee zu trinken, dreimal die Kleider zu wechseln und sich in der Wirtschaft nur um das eine zu kümmern, daß ihre Röcke möglichst steif gestärkt wurden. Sonst kümmerte sie sich um nichts, und Agafja Matwejewna war wie früher der lebendige Pendel des Hauses; sie befaßte sich mit der Küche, bereitete für das ganze Haus den Tee und den Kaffee, nähte für alle, hielt die Wäsche in Ordnung und beaufsichtigte die Kinder, Akulina und den Hausbesorger. Aber warum tat sie es? Sie war ja Frau Oblomowa, eine Gutsbesitzerin; die hätte ja allein und unabhängig leben können, ohne sich um irgend jemand zu kümmern! Was hatte sie denn dazu gezwungen, die Last einer fremden Wirtschaft, der Sorge um die fremden Kinder und um all die Kleinigkeiten auf sich zu nehmen, der eine Frau sich nur entweder aus Liebe, aus Pflichtgefühl oder aus Sorge um das liebe Brot unterwirft? Wo waren denn Sachar, Anissja und die ihr nach allen Rechten zukommenden Diener? Wo war endlich das lebendige Vermächtnis ihres Mannes, der kleine Andrjuscha? Wo waren die Kinder ihres ersten Mannes?
Ihre Kinder waren versorgt, das heißt, Wanjuscha hatte den Lehrkursus absolviert und einen Posten bekommen; Maschenjka hatte den Verwalter eines Staatsgebäudes geheiratet, und Andrjuscha war von Stolz und dessen Frau an Kindes statt angenommen worden und wurde dort erzogen. Agafja Matwejewna hatte Andrjuschas Zukunft nie mit dem Schicksal ihrer andern Kinder vermengt und den ihrigen gleichgestellt, wenn sie vielleicht auch unbewußt in ihrem Herzen ihnen allen den gleichen Anteil zusprach. Aber sie teilte die Erziehung, die Lebensweise und die Zukunft Andrjuschas durch einen ganzen Abgrund vom Leben Wanjuschas und Maschenjkas ab.
»Was sind denn die? Ebensolche Aschenbrödel wie ich selbst«, sagte sie wegwerfend, »sie sind von gemeinem Blut, und dieser«, fügte sie, fast mit Hochachtung an Andrjuscha denkend, hinzu, indem sie ihn, wenn nicht schüchtern, so doch vorsichtig liebkoste, »dieses herrschaftliche Kind! Wie weiß er ist, wie ein Glasapfel! Was für kleine Händchen und Füßchen und was für seidene Haare er hat! Er ist ganz dem Verstorbenen nachgeraten!«